Fris­ten­ka­len­der – und das Emp­fangs­be­kennt­nis

Der Rechts­an­walt darf das Emp­fangs­be­kennt­nis für eine Urteils­zu­stel­lung erst unter­zeich­nen, wenn in den Hand­ak­ten die Rechts­mit­tel­frist fest­ge­hal­ten und ver­merkt ist, dass die Frist im Fris­ten­ka­len­der notiert wor­den ist. Rechts­mit­te­lund Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­fris­ten müs­sen so notiert wer­den, dass sie sich von gewöhn­li­chen Wie­der­vor­la­ge­fris­ten deut­lich abhe­ben.

Fris­ten­ka­len­der – und das Emp­fangs­be­kennt­nis

Andern­falls beruht die Ver­säu­mung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist durch den Klä­ger beruht auf dem Ver­schul­den sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, das dem Klä­ger gemäß § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen ist.

Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers hat pflicht­wid­rig das Emp­fangs­be­kennt­nis erteilt, ohne dass die Notie­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist im Fris­ten­ka­len­der gesi­chert war.

Zur Bestim­mung des Beginns einer Rechts­mit­tel­frist ist es erfor­der­lich, das dafür maß­geb­li­che Datum der Urteils­zu­stel­lung in einer jeden Zwei­fel aus­schlie­ßen­den Wei­se zu ermit­teln und fest­zu­hal­ten. Im Fal­le der Zustel­lung eines Schrift­stücks an den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Par­tei nach § 174 ZPO kommt es für den Frist­be­ginn dar­auf an, wann der Rechts­an­walt das Emp­fangs­be­kennt­nis unter­zeich­net hat. Des­halb bedarf es eines beson­de­ren Ver­merks in den Hand­ak­ten, wann die Zustel­lung des Urteils erfolgt ist. Um zu gewähr­leis­ten, dass ein sol­cher Ver­merk ange­fer­tigt wird und das maß­ge­ben­de Datum zutref­fend wie­der­gibt, darf der Rechts­an­walt nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs das Emp­fangs­be­kennt­nis über eine Urteils­zu­stel­lung erst unter­zeich­nen und zurück­ge­ben, wenn in den Hand­ak­ten die Rechts­mit­tel­frist fest­ge­hal­ten und ver­merkt ist, dass die Frist im Fris­ten­ka­len­der notiert wor­den ist 1. Die Hand­ak­te muss durch ent­spre­chen­de Erle­di­gungs­ver­mer­ke oder auf sons­ti­ge Wei­se erken­nen las­sen, dass die Fris­ten in den Fris­ten­ka­len­der ein­ge­tra­gen wor­den sind 2. Soweit die Recht­spre­chung Erle­di­gungs­ver­mer­ke des Büro­per­so­nals zu den jeweils in den Hand­ak­ten ein­ge­tra­ge­nen Fris­ten for­dert, soll sicher­ge­stellt wer­den, dass die Fris­ten tat­säch­lich ein­ge­tra­gen sind und dem Anwalt eine ent­spre­chen­de Kon­trol­le anhand der Hand­ak­ten mög­lich ist. Zu einer ord­nungs­ge­mä­ßen Büro­or­ga­ni­sa­ti­on gehört daher eine kla­re Anwei­sung, dass stets und unter allen Umstän­den zuerst die Fris­ten im Kalen­der ein­ge­tra­gen wer­den müs­sen, bevor ein ent­spre­chen­der Ver­merk in der Akte ein­ge­tra­gen wer­den kann. Denn sonst besteht die Gefahr, dass der Erle­di­gungs­ver­merk in der Hand­ak­te bereits vor der Ein­tra­gung in einen Kalen­der ange­bracht wird und die Gegen­kon­trol­le ver­sagt 3.

Die­sen Anfor­de­run­gen ist im Streit­fall nicht genügt. In der Hand­ak­te wur­de ledig­lich die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist nebst Vor­frist fest­ge­hal­ten. Es fehlt indes­sen an dem außer­dem in der Hand­ak­te vor­zu­neh­men­den Ver­merk, dass die Frist auch im Fris­ten­ka­len­der ein­ge­tra­gen wor­den ist 4. Der Klä­ger­ver­tre­ter hat­te ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de kei­nen Anhalts­punkt dafür, dass die Frist neben der Hand­ak­te auch in dem Kalen­der zutref­fend ver­zeich­net wor­den war. Die Wie­der­ga­be der Beru­fungs­und Beru­fungs­be­grün­dungs­frist in der Hand­ak­te doku­men­tiert ent­ge­gen der Rüge nicht ihre Notie­rung im Fris­ten­ka­len­der. Hier­für bedurf­te es eines tat­säch­lich feh­len­den eigen­stän­di­gen Ver­merks. Zudem kann dem Wie­der­ein­set­zungs­be­geh­ren nicht ent­nom­men wer­den, dass die Anwei­sung bestand, zuerst die Fris­ten im Kalen­der ein­zu­tra­gen, bevor ein Ver­merk in der Akte erfolgt 3. Da in der Hand­ak­te das Ende der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist zunächst für den 19.01.2019 fest­ge­hal­ten und sodann auf den 21.01.2019 kor­ri­giert wur­de, bestan­den für den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten kon­kre­te Zwei­fel, ob das Fris­ten­de zuvor zutref­fend im Frist­ka­len­der doku­men­tiert wor­den war.

Wäre das Emp­fangs­be­kennt­nis erst nach Anfer­ti­gung des Ver­merks über das Datum der Unter­zeich­nung und Fest­hal­tung der Rechts­mit­tel­frist auch im Fris­ten­ka­len­der zurück­ge­sandt wor­den, ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Beru­fung recht­zei­tig ein­ge­legt wor­den wäre 5. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te hät­te man­gels eines Ver­merks in der Hand­ak­te die Ein­tra­gung der zutref­fen­den Frist im Kalen­der ver­an­las­sen müs­sen. Dann wäre bei unter­stellt im Übri­gen ord­nungs­ge­mä­ßem Vor­ge­hen die Beru­fungs­be­grün­dung recht­zei­tig ein­ge­legt wor­den 6.

Lie­gen wie im Streit­fall meh­re­re Pflicht­ver­let­zun­gen vor, kann Wie­der­ein­set­zung nur dann gewährt wer­den, wenn glaub­haft gemacht wird, dass sie sich nicht auf die Frist­ver­säu­mung aus­ge­wirkt haben kön­nen 7. Besteht hin­ge­gen die Mög­lich­keit, dass die Ver­säu­mung der Frist auf dem fest­ge­stell­ten Ver­schul­den beruht, schei­det eine Wie­der­ein­set­zung aus 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Sep­tem­ber 2019 – IX ZB 13/​19

  1. BGH, Beschluss vom 05.11.2002 – VI ZR 399/​01, NJW 2003, 435, 436; vom 12.01.2010 – VI ZB 64/​09, NJW-RR 2010, 417 Rn. 9; vom 02.02.2010 – VI ZB 58/​09, NJW 2010, 1080 Rn. 6[]
  2. BGH, Beschluss vom 23.01.2013 XII ZB 167/​11, NJW-RR 2013, 1010 Rn. 10; vom 26.11.2013 – II ZB 13/​12, WM 2014, 424 Rn. 9[]
  3. BGH, Beschluss vom 26.11.2013, aaO Rn. 10[][]
  4. BGH, Beschluss vom 23.01.2013, aaO; Beschluss vom 26.11.2013, aaO Rn. 9[]
  5. BGH, Beschluss vom 12.01.2010 – VI ZB 64/​09, NJW-RR 2010, 417 Rn. 11[]
  6. BGH, Beschluss vom 26.11.2013 – II ZB 13/​12, WM 2014, 424 Rn. 13[]
  7. BGH, Beschluss vom 21.09.2000 – IX ZB 67/​00, NJW 2000, 3649, 3650[]
  8. BGH, Beschluss vom 09.05.2019 – IX ZB 6/​18, NJW 2019, 2028 Rn. 16[]