Fris­ten­kon­trol­le beim Ver­län­ge­rungs­an­trag

Die im Rah­men der Orga­ni­sa­ti­on einer wirk­sa­men Fris­ten­kon­trol­le dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten oblie­gen­de Pflicht, das bean­trag­te Fris­ten­de nebst Vor­frist bei oder als­bald nach Ein­rei­chung eines Ver­län­ge­rungs­an­trags im Fris­ten­ka­len­der ein­zu­tra­gen, hängt nicht davon ab, in wel­chem zeit­li­chen Abstand zum Ende der ursprüng­li­chen Frist ein Frist­ver­län­ge­rungs­an­trag gestellt wird.

Fris­ten­kon­trol­le beim Ver­län­ge­rungs­an­trag

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te der Beklag­te die ver­län­ger­te Frist zur Beru­fungs­be­grün­dung nach § 520 Abs. 2 ZPO ver­säumt.

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­sag­te der Beklag­ten jedoch die Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Beru­fungs­be­grün­dungs­frist. Denn nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs hat der Beklag­te weder dar­ge­tan noch glaub­haft gemacht, dass sein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter durch eine ord­nungs­ge­mä­ße Orga­ni­sa­ti­on der Fris­ten­kon­trol­le sicher­ge­stellt hat, nach einem Frist­ver­län­ge­rungs­an­trag die ver­län­ger­te Frist nicht zu ver­säu­men.

Die Sorg­falts­pflicht des Rechts­an­walts in Fris­ten­sa­chen ver­langt zuver­läs­si­ge Vor­keh­run­gen, um den recht­zei­ti­gen Aus­gang frist­wah­ren­der Schrift­sät­ze sicher­zu­stel­len. Zu den Auf­ga­ben des Rechts­an­walts gehört es des­halb, durch ent­spre­chen­de Orga­ni­sa­ti­on sei­nes Büros dafür zu sor­gen, dass Fris­ten ord­nungs­ge­mäß ein­ge­tra­gen und beach­tet wer­den. Der Anwalt hat sein Mög­lichs­tes zu tun, um Feh­ler­quel­len bei der Ein­tra­gung und Behand­lung von Fris­ten aus­zu­schlie­ßen 1. Die zur wirk­sa­men Fris­ten­kon­trol­le erfor­der­li­chen Hand­lun­gen müs­sen zum frü­hest­mög­li­chen Zeit­punkt vor­ge­nom­men wer­den 2. Bean­tragt der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te eine Frist­ver­län­ge­rung, so muss das bean­trag­te Fris­ten­de bei oder als­bald nach Ein­rei­chung des Ver­län­ge­rungs­an­trags im Fris­ten­ka­len­der ein­ge­tra­gen, als vor­läu­fig gekenn­zeich­net und recht­zei­tig, spä­tes­tens nach Ein­gang der gericht­li­chen Mit­tei­lung über­prüft wer­den, damit das wirk­li­che Ende der Frist fest­ge­stellt wer­den kann 3.

Die­sen Anfor­de­run­gen ent­sprach die Orga­ni­sa­ti­on des Fris­ten­we­sens in der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beklag­ten nicht. Nach den von der Rechts­be­schwer­de nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts gab es in der Kanz­lei kei­ne Anwei­sung, das bean­trag­te Fris­ten­de bei oder als­bald nach Ein­rei­chung des Ver­län­ge­rungs­an­trags in den Fris­ten­ka­len­der ein­zu­tra­gen.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de war die­ses Ver­säum­nis kau­sal für die Frist­ver­säu­mung. Wäre das bean­trag­te Fris­ten­de nebst Vor­frist bei oder als­bald nach Ein­rei­chung des Ver­län­ge­rungs­an­trags im Fris­ten­ka­len­der ein­ge­tra­gen wor­den, so hät­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Beklag­ten nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge bei ansons­ten pflicht­ge­mä­ßem Ver­hal­ten die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist gewahrt. Denn spä­tes­tens bei Akten­vor­la­ge zur Vor­frist des bean­trag­ten Fris­ten­des wäre fest­ge­stellt wor­den, dass das end­gül­ti­ge Fris­ten­de nicht ein­ge­tra­gen war. Nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge hät­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te die Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift dann noch frist­ge­recht fer­ti­gen kön­nen 4.

Dabei erteilt der Bun­des­ge­richts­hof der Auf­fas­sung eine Absa­ge, dass es im Zeit­punkt eines Antrags auf Ver­län­ge­rung einer Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­frist der Ein­tra­gung des bean­trag­ten Fris­ten­des dann nicht bedür­fe, wenn die gesetz­li­che Begrün­dungs­frist im Zeit­punkt des Frist­ver­län­ge­rungs­an­trags ein­ge­tra­gen sei und noch lau­fe und die­se auf­grund einer all­ge­mei­nen Kanz­lei­an­wei­sung erst dann gelöscht wer­de, wenn die begehr­te Frist­ver­län­ge­rung gewährt und die ver­län­ger­te Frist im Fris­ten­ka­len­der ein­ge­tra­gen wor­den sei. Die­se Auf­fas­sung über­sieht, dass sie den bei ord­nungs­ge­mä­ßer Kanz­lei­or­ga­ni­sa­ti­on gege­be­nen Nor­mal­fall beschreibt, für den die oben dar­ge­stell­ten Anfor­de­run­gen an die Ein­tra­gung des bean­trag­ten Fris­ten­des bestehen. Denn die gesetz­li­che Begrün­dungs­frist soll­te im Zeit­punkt des (ers­ten) Frist­ver­län­ge­rungs­an­trags noch lau­fen, da ande­ren­falls eine Ver­län­ge­rung nicht gewährt wer­den könn­te. Auch erfor­dert es eine ord­nungs­ge­mä­ße Kanz­lei­or­ga­ni­sa­ti­on, dass die gesetz­li­che Begrün­dungs­frist nebst Vor­frist ein­ge­tra­gen wird. Dass die­se erst gelöscht wer­den darf, wenn die begehr­te Frist­ver­län­ge­rung gewährt wird, ver­steht sich von selbst.

Soweit hier­ge­gen wei­ter ange­führt wird, dass die zwin­gen­de Ein­tra­gung des bean­trag­ten Fris­ten­des eine Gefah­ren­quel­le schaf­fe, ist dem im Aus­gangs­punkt zuzu­stim­men. Die Ein­tra­gung einer nur vor­läu­fig berech­ne­ten Frist birgt eine Gefah­ren­quel­le, weil sie leicht dar­über hin­weg­täu­schen kann, dass das wirk­li­che Fris­ten­de auf einen ande­ren Tag als ange­nom­men fällt. Dem ist jedoch dadurch zu begeg­nen, dass die Ein­tra­gung als nur vor­läu­fi­ges Fris­ten­de beson­ders gekenn­zeich­net wird 5. Die Ein­tra­gung des bean­trag­ten Fris­ten­des nebst Vor­frist bie­tet dem­ge­gen­über eine zusätz­li­che Fris­ten­si­che­rung. Sie kann die Frist­wah­rung in der Regel selbst dann gewähr­leis­ten, wenn, wie hier, die Ein­tra­gung der ursprüng­li­chen Frist ver­se­hent­lich gelöscht wor­den und die Ein­tra­gung der ver­län­ger­ten Frist ver­se­hent­lich unter­blie­ben ist. Eine Unter­schei­dung der Maß­nah­men zur Fris­ten­kon­trol­le danach, in wel­chem zeit­li­chen Abstand zum Ende der ursprüng­li­chen Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ein Frist­ver­län­ge­rungs­an­trag gestellt wird, lässt sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de der geschil­der­ten Gefähr­dungs­la­ge jeden­falls nicht ent­neh­men und ist weder aus sach­li­chem Grund ange­zeigt noch geeig­net, Feh­ler im Sys­tem der Fris­ten­kon­trol­le zu ver­mei­den 6.

Der durch das Zivil­pro­zess­re­form­ge­setz 7 mit Wir­kung ab dem 1. Janu­ar 2002 geän­der­te Beginn der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist vom Zeit­punkt des Ein­gangs der Beru­fungs­schrift bei Gericht auf den Zeit­punkt der Zustel­lung der Ent­schei­dung hat an der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Ein­tra­gung des vor­läu­fi­gen Endes der bean­trag­ten Frist­ver­län­ge­rung nichts geän­dert 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. März 2011 – II ZB 19/​09

  1. BGH, Beschluss vom 10.10.1991 – VII ZB 4/​91, NJW 1992, 574; Urteil vom 05.05.1993 – XII ZR 44/​92, NJW-RR 1993, 1213, 1214; Beschluss vom 15.04.2008 – VI ZB 29/​07, Jur­Bü­ro 2009, 54, 55; Beschluss vom 13.07.2010 – VI ZB 1/​10, NJW 2011, 151 Rn. 6[]
  2. BGH, Beschluss vom 05.02.2003 – VIII ZB 115/​02, NJW 2003, 1815; Beschluss vom 13.07.2010 – VI ZB 1/​10, NJW 2011, 151 Rn. 6[]
  3. st. Rspr.; BGH, Beschluss vom 14.07.1999 – XII ZB 62/​99, NJW-RR 1999, 1663; Beschluss vom 22.11.2001 – XII ZB 195/​01, NJW-RR 2002, 712; Beschluss vom 13.12. 2001 – VII ZB 19/​01, BGH-Report 2002, 246, 247; Beschluss vom 20.06.2006 – VI ZB 14/​06, BeckRS 2006, 08247 Rn. 7; Beschluss vom 13.07.2010 – VI ZB 1/​10, NJW 2011, 151 Rn. 6[]
  4. vgl. zur Kau­sa­li­tät BGH, Beschluss vom 13.07.2010 – VI ZB 1/​10, NJW 2011, 151 Rn. 9[]
  5. BGH, Beschluss vom 14.07.1999 – XII ZB 62/​99, NJW-RR 1999, 1663; Beschluss vom 20.06.2006 – VI ZB 14/​06, BeckRS 2006, 08247 Rn. 7; Beschluss vom 27.01.2011 – VII ZB 44/​09, BeckRS 2011, 03771 Rn. 9[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 14.07.1999 – XII ZB 62/​99, NJW-RR 1999, 1663[]
  7. vom 27.07.2001, BGBl. I 2001, 1887[]
  8. vgl. nur BGH, Beschluss vom 13.07.2010 – VI ZB 1/​10, NJW 2011, 151 Rn. 6[]