Fris­ten­ka­len­der, Erle­di­gungs­ver­merk und Ein­tü­ten

Eine frist­wah­ren­de Maß­nah­me darf im Kalen­der als erle­digt gekenn­zeich­net wer­den, wenn der frist­wah­ren­de Schrift­satz in ein Post­aus­gangs­fach des Rechts­an­walts ein­ge­legt wird und das Post­aus­gangs­fach "letz­te Sta­ti­on" auf dem Weg zum Adres­sa­ten ist.

Fris­ten­ka­len­der, Erle­di­gungs­ver­merk und Ein­tü­ten

Das Post­aus­gangs­fach ist nicht "letz­te Sta­ti­on" auf dem Weg zum Adres­sa­ten, wenn eine Mit­ar­bei­te­rin die in dem Post­aus­gangs­fach gesam­mel­ten Schrift­sät­ze noch in Umschlä­ge ein­sor­tie­ren muss.

Im Hin­blick auf die ver­fah­rens­recht­lich gewähr­leis­te­ten Ansprü­che auf wir­kungs­vol­len Rechts­schutz (Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip) und auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) darf einer Par­tei die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nicht auf­grund von Anfor­de­run­gen an die Sorg­falts­pflich­ten ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­sagt wer­den, die nach höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung nicht ver­langt wer­den und den Par­tei­en den Zugang zu einer in der Ver­fah­rens­ord­nung ein­ge­räum­ten Instanz in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwe­ren 1.

Die­se Gren­ze sah der Bun­des­ge­richts­hof im hier ent­schie­de­nen Fall einer ver­säum­ten Beru­fungs­be­grün­dungs­frist aller­dings nicht erreicht und bejah­te ein die Wie­der­ein­set­zung aus­schlie­ßen­des anwalt­li­ches Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den in Bezug auf frist­ge­bun­de­ne Schrift­sät­ze.

Anfor­de­run­gen an die Fris­ten­kon­trol­le

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs gehört es zu den Auf­ga­ben des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, dafür zu sor­gen, dass ein frist­ge­bun­de­ner Schrift­satz recht­zei­tig her­ge­stellt wird und inner­halb der Frist bei dem zustän­di­gen Gericht ein­geht. Zu die­sem Zweck muss der Rechts­an­walt eine zuver­läs­si­ge Fris­ten­kon­trol­le orga­ni­sie­ren und ins­be­son­de­re einen Fris­ten­ka­len­der füh­ren.

Die Fris­ten­kon­trol­le muss gewähr­leis­ten, dass der frist­wah­ren­de Schrift­satz recht­zei­tig her­ge­stellt und post­fer­tig gemacht wird. Ist dies gesche­hen und ist die wei­te­re Beför­de­rung der aus­ge­hen­den Post orga­ni­sa­to­risch zuver­läs­sig vor­be­rei­tet, so darf die frist­wah­ren­de Maß­nah­me im Kalen­der als erle­digt gekenn­zeich­net wer­den.

Ein­le­gen in das Post­aus­gangs­fach

Das ist im All­ge­mei­nen anzu­neh­men, wenn der frist­wah­ren­de Schrift­satz in ein Post­aus­gangs­fach des Rechts­an­walts ein­ge­legt wird und die abge­hen­de Post von dort unmit­tel­bar zum Brief­kas­ten oder zur maß­geb­li­chen gericht­li­chen Ein­lauf­stel­le gebracht wird, das Post­aus­gangs­fach also "letz­te Sta­ti­on" auf dem Weg zum Adres­sa­ten ist. Eine zusätz­li­che Über­wa­chung der abge­hen­den Post, etwa durch Füh­rung eines Post­aus­gangs­buchs, ist unter die­sen Umstän­den nicht erfor­der­lich 2.

Die Erle­di­gung frist­ge­bun­de­ner Sachen ist am Abend eines jeden Arbeits­ta­ges anhand des Fris­ten­ka­len­ders zu über­prü­fen 3. Einen Nach­weis dafür, dass das Schrift­stück tat­säch­lich in den Post­lauf gelangt ist, hat der Bun­des­ge­richts­hof eben­so wenig gefor­dert wie eine – meist nicht mög­li­che – Dar­le­gung, wann und wie genau ein Schrift­stück ver­lo­ren gegan­gen ist; viel­mehr genügt die Glaub­haft­ma­chung, dass der Ver­lust mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit nicht in dem Bereich ein­ge­tre­ten ist, für den die Par­tei – auch über die Zurech­nung des Ver­schul­dens ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten nach § 85 Abs. 2 ZPO – ver­ant­wort­lich ist 4.

Post­aus­gangs­fach als "letz­te Sta­ti­on"

Der Bun­des­ge­richts­hof stellt maß­geb­lich dar­auf ab, dass der frist­wah­ren­de Schrift­satz post­fer­tig in das Post­aus­gangs­fach des Rechts­an­walts ein­ge­legt und die abge­hen­de Post von dort unmit­tel­bar zum Brief­kas­ten oder zur maß­geb­li­chen gericht­li­chen Ein­lauf­stel­le gebracht wird, das Post­aus­gangs­fach also "letz­te Sta­ti­on" auf dem Weg zum Adres­sa­ten ist. Wird für die Fris­ten­kon­trol­le bereits dar­an ange­knüpft, dass der frist­wah­ren­de Schrift­satz post­fer­tig gemacht wor­den ist, muss die Beför­de­rung zu der Stel­le, für die der Schrift­satz bestimmt ist, orga­ni­sa­to­risch so weit vor­be­rei­tet sein, dass sie durch Ver­se­hen, wel­che die eigent­li­che Beför­de­rung nicht betref­fen, nicht mehr ver­hin­dert wer­den kann 5.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen waren in zwei frü­he­ren Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs 6 erfüllt. Einer die­ser Ent­schei­dun­gen lag jedoch ein Sach­ver­halt zugrun­de, bei dem der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te das für das Gericht bestimm­te Ori­gi­nal der Beru­fungs­be­grün­dung unter­zeich­net sowie selbst kuver­tiert und zur Post­stel­le sei­ner Kanz­lei gebracht hat­te und danach die dort lagern­den Brie­fe nur noch von Mit­ar­bei­tern fran­kiert und unmit­tel­bar zum Brief­kas­ten gebracht wer­den muss­ten. In dem zwei­ten Fall wur­de der Schrift­satz ohne Kuvert in den für die Gerichts­post bestimm­ten Post­korb der Kanz­lei gelegt und die im Post­korb befind­li­che Gerichts­post nach der all­ge­mei­nen Anwei­sung anschlie­ßend von einem zuver­läs­si­gen Boten zur all­ge­mei­nen Ein­lauf­stel­le der Jus­tiz­be­hör­den gebracht. In die­sen Fäl­len war – abge­se­hen von der Fran­kie­rung der Post im ers­ten Fall – der Schrift­satz post­fer­tig vor­be­rei­tet und konn­te dann vom Boten zum Brief­kas­ten bzw. der Post­ein­lauf­stel­le des Gerichts gebracht wer­den.

Feh­len­de Fran­kie­rung scha­det nicht – der feh­len­de Brief­um­schlag schon

Die im hier ent­schie­de­nen Streit­fall vor­ge­tra­ge­ne all­ge­mei­ne Anwei­sung in der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin ist anders gela­gert. Hier wur­de die Beru­fungs­be­grün­dung bereits nach Aus­fer­ti­gung des Schrift­sat­zes und Unter­zeich­nung durch den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten sowohl im elek­tro­ni­schen als auch im Hand­fris­ten­ka­len­der als erle­digt gekenn­zeich­net. Zudem wur­de nach der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten das Post­aus­gangs­fach dafür genutzt, die Post zu sam­meln, die am glei­chen Tage per Brief­post her­aus­ge­hen soll­te. Die­ses Fach wur­de an jedem Werk­tag von einer Mit­ar­bei­te­rin geleert, die Brie­fe wur­den in Umschlä­ge ein­sor­tiert, mit Brief­mar­ken ver­se­hen und dann zum Brief­kas­ten der Deut­schen Post ver­bracht. Die Kenn­zeich­nung als erle­digt erfolg­te also zu einem Zeit­punkt, zu dem der Schrift­satz weder abge­sandt noch zumin­dest post­fer­tig gemacht wor­den war.

Auch nach­dem die das Dik­tat des Rechts­an­walts bear­bei­ten­de Rechts­an­walts- und Notar­fach­an­ge­stell­te den Schrift­satz in das Post­aus­gangs­fach gelegt hat­te, war die­ser noch nicht post­fer­tig, weil eine Mit­ar­bei­te­rin die in dem Post­aus­gangs­fach gesam­mel­ten Schrift­sät­ze noch in Umschlä­ge ein­sor­tie­ren muss­te. Zwar hat die Recht­spre­chung das blo­ße Fran­kie­ren der Brie­fe als unschäd­lich ange­se­hen, jedoch kann man bei der vor­lie­gen­den all­ge­mei­nen Anwei­sung nicht davon aus­ge­hen, dass der Schrift­satz in dem Sin­ne post­fer­tig in das Post­aus­gangs­fach als "letz­te Sta­ti­on" auf dem Weg zum Adres­sa­ten gelegt wur­de, dass er unmit­tel­bar zum Brief­kas­ten gebracht wer­den konn­te. Anders als in dem Fall, dass der unku­ver­tier­te Brief so, wie er in das Post­aus­gangs­fach gelegt wird, vom Boten zur Ein­gangs­stel­le des Gerichts gebracht wur­de, war bei der im Streit­fall glaub­haft gemach­ten all­ge­mei­nen Anwei­sung der wei­te­re Zwi­schen­schritt des Kuver­tie­rens erfor­der­lich, bevor die Sen­dung post­fer­tig war und im nächs­ten Schritt zur Post gebracht wer­den konn­te 7, wodurch die Gefahr ent­stand, dass der Schrift­satz in ein ande­res Kuvert gerät und die Frist nicht ein­ge­hal­ten wird.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. April 2011 – VI ZB 6/​10

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 05.11.2002 – VI ZB 40/​02, NJW 2003, 437; BGH, Beschlüs­se vom 11.06.2008 – XII ZB 184/​07, NJW 2008, 2713 Rn. 6; vom 16.02.2010 – VIII ZB 76/​09, NJW 2010, 1378 Rn. 5, jeweils mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 23.05.2006 – VI ZB 77/​05, VersR 2006, 1563, 1564; BGH, Urteil vom 11.01.2001 – III ZR 148/​00, VersR 2002, 380, 381; vom 22.05.2003 – I ZB 32/​02, BGH­Re­port 2003, 1035 f.; vom 16.02.2010 – VIII ZB 76/​09, NJW 2010, 1378 Rn. 7[]
  3. BGH, Beschluss vom 23.05.2006 – VI ZB 77/​05, aaO; BGH, Beschluss vom 16.02.2010 – VIII ZB 76/​09, aaO[]
  4. BGH, Beschluss vom 16.02.2010 – VIII ZB 76/​09, aaO[]
  5. BGH, Beschluss vom 09.09. 1997 – IX ZB 80/​97, NJW 1997, 3446, 3447[]
  6. BGH, Urteil vom 11.01.2001 – III ZR 148/​00, aaO; Beschluss vom 22.05.2003 – I ZB 32/​02, aaO[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 10.12. 2008 – XII ZB 132/​08[]