Frist­wah­rung per Tele­fax – spä­tes­tens um 23:40!

Bei der Über­mitt­lung eines frist­ge­bun­de­nen Schrift­sat­zes per Tele­fax muss der Absen­der die Bele­gung des Emp­fangs­ge­räts des Gerichts durch ande­re ein­ge­hen­de Sen­dun­gen ins­be­son­de­re auch in den Abend­und Nacht­stun­den in Rech­nung stel­len und zusätz­lich zur eigent­li­chen Sen­de­dau­er eine Zeit­re­ser­ve ("Sicher­heits­zu­schlag") von etwa 20 Minu­ten ein­pla­nen, um gege­be­nen­falls durch Wie­der­ho­lung der Über­mitt­lungs­vor­gän­ge einen Zugang des zu über­sen­den­den Schrift­sat­zes bis zum Frist­ab­lauf zu gewähr­leis­ten.

Frist­wah­rung per Tele­fax – spä­tes­tens um 23:40!

Die­se Auf­fas­sung ver­trat jetzt der Bun­des­ge­richts­hof und nahm dabei auch gleich zur Bemes­sung die­ses "Sicher­heits­zu­schlags" bei der Ver­sen­dung meh­re­rer frist­ge­bun­de­ner Schrift­sät­ze Stel­lung:

"Sicher­heits­zu­schlag" bei einem Frist­fax[↑]

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hat ein Rechts­an­walt durch orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen sicher­zu­stel­len, dass ein frist­ge­bun­de­ner Schrift­satz recht­zei­tig gefer­tigt wird und inner­halb der lau­fen­den Frist beim zustän­di­gen Gericht ein­geht. Ent­schließt sich ein Rechts­an­walt, einen frist­ge­bun­de­nen Schrift­satz selbst bei Gericht ein­zu­rei­chen, über­nimmt er damit die allei­ni­ge Ver­ant­wor­tung für die Ein­hal­tung der Frist. Er hat auch in die­sem Fall geeig­ne­te Maß­nah­men zu tref­fen, um einen frist­ge­rech­ten Ein­gang des Schrift­sat­zes zu gewähr­leis­ten. Reicht er den Schrift­satz nicht recht­zei­tig bei Gericht ein, kommt eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nur in Betracht, wenn der Rechts­an­walt alle erfor­der­li­chen Schrit­te unter­nom­men hat, die bei einem nor­ma­len Ver­lauf der Din­ge mit Sicher­heit dazu füh­ren wür­den, dass die Frist gewahrt wird 1. Schöpft ein Rechts­an­walt wie im vor­lie­gen­den Fall eine Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­frist bis zum letz­ten Tag aus, hat er wegen des damit erfah­rungs­ge­mäß ver­bun­de­nen Risi­kos zudem erhöh­te Sorg­falt auf­zu­wen­den, um die Ein­hal­tung der Frist sicher­zu­stel­len 2. 10 bb)) Nutzt ein Rechts­an­walt zur Über­mitt­lung eines frist­ge­bun­de­nen Schrift­sat­zes ein Tele­fax­ge­rät, hat er bei ord­nungs­ge­mä­ßer Nut­zung eines funk­ti­ons­fä­hi­gen Sen­de­ge­räts und der kor­rek­ten Ein­ga­be der Emp­fän­ger­num­mer das sei­ner­seits Erfor­der­li­che zur Frist­wah­rung getan, wenn er so recht­zei­tig mit der Über­tra­gung begon­nen hat, dass unter gewöhn­li­chen Umstän­den mit deren Abschluss vor 24:00 Uhr am Tage des Frist­ab­laufs gerech­net wer­den konn­te 3. Dabei hat der Absen­der die Bele­gung des Emp­fangs­ge­räts des Gerichts durch ande­re ein­ge­hen­de Sen­dun­gen ins­be­son­de­re auch in den Abend­und Nacht­stun­den in Rech­nung zu stel­len und zusätz­lich zur eigent­li­chen Sen­de­dau­er eine aus­rei­chen­de Zeit­re­ser­ve ein­zu­pla­nen, um gege­be­nen­falls durch Wie­der­ho­lung der Über­mitt­lungs­vor­gän­ge einen Zugang des zu über­sen­den­den Schrift­sat­zes bis zum Frist­ab­lauf zu gewähr­leis­ten 4. Die­ser zeit­li­che "Sicher­heits­zu­schlag" wird all­ge­mein, wovon auch die Rechts­be­schwer­de aus­geht, mit unge­fähr 20 Minu­ten bemes­sen 5.

Die­sen nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hof nöti­gen Sicher­heits­zu­schlag von etwa 20 Minu­ten hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers im hier ent­schie­de­nen Fall bei der Ver­sen­dung der Beru­fungs­be­grün­dung nicht ein­be­rech­net, so dass die Frist­ver­säu­mung letzt­in­stanz­lich vom Bun­des­ge­richts­hof nicht als unver­schul­det ange­se­hen wur­de: Der Anwalt hat­te mit der Über­mitt­lung der Beru­fungs­be­grün­dung erst um 23:42 Uhr, also nur 18 Minu­ten vor Frist­ab­lauf und somit zu spät, begon­nen.

"Sicher­heits­zu­schlag" bei meh­re­ren Frist­fa­xen[↑]

Unbe­scha­det des­sen fehl­te es für den Bun­des­ge­richts­hof an einer aus­rei­chen­den Zeit­re­ser­ve indes auch dann, wenn man wie die Rechts­be­schwer­de auf den Beginn der Über­sen­dung der Beru­fungs­be­grün­dun­gen in den drei Par­al­lel­ver­fah­ren um 23:26 Uhr abstel­len woll­te. Denn sol­chen­falls wäre zu berück­sich­ti­gen, dass ins­ge­samt drei sepa­ra­te, jeweils 14seitige Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift­sät­ze zu über­mit­teln waren. Dies bedeu­te­te nicht nur, dass sich die eigent­li­che Sen­de­dau­er, die nach dem Vor­brin­gen des Klä­gers 23 Minu­ten je Schrift­satz in Anspruch nahm, auf 69 Minu­ten erhöh­te, son­dern auch, dass in den Pau­sen zwi­schen den ein­zel­nen Über­sen­dungs­vor­gän­gen eine Bele­gung des Fax­ge­räts des Beru­fungs­ge­richts mit ande­ren Ein­gän­gen ein­tre­ten konn­te. Ein Sicher­heits­zu­schlag von ins­ge­samt ledig­lich 20 Minu­ten wäre für die Über­sen­dung der drei Beru­fungs­be­grün­dun­gen des­we­gen von vorn­her­ein unzu­rei­chend gewe­sen. Ob für jede der drei Beru­fungs­be­grün­dun­gen eine zeit­li­che Reser­ve von 20 Minu­ten hät­te ein­be­rech­net wer­den müs­sen, kann an die­ser Stel­le offen­blei­ben. Denn schon bei Zugrun­de­le­gung eines Sicher­heits­zu­schlags von ins­ge­samt (nur) 30 Minu­ten wäre mit der Über­sen­dung der drei Beru­fungs­be­grün­dun­gen zu spät begon­nen wor­den.

Dass Ver­su­che einer frü­he­ren Über­sen­dung der Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift erfolg­los geblie­ben wären, hat der Klä­ger nicht vor­ge­tra­gen und ergibt sich auch nicht aus dem "Fax­tä­tig­keits­pro­to­koll" des Beru­fungs­ge­richts. Danach kam es zwar am 23.11.2017 ab 22:42 Uhr lau­fend zu Faxein­gän­gen, doch ver­blie­ben zwi­schen den ein­zel­nen Ein­gän­gen Pau­sen, so dass es nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass frü­he­re Über­mitt­lungs­ver­su­che erfolg­reich gewe­sen wären. Hat ein Rechts­an­walt nicht alle ihm mög­li­chen und zumut­ba­ren Maß­nah­men zur Wah­rung einer Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ergrif­fen, geht es zu sei­nen Las­ten, wenn nicht fest­ge­stellt wer­den kann, dass die Frist auch bei Durch­füh­rung die­ser Maß­nah­men ver­säumt wor­den wäre 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Okto­ber 2018 – III ZB 54/​18

  1. s. nur BGH, Beschluss vom 06.12 2017 XII ZB 335/​17, NJW-RR 2018, 312, 313 Rn. 13[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 27.11.2014 – III ZB 24/​14, Fam­RZ 2015, 323 Rn. 7; BGH, Beschlüs­se vom 16.12 2015 – IV ZB 23/​15, BeckRS 2016, 00394 Rn. 13; vom 06.12 2017 aaO; und vom 19.12 2017 – XI ZB 14/​17, Fam­RZ 2018, 610, 611 Rn. 9[]
  3. BGH, Beschluss vom 27.11.2014 aaO S. 323 f Rn. 7; BGH, Beschlüs­se vom 06.04.2011 XII ZB 701/​10, NJW 2011, 1972, 1973 Rn. 9; vom 16.12 2015 aaO; vom 26.01.2017 – I ZB 43/​16, NJW-RR 2017, 629 Rn. 10; vom 14.09.2017 – IX ZB 81/​16, Fam­RZ 2017, 1946, 1947 Rn. 7; vom 06.12 2017 aaO Rn. 14; und vom 19.12 2017 aaO[]
  4. BGH, Beschluss vom 27.11.2014 aaO S. 324 Rn. 8; BGH, Beschlüs­se vom 06.04.2011 aaO Rn. 10; vom 04.11.2014 – II ZB 25/​13, NJW 2015, 1027, 1029 Rn.20; vom 16.12 2015 aaO Rn. 14; vom 26.01.2017 aaO S. 629 f Rn. 10; vom 06.12 2017 aaO; und vom 19.12 2017 aaO Rn. 10; BVerfG, NJW 2000, 574 und NVwZ 2014, 1084 Rn. 36 mwN[]
  5. BGH, Beschluss vom 26.01.2017 aaO S. 630 Rn. 10 mwN; BVerfG, NVwZ 2014, 1084 Rn. 38[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 07.03.2013 – I ZB 67/​12, NJW-RR 2013, 1011, 1012 Rn. 8; und vom 14.09.2017 aaO Rn. 10[]
  7. Jäger in Klein, Abga­ben­ord­nung, 14. Aufl., § 371 AO Rn. 11, § 370 Rn. 331[]