Fris­ten­kon­trol­le und die nicht beach­te­te Ein­zel­wei­sung

MIt der Fra­ge einer Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Beru­fungs­frist hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in einem Fall zu beschäf­ti­gen, dem eine nicht beach­te­te Ein­zel­wei­sung eines Rechts­an­walts an sei­ne Ange­stell­te zugrun­de lag, die Adres­sie­rung einer Rechts­mit­tel­schrift an das Rechts­mit­tel­ge­richt zu kor­ri­gie­ren.

Fris­ten­kon­trol­le und die nicht beach­te­te Ein­zel­wei­sung

Die Klä­ge­rin im ent­schie­de­nen Fall hat­te die Frist zur Ein­le­gung der Beru­fung ver­säumt hat, da die Beru­fung auf­grund der fal­schen Adres­sie­rung erst nach Ablauf der Beru­fungs­frist von einem Monat (§ 517 ZPO) bei dem Ober­lan­des­ge­richt ein­ge­gan­gen war. Der Bun­des­ge­richts­hof sah kei­ne Mög­lich­keit der Wie­der­ein­set­zung:

Die Prü­fung der not­wen­di­gen For­ma­li­en für die Zuläs­sig­keit eines Rechts­mit­tels ist Auf­ga­be des Rechts­mit­tel­füh­rers. Ihm obliegt es des­we­gen auch,dafür Sor­ge zu tra­gen, dass das Rechts­mit­tel inner­halb der Rechts­mit­tel­frist bei dem zustän­di­gen Gericht ein­geht [1]. Ent­ge­gen die­sen Anfor­de­run­gen hat der Klä­ger­ver­tre­ter das Rechts­mit­tel nicht an das zustän­di­ge Ober­lan­des­ge­richt, son­dern an das Land­ge­richt gesandt, wes­halb es ver­spä­tet bei dem zustän­di­gen Ober­lan­des­ge­richt ein­ge­gan­gen ist.

Ein Rechts­an­walt darf aller­dings grund­sätz­lich dar­auf ver­trau­en, dass sei­ne Büro­an­ge­stell­te, die sich bis­her als zuver­läs­sig erwie­sen hat, eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung befolgt. Des­halb ist er im All­ge­mei­nen nicht ver­pflich­tet, sich anschlie­ßend über die Aus­füh­rung sei­ner Wei­sung zu ver­ge­wis­sern [2].

Die Anfer­ti­gung einer Rechts­mit­tel­schrift gehört aber zu den Auf­ga­ben, die der Rechts­an­walt sei­nem ange­stell­ten Büro­per­so­nal nicht über­tra­gen darf, ohne das Arbeits­er­geb­nis selbst sorg­fäl­tig zu über­prü­fen [3]. Die Auf­ga­be darf in einem so gewich­ti­gen Teil wie der Bezeich­nung des Rechts­mit­tel­ge­richts auch gut geschul­tem und erfah­re­nem Büro­per­so­nal eines Rechts­an­walts nicht eigen­ver­ant­wort­lich über­las­sen wer­den. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te einer Par­tei muss die Rechts­mit­tel­schrift des­we­gen vor der Unter­zeich­nung auf die Voll­stän­dig­keit, dar­un­ter auch auf die rich­ti­ge Bezeich­nung des Rechts­mit­tel­ge­richts, über­prü­fen [4].

Auch bei einem so wich­ti­gen Vor­gang wie der Anfer­ti­gung einer Rechts­mit­tel­schrift darf der Rechts­an­walt aber einer zuver­läs­si­gen Büro­an­ge­stell­ten eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung ertei­len, deren Aus­füh­rung er grund­sätz­lich nicht mehr per­sön­lich über­prü­fen muss [5]. Wird die Anwei­sung nur münd­lich erteilt, müs­sen aller­dings aus­rei­chen­de Vor­keh­run­gen dage­gen getrof­fen wer­den, dass die Erle­di­gung in Ver­ges­sen­heit gerät [6]. Auch in die­sem Fall genügt die kla­re und prä­zi­se Anwei­sung, die Erle­di­gung sofort vor­zu­neh­men, ins­be­son­de­re wenn zudem eine wei­te­re all­ge­mei­ne Büro­an­wei­sung bestand, einen sol­chen Auf­trag stets vor allen ande­ren aus­zu­füh­ren. Die Gefahr, dass eine sol­che sofort aus­zu­füh­ren­de Wei­sung sogleich ver­ges­sen oder aus sons­ti­gen Grün­den nicht befolgt wird, macht eine nach­träg­li­che Kon­trol­le ihrer Aus­füh­rung dann nicht erfor­der­lich [7].

Sol­che zusätz­li­chen Sicher­heits­vor­keh­run­gen hat die Klä­ge­rin mit ihrem Wie­der­ein­set­zungs­ge­such weder dar­ge­legt noch glaub­haft gemacht. Ihre Aus­füh­run­gen beschrän­ken sich dar­auf, dass die Büro­lei­te­rin mit der Kor­rek­tur der feh­ler­haf­ten Adres­sie­rung beauf­tragt wor­den sei. Nach die­sem Sach­vor­trag kann aber nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die Wei­sung nur münd­lich erteilt wor­den war und die Absi­che­rung ihrer Aus­füh­rung zusätz­li­cher Vor­keh­run­gen bedurf­te. Die vor­ge­nann­ten Sorg­falts­an­for­de­run­gen gal­ten im vor­lie­gen­den Fall erst recht, weil die zunächst erteil­te Anwei­sung, die Beru­fungs­schrift an das Ober­lan­des­ge­richt zu adres­sie­ren, bereits nicht befolgt wor­den war.

Die mit Schrift­satz vom 14.12.2009 gegen­über dem Beru­fungs­ge­richt nach­ge­hol­ten und mit einer eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung der Büro­lei­te­rin ver­se­he­nen neu­en Anga­ben der Klä­ge­rin sind nicht zu berück­sich­ti­gen. Nach § 236 Abs. 2 Satz 1 ZPO muss der Antrag auf Wie­der­ein­set­zung die Anga­be der die Wie­der­ein­set­zung begrün­den­den Tat­sa­chen ent­hal­ten; die­se sind bei der Antrag­stel­lung oder im Ver­fah­ren über den Antrag glaub­haft zu machen. Wird – wie im vor­lie­gen­den Fall – gel­tend gemacht, dass die Frist­ver­säum­nis auf dem Ver­se­hen eines Büro­an­ge­stell­ten beruht, so hat die Par­tei alle Umstän­de dar­zu­le­gen und glaub­haft zu machen, die ein Orga­ni­sa­ti­ons- oder sons­ti­ges Ver­schul­den ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten aus­schlie­ßen. Dabei kön­nen aller­dings erkenn­bar unkla­re oder unge­naue Anga­ben, deren Auf­klä­rung nach § 139 ZPO gebo­ten ist, auch über die Frist nach §§ 234 Abs. 1, 236 Abs. 2 ZPO hin­aus erläu­tert oder ver­voll­stän­digt wer­den [8].

Ein sol­cher Fall liegt hier indes­sen nicht vor. Die Anga­ben im Wie­der­ein­set­zungs­ge­such sind – abge­se­hen von dem genau­en Inhalt der erteil­ten Anwei­sung – voll­stän­dig und klar. Dass dar­in zusätz­li­che Siche­rungs­vor­keh­run­gen nicht ange­ge­ben wor­den sind, lässt für sich genom­men noch kei­ne Ergän­zungs- oder Erläu­te­rungs­be­dürf­tig­keit des Vor­brin­gens erken­nen. Wenn der geschil­der­te Ablauf inner­halb der Kanz­lei­or­ga­ni­sa­ti­on der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin die zu stel­len­den Sorg­falts­an­for­de­run­gen nicht voll­stän­dig erfüll­te, ergibt sich dar­aus noch nicht, dass dem Beru­fungs­ge­richt das Vor­brin­gen der Klä­ge­rin ergän­zungs­be­dürf­tig erschei­nen muss­te. Eine Erläu­te­rungs- oder Ergän­zungs­be­dürf­tig­keit wäre etwa dann erkenn­bar gewe­sen, wenn bestimm­te durch Anwei­sung fest­ge­leg­te Arbeits­rou­ti­nen beschrie­ben wären, aus denen sich sowohl eine sorg­falts­ge­mä­ße als auch eine sorg­falts­wid­ri­ge Aus­füh­rung erge­ben kann. In die­sen Fäl­len darf das Gericht nicht ohne wei­te­res davon aus­ge­hen, dass die sorg­falts­wid­ri­ge Alter­na­ti­ve nicht ent­kräf­tet wor­den sei, und muss auf eine Auf­klä­rung hin­wir­ken [9]. Es wür­de aber die Hin­weis­pflicht über­span­nen, wenn das Beru­fungs­ge­richt den Antrag­stel­ler eines Wie­der­ein­set­zungs­ge­suchs über Lücken in den von ihm dar­ge­leg­ten Siche­rungs­vor­keh­run­gen auf­zu­klä­ren hät­te. Das Beru­fungs­ge­richt kann viel­mehr im Zwei­fel davon aus­ge­hen, dass der Antrag­stel­ler sei­ner aus § 236 Abs. 2 Satz 1 ZPO erge­ben­den Ver­pflich­tung zur voll­stän­di­gen Anga­be der die Wie­der­ein­set­zung begrün­den­den Tat­sa­chen auch nach­ge­kom­men ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Juni 2013 – XII ZB 47/​10

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.02.2012 – XII ZB 165/​11, FamRZ 2012, 623 Rn. 28; vom 15.06.2011 – XII ZB 468/​10 FamRZ 2011, 1389 Rn. 8 und BGH Beschluss vom 04.12.1991 – VIII ZB 34/​91VersR 1992, 1023 f.[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 08.02.2012 – XII ZB 165/​11 FamRZ 2012, 623 Rn. 29; vom 21.04.2010 – XII ZB 64/​09, FamRZ 2010, 1067 Rn. 11 und vom 09.12.2009 – XII ZB 154/​09VersR 2011, 89 Rn. 16; BGH Beschluss vom 02.11.1995 – VII ZB 13/​95VersR 1996, 779[]
  3. BGH, Beschluss vom 08.02.2012 – XII ZB 165/​11, FamRZ 2012, 623 Rn. 30; BGH Beschlüs­se vom 25.06.1986 – IVa ZB 8/​86VersR 1986, 1209 und vom 29.04.1982 – I ZB 2/​82VersR 1982, 769 f.[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 08.02.2012 – XII ZB 165/​11, FamRZ 2012, 623 Rn. 30 und vom 01.02.2012 – XII ZB 298/​11, FamRZ 2012, 621 Rn. 11; BGH Beschluss vom 08.12.1992 – VI ZB 33/​92VersR 1993, 1381 f.[]
  5. BGH, Beschluss vom 30.10.2008 – III ZB 54/​08, FamRZ 2009, 109 Rn. 9 f.[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 08.02.2012 – XII ZB 165/​11, FamRZ 2012, 623 Rn. 31; vom 25.03.2009 – XII ZB 150/​08, FamRZ 2009, 1132, Rn.19; vom 19.11.2008 – XII ZB 102/​08, FamRZ 2009, 217 Rn. 14 und vom 02.04.2008 – XII ZB 190/​07FuR 2008, 344 Rn. 12 ff.[]
  7. BGH, Beschlüs­se vom 25.03.2009 – XII ZB 150/​08, FamRZ 2009, 1132 Rn.20 und vom 02.04.2008 – XII ZB 189/​07, FamRZ 2008, 1338 Rn. 14 f. mwN; BGH Beschluss vom 26.01.2009 – II ZB 6/​08, NJW 2009, 1083 Rn.16[]
  8. BGH, Beschluss vom 25.03.2009 – XII ZB 150/​08, FamRZ 2009, 1132 Rn. 24; BGH Beschlüs­se vom 04.03.2004 – IX ZB 71/​03, FamRZ 2004, 1552 und vom 29.01.2002 – VI ZB 28/​01 – BGH­Re­port 2002, 434[]
  9. vgl. BGH Beschlüs­se vom 04.03.2004 – IX ZB 71/​03, FamRZ 2004, 1552 mwN und vom 29.01.2002 – VI ZB 28/​01 – BGH­Re­port 2002, 434 und BGH, Beschluss vom 25.03.2009 XII ZB 150/​08, FamRZ 2009, 1132 Rn. 25[]