For­de­rungs­ab­tre­tung nach Insol­venz­eröff­nung

Tritt der Schuld­ner nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens oder nach Erlass eines vor­läu­fi­gen Ver­fü­gungs­ver­bots eine ihm zuste­hen­de For­de­rung an einen ande­ren ab, wird der Dritt­schuld­ner durch die Zah­lung an den Schein­zes­sio­nar nicht von sei­ner Ver­bind­lich­keit befreit.

For­de­rungs­ab­tre­tung nach Insol­venz­eröff­nung

Kei­ne Schuld­be­frei­ung nach § 82 S. 1 InsO

Der Zah­lung an den Abtre­tungs­emp­fän­ger kommt im Ver­hält­nis zum Insol­venz­ver­wal­ter kei­ne schuld­be­frei­en­de Wir­kung zu. Der zu beur­tei­len­de Leis­tungs­vor­gang wird nicht durch die Vor­schrift des § 82 Satz 1 InsO erfasst.

Die Bestim­mung des § 82 InsO schützt den Leis­ten­den in sei­nem Ver­trau­en auf die Emp­fangs­zu­stän­dig­keit sei­nes Gläu­bi­gers, wenn ihm die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über des­sen Ver­mö­gen solan­ge unbe­kannt geblie­ben ist, wie er den Leis­tungs­er­folg noch zu ver­hin­dern ver­mag 1. Der Schutz des § 82 InsO beschränkt sich aller­dings auf den guten Glau­ben des Leis­ten­den in den Fort­be­stand der zum Zeit­punkt des Ent­ste­hens der Ver­bind­lich­keit noch gege­be­nen, durch die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens oder den Erlass eines vor­läu­fi­gen Ver­fü­gungs­ver­bots nach­träg­lich ent­fal­len­den Emp­fangs­zu­stän­dig­keit des Schuld­ners. Die Vor­schrift greift hin­ge­gen nicht zuguns­ten des Leis­ten­den ein, wenn durch eine von dem Schuld­ner nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens oder nach Erlass eines vor­läu­fi­gen Ver­fü­gungs­ver­bots getrof­fe­ne Ver­fü­gung – gleich ob im Wege einer For­de­rungs­ab­tre­tung (§§ 398 ff BGB) oder einer Ein­zie­hungs­er­mäch­ti­gung (§ 362 Abs. 2 BGB, § 185 Abs. 1) – die Ein­zie­hungs­be­fug­nis eines Drit­ten begrün­det wer­den soll. Ver­fü­gun­gen des Schuld­ners nach Ver­fah­rens­er­öff­nung oder nach Erlass eines vor­läu­fi­gen Ver­fü­gungs­ver­bots sind – abge­se­hen von Fäl­len eines grund­buch­mä­ßi­gen Gut­glau­bens­schut­zes – gemäß § 81 Abs. 1 Satz 1 InsO schlecht­hin unwirk­sam. Beruht das Ein­zie­hungs­recht eines Drit­ten auf einer sol­chen Ver­fü­gung, ist die Rege­lung des § 81 Abs. 1 Satz 1 InsO mit der dort ent­hal­te­nen Nich­tig­keits­fol­ge gegen­über § 82 InsO vor­ran­gig.

Ermäch­tigt danach der noch unein­ge­schränkt ver­fü­gungs­be­fug­te Schuld­ner einen ande­ren zum Emp­fang einer Leis­tung (§ 362 Abs. 2, § 185 Abs. 1 BGB), wird ein Dritt­schuld­ner im Fal­le einer nach Ver­fah­rens­er­öff­nung an den Ermäch­tig­ten bewirk­ten Leis­tung gemäß § 82 Satz 1 InsO von sei­ner Schuld befreit, wenn er kei­ne Kennt­nis von der Ver­fah­rens­er­öff­nung hat­te. Erteilt der Schuld­ner die Ermäch­ti­gung hin­ge­gen erst nach Ver­fah­rens­er­öff­nung oder nach Erlass eines Ver­fü­gungs­ver­bots (§ 81 Abs. 1 Satz 1, § 24 Abs. 1, § 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 InsO), ist die Ermäch­ti­gung als Ver­fü­gung unwirk­sam. Dann kommt einer Leis­tung auch des gut­gläu­bi­gen Dritt­schuld­ners an den ver­meint­lich Ermäch­tig­ten kei­ne schuld­be­frei­en­de Wir­kung zu 2.

Dar­an anknüp­fend ist im Streit­fall für eine schuld­be­frei­en­de Leis­tung des Schuld­ners an den Abtre­tungs­emp­fän­ger kein Raum, weil es an einem rechts­be­stän­di­gen For­de­rungs­er­werb durch die­se fehlt 3. Die von dem Schuld­ner zuguns­ten des Abtre­tungs­emp­fän­gers erklär­te Abtre­tung der gegen die Neben­in­ter­ve­ni­en­tin gerich­te­ten For­de­rung ging infol­ge des ihm zuvor auf­er­leg­ten Ver­fü­gungs­ver­bots ins Lee­re (§ 81 Abs. 1 Satz 1, § 24 Abs. 1, § 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 InsO). Zah­lun­gen des Schuld­ners an den Abtre­tungs­emp­fän­ger als ver­meint­li­chen Zes­sio­nar konn­ten man­gels eines gül­ti­gen For­de­rungs­er­werbs eben­so wie bei einer unwirk­sa­men Ermäch­ti­gung kei­ne Schuld­be­frei­ung ent­fal­ten 4.

Kei­ne Schuld­be­frei­ung nach § 407 I, 408 I, II BGB

Der Schuld­ner ist weder gemäß § 407 Abs. 1, § 408 Abs. 1 und 2 BGB noch nach Maß­ga­be des § 409 Abs. 1 BGB durch die Zah­lung an den Abtre­tungs­emp­fän­ger von sei­ner Ver­bind­lich­keit frei gewor­den.

Nach Insol­venz­eröff­nung oder dem Erlass eines Ver­fü­gungs­ver­bots (§ 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 InsO) kommt eine Schuld­be­frei­ung nach Maß­ga­be der §§ 407, 408 BGB nur in Betracht, soweit die­se Rege­lun­gen nicht mit § 81 Abs. 1 Satz 1, § 82 Satz 1 InsO kol­li­die­ren. § 82 InsO bie­tet wie die im Wesent­li­chen inhalts­glei­che 5 Vor­gän­ger­re­ge­lung des § 8 KO eine beson­de­re, abschlie­ßen­de Ver­güns­ti­gung 6. Sons­ti­ge Befrei­ungs­tat­be­stän­de sind dar­um nach Ein­grei­fen insol­venz­recht­li­cher Ver­fü­gungs­ver­bo­te grund­sätz­lich nicht mehr beacht­lich 7.

Kei­ne Schuld­be­frei­ung nach § 409 I BGB

Auch aus § 409 Abs. 1 BGB kann der Schuld­ner im Blick auf die Zah­lung an den Abtre­tungs­emp­fän­ger kei­ne Rech­te her­lei­ten.

Die­se Vor­schrift geht davon aus, dass der Gläu­bi­ger, der die Abtre­tungs­an­zei­ge oder Abtre­tungs­ur­kun­de aus­stellt, über die For­de­rung ver­fü­gen kann; nur dann ist es näm­lich gerecht­fer­tigt, ihn trotz der Unwirk­sam­keit der ange­zeig­ten Abtre­tung an sei­ner Erklä­rung fest­zu­hal­ten. Die Erklä­rung eines nicht ver­fü­gungs­be­rech­tig­ten Gläu­bi­gers kann die­se Wir­kung eben­so wenig haben wie eine Erklä­rung, die ein Nicht­gläu­bi­ger abgibt 8. Die Rege­lung des § 409 BGB ist also unan­wend­bar, wenn der ange­zeig­ten Abtre­tung ein Abtre­tungs­ver­bot ent­ge­gen­steht 9. Im Streit­fall ist § 409 Abs. 1 BGB danach nicht anwend­bar, weil der Schuld­ner infol­ge der Anord­nung nach § 21 Abs. 2 Nr. 2 InsO nicht mehr ver­fü­gungs­be­fugt war 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Juli 2012 – IX ZR 210/​11

  1. BGH, Urteil vom 16.07.2009 – IX ZR 118/​08, BGHZ 182, 85 Rn. 9[]
  2. Münch­Komm-InsO/Ot­t/Vuia, 2. Aufl., § 82 Rn. 3b; Jaeger/​Windel, InsO, § 82 Rn. 11; Lüke in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO 2010, § 82 Rn. 5; BKInsO/​v. Ols­hau­sen, 2011, § 82 Rn. 6[]
  3. vgl. B. Schä­fer, ZIn­sO 2008, 16, 17 f[]
  4. vgl. RGZ 83, 184, 189; RG LZ 1913 Nr. 5 Sp. 395, 398; B. Schä­fer, aaO; Münch­Komm-InsO/Ot­t/Vuia, aaO, § 82 Rn. 3d; Jaeger/​Henckel, KO, 9. Aufl., § 7 Rn.20; Lüke in Kübler/​Prütting/​Bork, aaO, § 82 Rn. 4; BKInsO/​v. Ols­hau­sen, aaO, § 82 Rn. 7; Pie­ken­brock in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, § 82 InsO Rn. 6[]
  5. BT-Drucks. 12/​2443, S. 136[]
  6. BGH, Urteil vom 12.11.1998 – IX ZR 145/​98, BGHZ 140, 54, 59; vom 16.07.2009, aaO, Rn. 13[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 24.04.1986 – VII ZR 248/​85, ZIP 1986, 720[]
  8. BGH, Urteil vom 05.02.1987 – IX ZR 161/​85, BGHZ 100, 36, 46[]
  9. BGH, Urteil vom 05.07.1971 – II ZR 176/​68, BGHZ 56, 339, 345[]
  10. Münch­Komm-InsO/Ot­t/Vuia, aaO; Pie­ken­brock, aaO; BKInsO/​v. Ols­hau­sen, aaO; aA Uhlen­bruck, InsO, 13. Aufl., § 82 Rn. 10[]