Garan­ten­stel­lung des Schä­di­gers

Eine Garan­ten­stel­lung des Schä­di­gers, die es recht­fer­tigt, das Unter­las­sen der Erfolgs­ab­wen­dung dem Her­bei­füh­ren des Erfolgs gleich­zu­stel­len, ist nach den Umstän­den des kon­kre­ten Ein­zel­fal­les auf der Grund­la­ge einer Abwä­gung der Inter­es­sen­la­ge und der Bestim­mung des kon­kre­ten Ver­ant­wor­tungs­be­reichs der Betei­lig­ten zu bestim­men. Dies gilt in beson­de­rem Maße, wenn die Garan­ten­stel­lung aus einer recht­li­chen Son­der­be­zie­hung her­ge­lei­tet wer­den soll.

Garan­ten­stel­lung des Schä­di­gers

Dem Han­deln im Sin­ne eines posi­ti­ven Tuns steht ein Unter­las­sen nur gleich, sofern eine Rechts­pflicht zum Han­deln bestand 1. Bei den unech­ten Unter­las­sungs­de­lik­ten muss ein beson­de­rer Rechts­grund fest­ge­stellt wer­den, wenn jemand aus­nahms­wei­se dafür ver­ant­wort­lich gemacht wer­den soll, dass er es unter­las­sen hat, zum Schutz frem­der Rechts­gü­ter aktiv zu wer­den. Der Täter muss recht­lich ver­pflich­tet sein, den delik­ti­schen Erfolg abzu­wen­den, also eine Garan­ten­stel­lung inne­ha­ben 2. Eine sitt­li­che Pflicht oder die blo­ße Mög­lich­keit, den Erfolg zu ver­hin­dern, genü­gen nicht 3. Ob eine sol­che Garan­ten­stel­lung besteht, die es recht­fer­tigt, das Unter­las­sen der Erfolgs­ab­wen­dung dem Her­bei­füh­ren des Erfolgs gleich­zu­stel­len, ist nicht nach abs­trak­ten Maß­stä­ben zu bestim­men. Viel­mehr hängt die Ent­schei­dung von den Umstän­den des kon­kre­ten Ein­zel­fal­les ab; dabei bedarf es einer Abwä­gung der Inter­es­sen­la­ge und der Bestim­mung des kon­kre­ten Ver­ant­wor­tungs­be­reichs der Betei­lig­ten 4. Dies gilt in beson­de­rem Maße, wenn die Garan­ten­stel­lung aus einer recht­li­chen Son­der­be­zie­hung her­ge­lei­tet wer­den soll.

Vor die­sem Hin­ter­grund besteht auf­grund eines vor­ver­trag­li­chen Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses kei­ne delikts­recht­li­che Ver­pflich­tung, den Ver­trags­part­ner vor Erwerb der Akti­en dar­über auf­zu­klä­ren, dass die Papie­re nicht jeder­zeit gegen Rück­zah­lung des Kapi­tals von ihr zurück­ge­nom­men wür­den. Eine Garan­ten­stel­lung des Ver­käu­fers, die ihn ver­pflich­tet hät­te, den Käu­fer in die­ser Wei­se auf­zu­klä­ren, ist nach den Umstän­den des Streit­falls nicht gege­ben. Der blo­ße Ankauf eines Zeich­nungs­scheins, der zur Über­nah­me von Akti­en berech­tig­te, ver­mag ein beson­de­res Ver­trau­ens­ver­hält­nis, auf­grund des­sen die­se delikts­recht­lich gehal­ten gewe­sen wäre, den Ver­trags­part­ner eine beson­de­re Auf­klä­rung über die Risi­ken der Anla­ge zu ertei­len, nicht zu begrün­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. Okto­ber 2014 – VI ZR 466/​13

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 14.02.1978 – X ZR 19/​76, BGHZ 71, 86, 93; vom 05.02.1992 – IV ZR 94/​91, VersR 1992, 487, 488; NK-BGB/­Kat­zen­mei­er, 2. Aufl., § 823 Rn. 4[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 10.07.2012 – VI ZR 341/​10, BGHZ 194, 26 Rn. 18; BGH, Urtei­le vom 25.07.2000 – 1 StR 162/​00, NJW 2000, 3013, 3014 mwN; vom 12.01.2010 – 1 StR 272/​09, NJW 2010, 1087 Rn. 57[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 10.07.2012 – VI ZR 341/​10, aaO; BGH, Urteil vom 24.02.1982 – 3 StR 34/​82, BGHSt 30, 391, 394; BVerfG, NJW 2003, 1030[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 25.07.2000 – 1 StR 162/​00, aaO; vom 12.01.2010 – 1 StR 272/​09, aaO Rn. 58; vom 17.07.2009 – 5 StR 394/​08, BGHSt 54, 44 Rn. 23 ff.; Stree/​Bosch in Schönke/​Schröder, StGB, 29. Aufl., § 13 Rn. 14[]