Fremd­geld – und die von einem Bevoll­mäch­tig­ten geän­der­te Aus­zah­lungs­an­wei­sung

Ein Rechts­an­walt, der ent­spre­chend einer wirk­sa­men Wei­sung des Bevoll­mäch­tig­ten sei­nes Man­dan­ten eine für die­sen ein­ge­zo­ge­ne For­de­rung an einen Drit­ten aus­kehrt, han­delt nicht pflicht­wid­rig, wenn es an einem evi­den­ten Miss­brauch der Ver­tre­tungs­macht fehlt.

Fremd­geld – und die von einem Bevoll­mäch­tig­ten geän­der­te Aus­zah­lungs­an­wei­sung

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war das Man­dats­ver­hält­nis zwi­schen der durch die Inkas­so­ge­sell­schaft ver­tre­te­nen Man­dan­tin und den beklag­ten Rechts­an­wäl­ten zustan­de gekom­men. Die Inkas­so­ge­sell­schaft war von der Gläu­bi­ge­rin bevoll­mäch­tigt, in ihrem Namen mit den Rechts­an­wäl­ten einen Anwalts­dienst­ver­trag zu schlie­ßen. Aus­weis­lich der Abtre­tungs­ur­kun­de wur­den die Inkas­so­ge­sell­schaft von der Gläu­bi­ge­rin ermäch­tigt, die For­de­run­gen der Inkas­so­ge­sell­schaft gegen die K. GmbH im eige­nen Namen ein­zu­zie­hen und den betref­fen­den Rechts­streit fort­zu­füh­ren. Eine ent­spre­chen­de Ermäch­ti­gung erteil­te die Gläu­bi­ge­rin der Inkas­so­ge­sell­schaft für "wei­te­re even­tu­ell anste­hen­de For­de­run­gen". Vor die­sem Hin­ter­grund war Vor­der­ge­richts eine umfas­sen­de Ermäch­ti­gung der Inkas­so­ge­sell­schaft gewollt, die auch die hier gel­tend gemach­te, ursprüng­lich von ihr vor dem Land­ge­richt Köln ver­folg­te For­de­rung umfasst. Zugleich erteil­te die Gläu­bi­ge­rin der Inkas­so­ge­sell­schaft eine "Inkassovollmacht/​Handlungsvollmacht". Mit dem Begriff der Hand­lungs­voll­macht wird regel­mä­ßig die Befug­nis zur all­ge­mei­nen – umfas­sen­den – Ver­tre­tung zum Aus­druck gebracht 1.

Bei die­ser Sach­la­ge ver­bin­det sich mit der Ermäch­ti­gung zum For­de­rungs­ein­zug regel­mä­ßig die Ertei­lung einer Voll­macht zur Ein­schal­tung Drit­ter, um den For­de­rungs­ein­zug sicher­zu­stel­len. Der Bevoll­mäch­tig­te ist ins­be­son­de­re zur Ertei­lung einer Unter­voll­macht befugt, soweit es sich um Maß­nah­men han­delt, die er selbst nicht im Inter­es­se des Ver­tre­te­nen wahr­neh­men kann 2. Im Streit­fall bedurf­te es der Ein­ho­lung recht­li­chen Rats, um den For­de­rungs­ein­zug gegen­über der Rechts­an­walts­kanz­lei L. zu bewerk­stel­li­gen. Mit­hin umfass­te die Haupt­voll­macht auch die Ertei­lung einer Unter­voll­macht an die Rechts­an­wäl­te. Die Unter­voll­macht wur­de den Rechts­an­wäl­ten zum Zwe­cke des For­de­rungs­ein­zugs im Inter­es­se der Gläu­bi­ge­rin ersicht­lich in der Wei­se erteilt, unmit­tel­bar im Namen der ursprüng­li­chen Voll­macht­ge­be­rin, der Gläu­bi­ge­rin, zu han­deln 3. Mit­hin wur­den die Rechts­an­wäl­te im Rah­men der Ein­zie­hung des Ver­ur­tei­lungs­be­tra­ges gegen­über der Rechts­an­walts­kanz­lei L. als wirk­sam bevoll­mäch­tig­te Ver­tre­ter der Gläu­bi­ge­rin tätig.

Die von der Gläu­bi­ge­rin erteil­te umfas­sen­de Hand­lungs­voll­macht begrün­det grund­sätz­lich die Befug­nis des Ver­tre­ters, gegen­über den Rechts­an­wäl­ten eine bin­den­de Anord­nung über die Ver­wen­dung der von ihnen zuguns­ten der Gläu­bi­ge­rin ein­ge­zo­ge­nen Gel­der zu tref­fen. Bei die­ser Sach­la­ge durf­ten die Rechts­an­wäl­te ent­spre­chend der ihnen durch die Inkas­so­ge­sell­schaft erteil­ten Wei­sung den ein­ge­zo­ge­nen Zah­lungs­be­trag an einen Drit­ten wei­ter­lei­ten.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hat grund­sätz­lich der Ver­tre­te­ne das Risi­ko eines Miss­brauchs der Ver­tre­tungs­macht zu tra­gen 4. Den Ver­trags­part­ner trifft kei­ne Prü­fungs­pflicht, ob und inwie­weit der Ver­tre­ter im Innen­ver­hält­nis gebun­den ist, von sei­ner nach außen unbe­schränk­ten Ver­tre­tungs­macht nur begrenz­ten Gebrauch zu machen 5. Etwas ande­res gilt zum einen in dem hier nicht gege­be­nen Fall, dass der Ver­tre­ter kol­lu­siv mit dem Ver­trags­geg­ner zum Nach­teil des Ver­tre­te­nen ein Geschäft abschließt. Ein sol­ches Geschäft ver­stößt gegen die guten Sit­ten und ist nich­tig (§ 138 BGB) 6. Zum ande­ren ist der Ver­tre­te­ne gegen einen erkenn­ba­ren Miss­brauch der Ver­tre­tungs­macht im Ver­hält­nis zum Ver­trags­part­ner dann geschützt, wenn der Ver­tre­ter von sei­ner Ver­tre­tungs­macht in ersicht­lich ver­däch­ti­ger Wei­se Gebrauch gemacht hat, so dass beim Ver­trags­part­ner begrün­de­te Zwei­fel bestehen muss­ten, ob nicht ein Treue­ver­stoß des Ver­tre­ters gegen­über dem Ver­tre­te­nen vor­lie­ge. Not­wen­dig ist dabei eine mas­si­ve Ver­dachts­mo­men­te vor­aus­set­zen­de objek­ti­ve Evi­denz des Miss­brauchs 7. Die objek­ti­ve Evi­denz ist ins­be­son­de­re dann gege­ben, wenn sich nach den gege­be­nen Umstän­den die Not­wen­dig­keit einer Rück­fra­ge des Geschäfts­geg­ners bei dem Ver­tre­te­nen gera­de­zu auf­drängt 8.

Ein durch mas­si­ve Ver­dachts­mo­men­te zuta­ge getre­te­ner evi­den­ter Miss­brauch der Ver­tre­tungs­macht war für die Rechts­an­wäl­te ersicht­lich nicht gege­ben. Die Gläu­bi­ge­rin hat­te die Inkas­so­ge­sell­schaft und die Inkas­so­ge­sell­schaft aus­weis­lich der den Rechts­an­wäl­ten vor­ge­leg­ten Urkun­de mit dem Ein­zug der hier in Rede ste­hen­den For­de­rung im Rah­men einer Inkas­so- und Hand­lungs­voll­macht beauf­tragt. Glei­ches galt nach dem Inhalt der Urkun­de für wei­te­re an die Gläu­bi­ge­rin abge­tre­te­ne For­de­run­gen. Bei die­ser Sach­la­ge durf­ten die Rechts­an­wäl­te davon aus­ge­hen, dass die Inkas­so­ge­sell­schaft berech­tigt war, über den Ein­zug der hier betrof­fe­nen For­de­rung frei zu dis­po­nie­ren. Dem blo­ßen Hin­weis der Abtre­tungs­ur­kun­de auf das Kon­to der Gläu­bi­ge­rin war nicht zu ent­neh­men, dass Zah­lun­gen nur auf die­ses Kon­to erfol­gen durften.Anhaltspunkte für eine Rück­fra­ge der Rechts­an­wäl­ten an die Gläu­bi­ge­rin waren folg­lich nicht gege­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Mai 2017 – IX ZR 238/​15

  1. vgl. BGH, Urteil vom 12.05.2011 – III ZR 107/​10, ZIn­sO 2011, 1303 Rn. 25[]
  2. vgl. RGRK/​Steffen, BGB, 12. Aufl., § 167 Rn. 21[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 05.05.1960 – III ZR 83/​59, BGHZ 32, 250, 253[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 29.06.1999 – XI ZR 277/​98, WM 1999, 1617, 1618; vom 09.05.2014 – V ZR 305/​12, WM 2014, 1964 Rn. 18; vom 14.06.2016 – XI ZR 74/​14, BKR 2016, 383 Rn. 21[]
  5. BGH, Urteil vom 01.06.2010 – XI ZR 389/​09, WM 2010, 1218 Rn. 29; vom 14.06.2014, aaO[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 14.06.2000 – VIII ZR 218/​99, WM 2000, 2313, 2314; vom 28.01.2014 – II ZR 371/​12, WM 2014, 628 Rn. 10; vom 14.06.2016, aaO Rn. 22[]
  7. BGH, Urteil vom 25.10.1994 – XI ZR 239/​93, BGHZ 127, 239, 241; vom 01.02.2012 – VIII ZR 307/​10, WM 2012, 2020 Rn. 21; vom 09.05.2014 – V ZR 305/​12, WM 2014, 1964 Rn. 18; vom 14.06.2016, aaO[]
  8. BGH, Urteil vom 14.06.2016, aaO[]