Frist­ver­säum­nis­se – und die Für­sor­ge­pflicht des Gerichs

Die Berück­sich­ti­gung der aus dem Gebot des fai­ren Ver­fah­rens fol­gen­den Für­sor­ge­pflicht des Gerichts gegen­über den Par­tei­en kann zwar bei wer­ten­der Betrach­tung dazu füh­ren, dass die Frist­säum­nis der Par­tei im Ergeb­nis nicht ange­las­tet wer­den kann 1.

Frist­ver­säum­nis­se – und die Für­sor­ge­pflicht des Gerichs

Im Inter­es­se der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Jus­tiz sind der Für­sor­ge­pflicht des Gerichts enge Gren­zen gesetzt, so dass ein Gericht nur unter beson­de­ren Umstän­den gehal­ten sein kann, eine dro­hen­de Frist­ver­säu­mung zu ver­hin­dern 2. Es besteht des­halb kei­ne gene­rel­le Ver­pflich­tung des Gerichts, bei Ein­gang eines Schrift­sat­zes eine sofor­ti­ge Prü­fung der For­ma­li­en vor­zu­neh­men und etwa mit­tels Tele­fo­nat oder Tele­fax die Pro­zess­par­tei auf bestehen­de Män­gel hin­zu­wei­sen und ihr Gele­gen­heit zur Abhil­fe zu geben. Dies ent­hö­be die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und ihre Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ihrer eige­nen Ver­ant­wor­tung für die Ein­hal­tung der For­ma­li­en und über­spann­te die Anfor­de­run­gen an die rich­ter­li­che Für­sor­ge­pflicht und die Grund­sät­ze eines fai­ren Ver­fah­rens 3.

Im Hin­blick auf den übri­gen Geschäfts­an­fall ist es nicht zu bean­stan­den, wenn der Rich­ter erst bei Bear­bei­tung des Fal­les und damit nach Ablauf der Fris­ten die Zuläs­sig­keit der Beru­fung und dabei auch die Ein­hal­tung der Form über­prüft. Aller­dings gebie­tet es die gericht­li­che Für­sor­ge­pflicht, die Par­tei auf einen leicht erkenn­ba­ren Form­man­gel hin­zu­wei­sen und ihr gege­be­nen­falls Gele­gen­heit zu geben, den Feh­ler frist­ge­recht zu behe­ben 4.

Ein sol­cher leicht erkenn­ba­rer Form­man­gel lag im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall indes nicht vor. Viel­mehr war gar kein Form­man­gel gege­ben. Das Beru­fungs­ge­richt muss­te auch nicht anneh­men, dass auf­grund des fal­schen Datums im Emp­fangs­be­kennt­nis die Fris­ten im Büro des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin falsch berech­net und ein­ge­tra­gen sein könn­ten. Nach den Umstän­den durf­te das Beru­fungs­ge­richt viel­mehr davon aus­ge­hen, dass das offen­sicht­li­che Schreib­ver­se­hen in der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin bereits bemerkt wor­den war und ins­be­son­de­re auf die Frist­be­rech­nung kei­nen Ein­fluss gehabt hat­te. Denn der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin hat­te recht­zei­tig Beru­fung ein­ge­legt und die Beru­fungs­schrift mit den Wor­ten ein­ge­lei­tet: "… legen wir gegen das Urteil des Land­ge­richts Ber­lin … uns zuge­stellt am 26.02.2013, Beru­fung ein."

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. Juli 2014 – II ZB 17/​13

  1. BGH, Beschluss vom 11.02.1998 – VIII ZB 50/​97, NJW 1998, 2291, 2292[]
  2. BGH, Beschluss vom 25.06.2009 – III ZB 99/​08 9[]
  3. BGH, Beschluss vom 25.06.2009 – III ZB 99/​08 9; Beschluss vom 20.06.2012 – IV ZB 18/​11, NJW-RR 2012, 1269 Rn. 14[]
  4. BGH, Beschluss vom 11.02.1998 – VIII ZB 50/​97, NJW 1998, 2291, 2292; Beschluss vom 20.06.2012 – IV ZB 18/​11, NJW-RR 2012, 1269 Rn. 14[]