For­de­rungs­ab­tre­tung nach selb­stän­di­gem Beweis­ver­fah­ren

Der Zes­sio­nar einer For­de­rung, zu deren anspruchs­be­grün­den­den Tat­sa­chen der Zedent vor der Abtre­tung ein selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet hat­te, ist gehin­dert, zu den glei­chen Tat­sa­chen ein wei­te­res selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren gegen den­sel­ben Antrags­geg­ner ein­zu­lei­ten.

For­de­rungs­ab­tre­tung nach selb­stän­di­gem Beweis­ver­fah­ren

Zutref­fend geht das Beschwer­de­ge­richt davon aus, dass die Antrag­stel­le­rin im Umfang der Zurück­wei­sung ihrer sofor­ti­gen Beschwer­de kein schüt­zens­wer­tes recht­li­ches Inter­es­se an der Durch­füh­rung eines wei­te­ren selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens vor dem Land­ge­richt B. hat, § 485 Abs. 2 und 3 ZPO. Der Zes­sio­nar einer For­de­rung, zu deren anspruchs­be­grün­den­den Tat­sa­chen der Zedent vor der Abtre­tung ein selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet hat­te, ist gehin­dert, zu den glei­chen Tat­sa­chen ein wei­te­res selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren gegen den­sel­ben Antrags­geg­ner ein­zu­lei­ten. Das ergibt sich aus einer ent­spre­chen­den Anwen­dung der §§ 265, 325 ZPO i.V.m. § 485 Abs. 3 ZPO.

Nach § 485 Abs. 3 ZPO ist der vom Antrag­stel­ler erneut gestell­te Antrag auf Durch­füh­rung eines wei­te­ren selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens gegen den glei­chen Antrags­geg­ner unzu­läs­sig, wenn über den glei­chen Beweis­ge­gen­stand bereits ein ande­res Beweis­ver­fah­ren am glei­chen oder an einem ande­ren Gericht anhän­gig ist 1. Die gesetz­ge­be­ri­sche Inten­ti­on ist, die dop­pel­te Anhän­gig­keit von Beweis­ver­fah­ren mit dem glei­chen Beweis­the­ma und die mehr­fa­che Begut­ach­tung durch ver­schie­de­ne Sach­ver­stän­di­ge zu unter­bin­den. Damit sol­len ver­schie­de­ne Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten mit diver­gie­ren­den Ergeb­nis­sen ver­mie­den wer­den. Gleich­zei­tig dient die Vor­schrift der Ent­las­tung der Gerich­te und der Pro­zess­öko­no­mie 2.

Glei­ches gilt, wenn statt des bis­he­ri­gen Antrag­stel­lers der Zes­sio­nar der wäh­rend der Anhän­gig­keit des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens abge­tre­te­nen For­de­rung einen erneu­ten Antrag auf Durch­füh­rung eines wei­te­ren selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens zum glei­chen Beweis­the­ma stellt. Das folgt aus dem auf das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren ent­spre­chend anwend­ba­ren Rege­lungs­kon­zept der §§ 265, 325 ZPO.

Nach § 265 Abs. 1 ZPO schließt die Rechts­hän­gig­keit eines Anspruchs sei­ne Abtre­tung nicht aus. Nach Absatz 2 hat die Abtre­tung kei­nen Ein­fluss auf den Pro­zess, die­ser wird vom Zedent fort­ge­führt, falls nicht der Zes­sio­nar ihn mit Zustim­mung des Geg­ners über­nimmt.

Dem liegt der Gedan­ke zugrun­de, dass die Abtre­tung den Ver­lust der Sach­le­gi­ti­ma­ti­on zur Fol­ge hat, so dass ohne die­se gesetz­li­che Rege­lung die Kla­ge als unbe­grün­det abzu­wei­sen wäre. Der Geg­ner müss­te damit rech­nen, vom Zes­sio­nar erneut ver­klagt zu wer­den. § 265 ZPO soll dies ver­hin­dern, um den Pro­zess­geg­ner, der die Ver­än­de­rung der mate­ri­el­len Rechts­la­ge nicht beein­flus­sen kann, nicht um die bis­he­ri­gen Pro­zess­ergeb­nis­se zu brin­gen, etwa ein ihm güns­ti­ges Beweis­ergeb­nis oder die finan­zi­el­le Sicher­heit der Pro­zess­kos­ten­er­stat­tung bei gerin­ge­rer Zah­lungs­fä­hig­keit des Rechts­nach­fol­gers. Die Vor­schrift schützt auch den Ver­äu­ße­rer und all­ge­mein das wech­sel­sei­ti­ge Inter­es­se der Par­tei­en dar­an, den Pro­zess mit der Par­tei zu Ende zu füh­ren, mit der er begon­nen wur­de und dient der Pro­zess­öko­no­mie 3.

Die­se Rechts­ge­dan­ken sind auf das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren ent­spre­chend anwend­bar. Auch in die­sem Ver­fah­ren hat der Antrags­geg­ner ein berech­tig­tes Inter­es­se dar­an, das ein­mal begon­ne­ne Ver­fah­ren mit einem im Haupt­sache­pro­zess ver­wert­ba­ren Beweis­ergeb­nis zu Ende zu füh­ren. Ohne die ent­spre­chen­de Anwen­dung der oben geschil­der­ten Grund­sät­ze wür­de dem Zeden­ten mit der Abtre­tung für die wei­te­re Durch­füh­rung des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens regel­mä­ßig das recht­li­che Inter­es­se an der Beweis­erhe­bung feh­len und sein Antrag wür­de unzu­läs­sig. Der Antrags­geg­ner könn­te einem erneu­ten Beweis­ver­fah­ren zu den glei­chen Beweis­fra­gen sei­tens des Zes­sio­nars aus­ge­setzt sein. Einen Par­tei­wech­sel kann er nicht erzwin­gen.

Des­halb ist es gebo­ten, dass der Zedent das Beweis­ver­fah­ren gegen den Antrags­geg­ner nach Abtre­tung des zugrun­de lie­gen­den Anspruchs grund­sätz­lich wei­ter­führt, falls der Zes­sio­nar die­ses nicht mit Zustim­mung des Geg­ners über­nimmt.

Dem Zes­sio­nar ist auf die­ser Grund­la­ge und unter Berück­sich­ti­gung des Ver­bots der Mehr­fach­be­gut­ach­tung nach § 485 Abs. 3 ZPO ver­sagt, die glei­chen Beweis­fra­gen erneut gegen den glei­chen Geg­ner anhän­gig zu machen. Er kann dafür kein schutz­wür­di­ges eige­nes Inter­es­se gel­tend machen:

Der Zes­sio­nar kann das Ergeb­nis des vom Zedent geführ­ten selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens in einem etwai­gen Haupt­sa­che­ver­fah­ren als Klä­ger gegen den Antrags­geg­ner als Beklag­ten ver­wer­ten, wenn die Abtre­tung nach Anhän­gig­keit erfolg­te, § 493 ZPO 4. Das folgt aus dem auch auf das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren anwend­ba­ren Rechts­ge­dan­ken des § 325 ZPO. Danach wirkt ein rechts­kräf­ti­ges Urteil auch für und gegen die Per­so­nen, die nach dem Ein­tritt der Rechts­hän­gig­keit Rechts­nach­fol­ger der Par­tei­en gewor­den sind. Dar­aus folgt, dass ein Gläu­bi­ger die pro­zes­sua­len Wir­kun­gen eines mit dem Schuld­ner geführ­ten Rechts­streits nicht durch eine spä­te­re Abtre­tung der rechts­hän­gi­gen For­de­rung zunich­tema­chen kann, was mit der Rege­lung in § 265 Abs. 2 ZPO kor­re­spon­diert, wonach eine nach Rechts­hän­gig­keit erfolg­te Abtre­tung der Kla­ge­for­de­rung grund­sätz­lich kei­nen Ein­fluss auf den Pro­zess hat. Es erscheint gebo­ten, die­se pro­zes­sua­len Rege­lun­gen auf die Fort­set­zung des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens und auf die Ver­wert­bar­keit des gewon­ne­nen Ergeb­nis­ses ent­spre­chend anzu­wen­den, wenn ein Betei­lig­ter die­ses Ver­fah­rens sei­ne For­de­rung erst nach Anhän­gig­keit des Beweis­ver­fah­rens oder sogar nach des­sen Abschluss abge­tre­ten hat 5. Auf die­se Wei­se wird ver­mie­den, dass der Gläu­bi­ger sich einem ihm etwa nach­tei­li­gen Ergeb­nis des Beweis­ver­fah­rens dadurch ent­zieht, dass er den nach­fol­gen­den Haupt­sa­che­rechts­streit nicht selbst ein­lei­tet, son­dern durch einen Zes­sio­nar füh­ren lässt. Zudem wäre nicht ein­seh­bar, dass der Antrags­geg­ner sich nicht an dem Ergeb­nis des gegen ihn durch den Zeden­ten geführ­ten Beweis­ver­fah­rens fest­hal­ten las­sen muss, wenn er vom Zes­sio­nar ver­klagt wird. Ein sol­ches Ergeb­nis wäre nicht inter­es­sen­ge­recht. Der Antrags­geg­ner wür­de allein dadurch einen Pro­zess­vor­teil erlan­gen, dass das im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren ein­ge­hol­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten nur des­we­gen nicht ver­wert­bar wäre, weil der Antrag­stel­ler die­ses Ver­fah­rens wäh­rend oder nach Durch­füh­rung die­ses Beweis­ver­fah­rens sei­ne Ansprü­che abge­tre­ten hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Okto­ber 2011 – VII ZB 126/​09

  1. OLG Köln, VersR 1992, 1152; OLG Hamm, BauR 1988, 762 = ZfBR 1987, 202; Wei­se, Selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren im Bau­recht, 2. Aufl., § 2 Rn. 237, 240; Thomas/​Putzo, ZPO, 32. Aufl., § 485 Rn. 1; Münch­Komm-ZPO/­Schrei­ber, 3. Aufl., § 485 Rn. 13[]
  2. BT-Druck­sa­che 11/​3621 und 11/​8283, S. 47[]
  3. Münch­Komm-ZPO/­Be­cker­Eber­hard, 3. Aufl., § 265 Rn. 1 ff. m.w.N.[]
  4. KG, MDR 1981, 940; OLG Düs­sel­dorf, MDR 1985, 1032; Wei­se, aaO, § 7 Rn. 640; KleineMöller/​Praun/​Merl, Hand­buch des pri­va­ten Bau­rechts, 3. Aufl., § 16 Rn. 319; Wieczorek/​Schütze/​Ahrens, ZPO, 3. Aufl., § 493 Rn. 8[]
  5. KG, MDR 1981, 940; OLG Frank­furt, MDR 1984, 238; Wieczorek/​Schütze/​Ahrens, aaO, Rn. 8[]