Fich­ten als Hecke

Dem Cha­rak­ter einer Hecke iSd § 12 NRG BW steht nicht ent­ge­gen, dass es sich um eine Rei­he von Fich­ten han­delt. Fich­ten sind hoch­stäm­mi­ge Bäu­me im Sin­ne von Art. 15 Abs.1 des badi­schen AGBGB.

Fich­ten als Hecke

Der vor­lie­gen­de; vom Land­ge­richt Frei­burg ent­schie­de­ne Fall war nach den Vor­schrif­ten des am 1.01.1960 in Kraft getre­te­nen NRG BW zu beur­tei­len. Nach­dem der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer für sei­ne von der Nach­ba­rin bestrit­te­ne Behaup­tung, die Bäu­me sei­en bereits 1938 gepflanzt wor­den, kei­nen Beweis ange­tre­ten hat, schei­det eine Anwen­dung der vor dem 1.01.1960 im ehe­mals badi­schen Lan­des­teil gel­ten­den Vor­schrif­ten des badi­schen AGBGB – unab­hän­gig vom Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen der Über­lei­tungs­vor­schrift in § 33 Abs. 1 NRG BW – aus.

Das Land­ge­richt Hei­del­berg ver­tritt die Auf­fas­sung, dass es sich bei Fich­ten um eine Hecke han­deln kann, die gem. § 12 Abs. 3 NRG BW auf die zuläs­si­ge Höhe von 1, 80 m zu kür­zen ist.

Die für eine Hecke cha­rak­te­ris­ti­sche Geschlos­sen­heit der Pflan­zen­kör­per unter sich ("Dicht­schluss"), der den Pflan­zen­ver­bund als wand­ar­ti­ge For­ma­ti­on erschei­nen lässt, 1 liegt aus­weis­lich der erst­in­stanz­lich vor­ge­leg­ten Licht­bil­der vor. Im Übri­gen macht der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer mit der Beru­fung selbst gel­tend, die Hecke sei für den Sicht­schutz unent­behr­lich, was wie­der­um vor­aus­setzt, dass die Anpflan­zung kei­ne grö­ße­ren Lücken auf­weist.

Dem Cha­rak­ter der Anpflan­zung als Hecke steht auch nicht ent­ge­gen, dass es sich um eine Rei­he von Fich­ten han­delt. § 12 NRG BW gilt für alle "Gehöl­ze", ohne dass es dar­auf ankommt, um wel­che Art von Gehölz es sich han­delt 2. Ins­be­son­de­re kön­nen auch Gehöl­ze, deren Ein­zel­grenz­ab­stän­de in § 16 NRG BW gere­gelt sind, eine nach §§ 12 ff. NRG BW zu beur­tei­len­de Hecke bil­den 3. Dies ergibt sich schon dar­aus, dass § 16 NRG BW auch Grenz­ab­stän­de für "Sträu­cher" regelt, die ein­deu­tig typi­sche Hecken­pflan­zen sind.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Grund­stücks­ei­gen­tü­mers führt die Cha­rak­te­ri­sie­rung der Baum­rei­he als Hecke auch nicht dazu, dass der Schutz­zweck des § 26 NRG BW (Ver­jäh­rung von Besei­ti­gungs­an­sprü­chen) unter­lau­fen wird. § 26 Abs. 3 NRG BW regelt nur, dass der Anspruch auf das Zurück­schnei­den von Hecken nicht der Ver­jäh­rung unter­wor­fen ist. Für die Fra­ge, ob eine Anpflan­zung eine Hecke ist oder nicht, kann § 26 NRG BW nicht her­an­ge­zo­gen wer­den, da die­se Vor­schrift das Tat­be­stands­merk­mal der Hecke gera­de vor­aus­setzt.

Der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer kann sich gegen­über dem Anspruch auf Kür­zung der Hecke nach § 12 Abs. 3 NRG BW nicht erfolg­reich dar­auf beru­fen, dass von der Hecke weder eine Gefahr noch eine kon­kre­te Beein­träch­ti­gung aus­ge­he. Denn – anders als ein Anspruch nach § 1004 BGB – besteht der Anspruch gem. § 12 Abs. 3 NRG BW allein auf­grund der Nicht­ein­hal­tung des Grenz­ab­stan­des, unab­hän­gig von einer kon­kre­ten Beein­träch­ti­gung. Abge­se­hen davon ist der Vor­trag des Grund­stücks­ei­gen­tü­mers zur feh­len­den Beein­träch­ti­gung des klä­ge­ri­schen Grund­stücks nicht hin­rei­chend sub­stan­ti­iert. Denn ange­sichts der in ers­ter Instanz vor­ge­leg­ten Licht­bil­der, die ein­drucks­voll die Nähe der dich­ten und hohen Fich­ten­rei­he zum Haus bele­gen, ist nicht vor­stell­bar, dass eine Beein­träch­ti­gung (ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die Son­nen­ein­strah­lung) aus­ge­schlos­sen sein soll.

Für den Kür­zungs­an­spruch nach § 12 Abs. 3 NRG BW kommt es auch nicht dar­auf an, ob das Grund­stück der Nach­ba­rin durch die von den Bäu­men aus­ge­hen­den Ein­wir­kun­gen nicht oder nur unwe­sent­lich beein­träch­tigt wird (§ 906 BGB). Denn gem. Art. 124 Abs. 1 EGBGB "blei­ben die lan­des­recht­li­chen Vor­schrif­ten, wel­che das Eigen­tum an Grund­stü­cken zu Guns­ten der Nach­barn noch ande­ren als den im Bür­ger­li­chen Gesetz­buch bestimm­ten Ein­schrän­kun­gen unter­wer­fen [unbe­rührt]", d.h. ein bestehen­der Anspruch nach dem NRG BW (hier aus § 12 NRG BW) wird grund­sätz­lich nicht durch eine (schein­bar) ent­ge­gen­ste­hen­de Dul­dungs­pflicht nach dem BGB (hier aus § 906 BGB) aus­ge­schlos­sen 4.

Mit zutref­fen­der und aus­führ­li­cher Begrün­dung, die sich das Land­ge­richt zu eigen macht, hat das Amts­ge­richt dar­über hin­aus ent­schie­den, dass der Anspruch der Nach­ba­rin weder ver­jährt noch ver­wirkt ist. Soweit der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer das für eine Ver­wir­kung erfor­der­li­che "Umstands­mo­ment" in sei­ner Beru­fungs­be­grün­dung dar­in sehen will, dass die Nach­ba­rin in der Ver­gan­gen­heit nur den Anspruch auf Abschnei­den der her­über­ra­gen­den Zwei­ge, nicht dage­gen den Anspruch auf Redu­zie­rung der Höhe gel­tend gemacht habe, bleibt es dabei, dass sich das Ver­hal­ten der Nach­ba­rin in der blo­ßen Nicht­gel­tend­ma­chung des Anspruchs erschöpft. Dies allein begrün­det jedoch nicht das für eine Ver­wir­kung erfor­der­li­che "Umstands­mo­ment" 5. Der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer hat auch nichts dazu vor­ge­tra­gen, war­um er davon aus­ge­hen durf­te, dass die Nach­ba­rin ihren Kür­zungs­an­spruch auch zukünf­tig nicht gel­tend machen wür­de und inwie­fern er sich auf­grund des geschaf­fe­nen Ver­trau­ens­tat­be­stands in sei­nen Maß­nah­men so ein­ge­rich­tet hat, dass ihm durch die ver­spä­te­te Gel­tend­ma­chung des Rechts ein unzu­mut­ba­rer Nach­teil ent­stün­de. Allein die Tat­sa­che, dass die Hecke inzwi­schen erheb­lich höher gewor­den ist, genügt nicht, andern­falls wür­de die Vor­schrift des § 26 Abs. 3 NRG NW (Unver­jähr­bar­keit des Ver­kür­zungs­an­spruchs) weit­ge­hend aus­ge­höhlt.

Die Gel­tend­ma­chung des Kür­zungs­an­spruchs ist vor­lie­gend auch nicht rechts­miss­bräuch­lich. Soweit der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer meint, der bestehen­de Sicht­schutz wür­de durch die Kür­zung besei­tigt und sei­ne Pri­vat­sphä­re dadurch unzu­mut­bar beein­träch­tigt, weist das Land­ge­richt dar­auf hin, dass dem Grund­stücks­ei­gen­tü­mer der Anspruch auf Schutz sei­ner Pri­vat­sphä­re nicht im gel­tend gemach­ten Umfang zusteht. Der Gesetz­ge­ber hat durch die Rege­lung in § 12 NRG BW (Begren­zung von grenz­na­hen Hecken auf eine Höhe von 1, 80 m) zu erken­nen gege­ben, dass der Anspruch auf Schutz der Pri­vat­sphä­re nicht unbe­grenzt besteht, son­dern ggf. hin­ter den Inter­es­sen des Nach­barn an Licht- und Luft­zu­fuhr zu sei­nem Grund­stück zurück­tre­ten muss.

Dass es der Nach­ba­rin nicht um rein schi­ka­nö­ses Ver­hal­ten, son­dern um die Gel­tend­ma­chung berech­tig­ter eige­ner Inter­es­sen geht, zeigt sich auch dar­an, dass sie außer­ge­richt­lich Ver­gleichs­ver­hand­lun­gen dahin­ge­hend ange­bo­ten hat, die Bäu­me nur teil­wei­se (dafür aber in vol­ler Höhe) zu besei­ti­gen. Ob durch eine sol­che Maß­nah­me der Cha­rak­ter der Anpflan­zung als Hecke – und damit auch der Kür­zungs­an­spruch dem. § 12 Abs. 3 NRG BW – besei­tigt wür­de, bedarf im Rah­men des hie­si­gen Ver­fah­rens kei­ner Ent­schei­dung.

Land­ge­richt Frei­burg, Beschluss vom 5. Novem­ber 2014 – 3 S 101/​14

  1. zu die­sem Erfor­der­nis vgl. Pel­ka, Das Nach­bar­recht in Baden-Würt­tem­berg, 20. Aufl., Anm. zu § 12 NRG; Bruns, NRG Baden-Würt­tem­berg, 2. Aufl., § 12 Rn. 13, Birk, Nach­bar­recht für Baden-Würt­tem­berg, 5. Aufl., § 12 Anm. 1; OLG Karls­ru­he, Urteil v. 25.07.2014, 12 U 162/​12[]
  2. vgl. z.B. für die Ein­ord­nung einer Bam­bus­an­pflan­zung als "Hecke" i.S.v. § 12 NRG BW LG Kon­stanz, NJOZ 2001, 240; OLG Karls­ru­he a.a.O.[]
  3. so aus­drück­lich Birk, a.a.O. m.w.N.[]
  4. vgl. ein­ge­hend zum Ver­hält­nis NRG BW – § 906 BGB Birk, a.a.O., E II; s.a. Palandt/​Bassenge, BGB, 73. Aufl., Art. 124 EGBGB Rn. 1[]
  5. vgl. zu den Vor­aus­set­zun­gen der Ver­wir­kung vgl. BGH NJW 2003, 824; 2011, 212; Palandt/​Grüneberg, a.a.O., § 242 Rn. 93 ff. m.w.N.[]