Frist­ver­län­ge­rung und Fris­ten­kon­trol­le

Bestehen nach dem Wort­laut der Ver­fü­gung, durch die die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ver­län­gert wor­den ist, Unklar­hei­ten und begrün­de­te Zwei­fel über den Umfang der Ver­län­ge­rung, ist das Ver­trau­en des Mit­tei­lungs­emp­fän­gers in eine antrags­ge­mä­ße Ver­län­ge­rung nicht geschützt.

Frist­ver­län­ge­rung und Fris­ten­kon­trol­le

Bei Bean­tra­gung einer Frist­ver­län­ge­rung muss das hypo­the­ti­sche Ende der bean­trag­ten Frist­ver­län­ge­rung bei oder als­bald nach Ein­rei­chung des Ver­län­ge­rungs­an­trags im Fris­ten­ka­len­der ein­ge­tra­gen, als vor­läu­fig gekenn­zeich­net und recht­zei­tig spä­tes­tens nach Ein­gang der gericht­li­chen Mit­tei­lung über­prüft wer­den, damit das wirk­li­che Ende der Frist fest­ge­stellt wird.

Kon­trol­le der bewil­lig­ten Frist­ver­län­ge­rung

Einem berech­tig­ten Ver­trau­en in die Gewäh­rung der bean­trag­ten Frist­ver­län­ge­rung steht nicht schon ent­ge­gen, dass die erfor­der­li­che Ein­wil­li­gung des Geg­ners nach § 520 Abs. 2 Satz 2 ZPO für eine Frist­ver­län­ge­rung in der bean­trag­ten Wei­se nicht vor­ge­le­gen hat, weil auch ohne die Ein­wil­li­gung eine bewil­lig­te Frist­ver­län­ge­rung wirk­sam wäre [1].

Die vor­lie­gen­de Ver­län­ge­rungs­ver­fü­gung ist nicht ver­gleich­bar mit einer "antrags­ge­mä­ßen" Frist­ver­län­ge­rung ohne Anga­be eines Datums für das Fris­ten­de. Macht die Ver­fü­gung den Ver­län­ge­rungs­an­trag zum Inhalt der Frist­ver­län­ge­rung selbst, gilt zwar die Frist auch dann als antrags­ge­mäß ver­län­gert, wenn sie im Antrag feh­ler­haft berech­net wor­den ist [2]. Im Streit­fall bestand jedoch nach dem Wort­laut der Ver­fü­gung eine offen­sicht­li­che klä­rungs­be­dürf­ti­ge Dif­fe­renz zwi­schen der datums­mä­ßi­gen Fest­set­zung des Endes der Frist einer­seits und der "antrags­ge­mä­ßen" Ver­län­ge­rung ande­rer­seits, auf­grund deren ein Ver­trau­en des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers auf das antrags­ge­mä­ße Ende der Frist nicht gerecht­fer­tigt war.

Maß­geb­lich für den Umfang der gericht­li­chen Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist, auf den sich eine Par­tei grund­sätz­lich ver­las­sen kann, ist der objek­ti­ve Inhalt [3]. Grund­sätz­lich ist hier­für der Wort­laut der Mit­tei­lung ent­schei­dend und zwar auch dann, wenn die Ver­fü­gung des Vor­sit­zen­den, durch die die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ver­län­gert wird, einen Feh­ler auf­weist, auf­grund des­sen die Frist um einen grö­ße­ren Zeit­raum ver­län­gert scheint als ver­fügt. Jedoch ist das Ver­trau­en des Mit­tei­lungs­emp­fän­gers nicht geschützt, wenn der Feh­ler offen­sicht­lich ist [4]. Dies gilt auch im Fall einer Unklar­heit. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers konn­te aus der Sicht des objek­ti­ven Emp­fän­gers der Ver­fü­gung des Beru­fungs­ge­richts nicht ohne begrün­de­te Zwei­fel eine Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist bis zum 20.09.2012 ent­neh­men. Die berech­tig­ten Zwei­fel hät­te er jeden­falls durch eine Rück­spra­che bei Gericht klä­ren müs­sen.

Fris­ten­kon­trol­le bei Frist­ver­län­ge­rungs­an­trag

Eine ord­nungs­ge­mä­ße Orga­ni­sa­ti­on der Fris­ten­kon­trol­le in der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers, die den Abgleich der notier­ten hypo­the­ti­schen Frist mit der gewähr­ten Frist sicher­stell­te, hät­te die Mög­lich­keit eröff­net, die Frist zu wah­ren. Eine sol­che hat der Klä­ger aber weder dar­ge­tan noch glaub­haft gemacht.

Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung gehört es zu den Auf­ga­ben des Rechts­an­walts, durch ent­spre­chen­de Orga­ni­sa­ti­on sei­nes Büros dafür zu sor­gen, dass die Fris­ten ord­nungs­ge­mäß ein­ge­tra­gen und beach­tet wer­den. Der Anwalt hat sein Mög­lichs­tes zu tun, um Feh­ler­quel­len bei der Ein­tra­gung und Behand­lung von Fris­ten aus­zu­schlie­ßen [5]. Auf wel­che Wei­se der Anwalt sicher­stellt, dass die Ein­tra­gung im Fris­ten­ka­len­der und die Wie­der­vor­la­ge der Hand­ak­ten recht­zei­tig erfol­gen, steht ihm grund­sätz­lich frei. Durch die orga­ni­sa­to­ri­schen Maß­nah­men muss aber sicher­ge­stellt wer­den, dass die zur wirk­sa­men Fris­ten­kon­trol­le erfor­der­li­chen Hand­lun­gen zum frü­hest­mög­li­chen Zeit­punkt, d.h. unver­züg­lich nach Ein­gang des betref­fen­den Schrift­stücks, und im unmit­tel­ba­ren zeit­li­chen Zusam­men­hang vor­ge­nom­men wer­den [6]. Bean­tragt der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te eine Frist­ver­län­ge­rung, so muss das hypo­the­ti­sche Ende der bean­trag­ten Frist­ver­län­ge­rung bei oder als­bald nach Ein­rei­chung des Ver­län­ge­rungs­an­trags im Fris­ten­ka­len­der ein­ge­tra­gen, als vor­läu­fig gekenn­zeich­net und recht­zei­tig spä­tes­tens nach Ein­gang der gericht­li­chen Mit­tei­lung über­prüft wer­den, damit das wirk­li­che Ende der Frist fest­ge­stellt wird [7].

Die­sen Anfor­de­run­gen ent­sprach im vor­lie­gen­den Fall die Orga­ni­sa­ti­on des Fris­ten­we­sens in der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht: Nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers kei­ne Vor­keh­run­gen getrof­fen, durch die sicher­ge­stellt wäre, dass der Ein­trag des hypo­the­ti­schen Endes der von ihm bean­trag­ten Frist­ver­län­ge­rung im Fris­ten­ka­len­der bei oder als­bald nach Ein­gang der gericht­li­chen Ver­län­ge­rungs­ver­fü­gung abge­gli­chen wird. Viel­mehr blieb unge­prüft, ob die im Fris­ten­ka­len­der notier­te hypo­the­ti­sche Frist mit der durch die gericht­li­che Ver­fü­gung ver­län­ger­ten Frist tat­säch­lich über­ein­stimmt. Hät­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers die erfor­der­li­chen orga­ni­sa­to­ri­schen Vor­keh­run­gen getrof­fen, wäre der damit betrau­ten Sekre­tä­rin auf­ge­fal­len, dass ent­ge­gen dem gestell­ten Antrag die Begrün­dungs­frist nur bis zum 6.09.2012 ver­län­gert wor­den ist. Nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge hät­te er eine wei­te­re Frist­ver­län­ge­rung bean­tra­gen kön­nen. Hin­ge­gen trug das vom Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten geschil­der­te Vor­ge­hen das Risi­ko der Frist­ver­säu­mung für den – hier gege­be­nen – Fall in sich, dass die Frist­ver­län­ge­rung nicht in der bean­trag­ten Wei­se gewährt wür­de.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Mai 2013 – VI ZB 6/​13

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 09.11.2004 – XI ZB 6/​04, BGHZ 161, 86, 89[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 30.04.2008 – III ZB 85/​07, NJW-RR 2008, 1162 Rn. 2 und 4[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 30.04.2008 – III ZB 85/​07, aaO[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 21.01.1999 – V ZB 31/​98, VersR 1999, 1304[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 13.07.2010 – VI ZB 1/​10, NJW 2011, 151 Rn. 6; und vom 15.04.2008 – VI ZB 29/​07[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 05.02.2003 – VIII ZB 115/​02, VersR 2003, 1460, 1461[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 13.07.2010 – VI ZB 1/​10, aaO; BGH, Beschlüs­se vom 14.07.1999 – XII ZB 62/​99, NJW-RR 1999, 1663; vom 22.11.2001 – XII ZB 195/​01, NJW-RR 2002, 712; vom 13.12.2001 – VII ZB 19/​01, NJOZ 2002, 906, 907 und vom 14.06.2007 – I ZB 5/​06, AnwBl 2007, 796, 797[]