Fris­t­wah­rung mit­tels Com­pu­ter­fax – und die ein­ge­scann­te Unter­schrift

Nach der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung han­delt es sich bei der Über­mitt­lung (hier: der Beru­fungs­be­grün­dung) durch die elek­tro­ni­sche Ver­sen­dung einer Text­da­tei auf ein Fax­ge­rät des Beru­fungs­ge­richts um ein soge­nann­tes Com­pu­ter­fax. Dabei wer­den man­gels Vor­han­den­seins eines kör­per­li­chen Ori­gi­nal­schrift­stücks beim Absen­der die Vor­aus­set­zun­gen der für bestim­men­de Schrift­sät­ze gesetz­lich erfor­der­li­chen Schrift­form gemäß § 130 Nr. 6 ZPO ent­we­der dadurch gewahrt, dass die Unter­schrift des Erklä­ren­den ein­ge­scannt wird, oder dadurch, dass auf dem Schrift­satz der Hin­weis ange­bracht wird, dass der benann­te Urhe­ber wegen der gewähl­ten Über­tra­gungs­form nicht unter­zeich­nen kann [1].

Fris­t­wah­rung mit­tels Com­pu­ter­fax – und die ein­ge­scann­te Unter­schrift

Ein sol­ches Com­pu­ter­fax wird von der Zivil­pro­zess­or­dung als schrift­li­ches Doku­ment in der Form einer Tele­ko­pie ein­ge­ord­net. Dies folgt einer­seits aus der Vor­schrift des § 130 Nr. 6 ZPO, der für Tele­ko­pien die Wie­der­ga­be der Unter­schrift in der Kopie vor­schreibt und ande­rer­seits aus § 174 Abs. 2 bis 4 ZPO, der zwi­schen der Zustel­lung eines Schrift­stücks durch Tele­ko­pie und der eines elek­tro­ni­schen Doku­ments unter­schei­det [2]. Dabei erfolgt bei einem Com­pu­ter­fax (im Unter­schied zum elek­tro­ni­schen Doku­ment) ledig­lich die Über­mitt­lung eines vor­han­de­nen Doku­ments, das beim Emp­fän­ger erneut in schrift­li­cher Form vor­lie­gen soll. Die elek­tro­ni­sche Spei­che­rung tritt für sich genom­men nicht an die Stel­le der Schrift­form, son­dern ist nur ein Durch­gangs­sta­di­um und der Emp­fän­ger kann erst dann von einem gefax­ten Schrift­satz Kennt­nis neh­men, wenn er aus­ge­druckt vor­liegt [3].

Dem­ge­gen­über besteht ein elek­tro­ni­sches Doku­ment im Sin­ne von § 130a ZPO aus der in einer elek­tro­ni­schen Datei ent­hal­te­nen Daten­fol­ge [4]. Die­se elek­tro­ni­sche Form ist durch das Gesetz zur Anpas­sung der Form­vor­schrif­ten des Pri­vat­rechts und ande­rer Vor­schrif­ten an den moder­nen Rechts­ge­schäfts­ver­kehr vom 13.07.2001 [5] aus­drück­lich „als Opti­on zur Schrift­form“ ein­ge­führt wor­den [6]. § 130a Abs. 1 Satz 1 ZPO „ver­steht das elek­tro­ni­sche Doku­ment als modi­fi­zier­te Schrift­form“ und soll­te den Par­tei­en erst die Mög­lich­keit eröff­nen, Schrift­sät­ze und Erklä­run­gen „als elek­tro­ni­sches Doku­ment bei Gericht ein­zu­rei­chen“ [7]. Ein elek­tro­ni­sches Doku­ment ist ein­ge­reicht, sobald die für den Emp­fang bestimm­te Ein­rich­tung des Gerichts es auf­ge­zeich­net hat (§ 130a Abs. 3 ZPO). Es wahrt jedoch nur dann die gesetz­lich vor­ge­schrie­be­ne Schrift­form, wenn es für die Bear­bei­tung durch das Gericht geeig­net (§ 130a Abs. 1 Satz 1 ZPO) und mit einer qua­li­fi­zier­ten elek­tro­ni­schen Signa­tur nach dem Signa­tur­ge­setz ver­se­hen ist (§ 130a Abs. 1 Satz 2 ZPO) [8]. Per Com­pu­ter über­mit­tel­te bestim­men­de Schrift­sät­ze erfor­dern des­halb kei­nen beson­de­ren Nach­weis der Urhe­ber­schaft (Authen­ti­zi­tät) und kei­nen beson­de­ren Schutz vor nach­träg­li­cher Ver­än­de­rung (Inte­gri­tät). Inso­weit unter­schei­den sie sich maß­geb­lich von elek­tro­ni­schen Doku­men­ten, die leicht elek­tro­nisch änder­bar sind und deren Absi­che­rung die Rege­lun­gen zur qua­li­fi­zier­ten Signa­tur allein bezwe­cken [9].

Im hier ent­schie­de­nen Fall bestä­tig­te der Bun­des­ge­richts­hof die Ver­sa­gung der Wider­ein­set­zung in die ver­säum­te Beru­fungs­be­grün­dungg­s­frist, die des­halb ver­säumt wor­den war, weil die Beru­fungs­be­grün­dung ohne ein­ge­scann­te Unter­schrift als Com­pu­ter­fax ver­sen­det wor­den war, da im Wie­der­ein­set­zungs­an­trag nicht aus­rei­chend zum Aus­bil­dungs­stand und zur Zuver­läs­sig­keit der Büro­kraft vor­ge­tra­gen, der das Ein­scan­nen der Unter­schrift der Klä­ger­ver­tre­te­rin in die Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift über­tra­gen wur­de und die im Wie­der­ein­set­zungs­an­trag sowie von der Rechts­be­schwer­de ledig­lich als „Sekre­tä­rin“ bezeich­net wird.

Der Umfang der von einem Rechts­an­walt zu gewähr­leis­ten­den Orga­ni­sa­ti­on sei­ner Kanz­lei hängt maß­ge­bend davon ab, über wel­chen Aus­bil­dungs­stand und wel­che Berufs­er­fah­rung die von ihm zur Ver­rich­tung ein­fa­cher Tätig­kei­ten her­an­ge­zo­ge­nen Büro­kräf­te ver­fü­gen. Mit der flos­kel­haf­ten Bemer­kung im Wie­der­ein­set­zungs­an­trag, „die stets zuver­läs­si­ge Sekre­tä­rin“, Frau S. , arbei­te­te „bereits seit Mona­ten eigen­ver­ant­wort­lich und ver­läss­lich“ und sei „stets pflicht­be­wusst“, kann der Klä­ger ein mög­li­ches Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den sei­ner Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten nicht aus­räu­men. Es bleibt völ­lig offen, über wel­che Aus­bil­dung die Sekre­tä­rin ver­füg­te, wie­viel Berufs­er­fah­rung sie hat­te und wie lan­ge sie bei der Neben­in­ter­ve­ni­en­tin bereits mit wel­chen Auf­ga­ben beschäf­tigt war. Eben­falls offen bleibt, ob die Sekre­tä­rin bereits zuvor mit dem Ein­scan­nen von Unter­schrif­ten in elek­tro­ni­sche Doku­men­te und deren anschlie­ßen­der Über­mitt­lung per Com­pu­ter­fax betraut war und hier­bei feh­ler­frei gear­bei­tet hat­te. Im Wie­der­ein­set­zungs­an­trag ist dem­ge­gen­über wie bereits dar­ge­tan ohne nähe­re Kon­kre­ti­sie­rung nur davon die Rede, dass in der Kanz­lei der Klä­ger­ver­tre­te­rin „in das elek­tro­ni­sche Doku­ment die jewei­li­ge Signa­tur des Anwalts … vom Büro­per­so­nal ein­ge­setzt wird“. Damit wird weder vor­ge­tra­gen, dass die­se Tätig­keit von der o.g. Sekre­tä­rin bereits zuvor aus­ge­führt wur­de noch dass die­se auch mit dem Ein­scan­nen von Unter­schrif­ten in elek­tro­ni­sche Schrift­sät­ze zwecks deren Über­mitt­lung per Com­pu­ter­fax ver­traut war. Alles dies lässt der Wie­der­ein­set­zungs­an­trag im Dun­keln, wes­halb es vor­lie­gend bezüg­lich der Über­mitt­lung eines Com­pu­ter­fa­xes in der Kanz­lei der Klä­ger­ver­tre­te­rin an einem zusam­men­hän­gen­den, auf den hier zu beur­tei­len­den Fall zuge­schnit­te­nen Vor­trag der eine Wie­der­ein­set­zung begrün­den­den Tat­sa­chen (§ 236 Abs. 2 ZPO) fehlt [10].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Okto­ber 2014 – XI ZB 13/​13

  1. GmS-OBG,Beschluss vom 05.04.2000 – GmS-OGB 1/​98, BGHZ 144, 160, 164 f.; vgl. BGH, Beschluss vom 10.10.2006 – XI ZB 40/​05, WM 2006, 2331 Rn. 8; OLG Braun­schweig, OLGR Braun­schweig 2004, 276, 277; OLG Saar­brü­cken, Urteil vom 19.03.2014 2 U 16/​13 37[]
  2. BGH, Beschluss vom 04.12 2008 – IX ZB 41/​08, WM 2009, 331 Rn. 8[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 25.04.2006 – IV ZB 20/​05, BGHZ 167, 214 Rn. 15 ff.; und vom 15.07.2008 – X ZB 8/​08, NJW 2008, 2649 Rn. 11[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 15.07.2008 – X ZB 8/​08, NJW 2008, 2649 Rn. 10[]
  5. BGBl. I S. 1542[]
  6. BT-Drs. 14/​4987, S. 12[]
  7. BT-Drs. 14/​4987, S. 24[]
  8. BGH, Beschluss vom 14.01.2010 – VII ZB 112/​08, BGHZ 184, 75 Rn. 11 ff.).

    Wegen die­ser Unter­schei­dung wird die Wirk­sam­keit der Abga­be schrift­li­cher Erklä­run­gen per Com­pu­ter­fax durch die Ein­fü­gung der Vor­schrif­ten über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr in die Ver­fah­rens­ge­set­ze nicht berührt, weil ein Com­pu­ter­fax kein elek­tro­ni­sches Doku­ment dar­stellt ((BVerwG, NJW 2006, 1989, 1990[]

  9. BT-Drs. 14/​4987, S. 24; BGH, Beschlüs­se vom 04.12 2008 – IX ZB 41/​08, WM 2009, 331 Rn. 9; und vom 14.01.2010 – VII ZB 112/​08, BGHZ 184, 75 Rn. 21; LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 23.01.2014 L 3 R 1020/​08 37 sowie BFHE 244, 511 Rn. 23[]
  10. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 30.10.2001 – VI ZB 43/​01, NJW 2002, 443, 444 zur Vor­frist­no­tie­rung; und vom 21.02.2002 – IX ZA 10/​01, NJW 2002, 2180 f. zur Revi­si­ons­ein­le­gung; Münch­Komm-ZPO/­Gehr­lein, 4. Aufl., § 236 Rn. 10; Zöller/​Greger, ZPO, 30. Aufl., § 236 Rn. 6; Musielak/​Grandel, ZPO, 11. Aufl., § 236 Rn. 4[]