Gas­preis-Kon­trol­le

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te jetzt dar­über zu ent­schei­den, ob der all­ge­mei­ne Tarif eines Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­mens ins­ge­samt oder nur inso­weit, wie er erhöht wor­den ist, der gericht­li­chen Bil­lig­keits­kon­trol­le nach § 315 BGB unter­liegt und wel­che Anfor­de­run­gen dabei an das Vor­brin­gen des Gas­ver­sor­gers zu stel­len sind.

Gas­preis-Kon­trol­le

Die Beklag­te, ein kom­mu­na­les Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men, belie­fert den Klä­ger seit 1983 als Tarif­kun­den mit Gas. Zum 1. Janu­ar 2005, 1. Okto­ber 2005 und 1. Janu­ar 2006 erhöh­te sie jeweils ihren Arbeits­preis. Der Klä­ger leis­te­te auf die Jah­res­rech­nung 2005 und auf Abschlags­rech­nun­gen für das Jahr 2006 nur Teil­be­trä­ge und behielt 594,84 € ein, weil er die (erhöh­ten) Gas­prei­se der Beklag­ten für unbil­lig hielt. Die Beklag­te hat die­sen Betrag im Wege der Wider­kla­ge gel­tend gemacht. Das Amts­ge­richt hat der Wider­kla­ge statt­ge­ge­ben. Das Land­ge­richt hat sie auf die Beru­fung des Klä­gers abge­wie­sen mit der Begrün­dung, die von der Beklag­ten ver­lang­ten Prei­se sei­en einer Bil­lig­keits­kon­trol­le (§ 315 BGB) zu unter­zie­hen; eine sol­che sei jedoch nicht mög­lich, weil die Beklag­te ihrer Dar­le­gungs­last nicht nach­ge­kom­men sei.

Die dage­gen gerich­te­te Revi­si­on der Beklag­ten hat­te Erfolg. Sie führ­te zur Auf­he­bung und Zurück­ver­wei­sung des Ver­fah­rens an das Beru­fungs­ge­richt, weil das Beru­fungs­ge­richt die Anfor­de­run­gen an die Dar­le­gungs- und Beweis­last des Ver­sor­gers rechts­feh­ler­haft über­spannt hat.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat offen gelas­sen, ob der Klä­ger die Tari­fe der Beklag­ten ins­ge­samt bean­stan­det oder ob er sich nur gegen die Tarif­er­hö­hun­gen gewandt hat. In bei­den Fäl­len unter­lie­gen allein die Tarif­er­hö­hun­gen einer gericht­li­chen Bil­lig­keits­kon­trol­le gemäß § 315 BGB, weil sie von dem Ver­sor­ger auf der Grund­la­ge von § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV ein­sei­tig vor­ge­nom­men wer­den. Für eine umfas­sen­de gericht­li­che Über­prü­fung all­ge­mei­ner Tari­fe eines Gas­ver­sor­gers im Sin­ne von § 10 EnWG 1998 (§ 36 EnWG 2005), § 4 AVB­GasV ist dage­gen kein Raum (Bestä­ti­gung von BGHZ 172, 315). Soweit der Kun­de die Tari­fe bei Abschluss des Lie­fer­ver­tra­ges oder spä­ter akzep­tiert, wer­den sie Gegen­stand der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung. Ver­trags­prei­se kön­nen zwar nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs einer gericht­li­chen Kon­trol­le in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 315 BGB unter­lie­gen, wenn der Anbie­ter, wie die Beklag­te, eine Mono­pol­stel­lung inne­hat. Die Ana­lo­gie zu § 315 BGB wür­de jedoch bei den all­ge­mei­nen Tari­fen für Gas der Inten­ti­on des Gesetz­ge­bers zuwi­der­lau­fen, der – anders als für die Strom­prei­se – eine staat­li­che Prü­fung und Geneh­mi­gung die­ser Tari­fe wie­der­holt abge­lehnt hat. Der Preis­so­ckel, der durch den ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Tarif gebil­det wird, ist des­halb auch einer Bil­lig­keits­kon­trol­le durch staat­li­che Gerich­te ent­zo­gen.

Die nach § 315 Abs. 1 BGB dem Gas­ver­sor­ger oblie­gen­de Dar­le­gung und der von ihm zu füh­ren­de Beweis dafür, dass die Tarif­er­hö­hun­gen der Bil­lig­keit ent­spre­chen, brau­chen danach nicht den gesam­ten Tarif zu umfas­sen. Die Bil­lig­keit einer Tarif­er­hö­hung ist schlüs­sig vor­ge­tra­gen, wenn der Ver­sor­ger für den maß­geb­li­chen Zeit­raum dar­legt, dass sich sei­ne Bezugs­kos­ten ent­spre­chend erhöht haben und nicht durch einen Rück­gang sons­ti­ger Kos­ten der Gas­ver­sor­gung ganz oder teil­wei­se aus­ge­gli­chen wor­den sind. Dabei muss er nicht not­wen­dig die abso­lu­te Höhe sei­ner Bezugs­prei­se ange­ben und die Bezugs­ver­trä­ge mit sei­nen Lie­fe­ran­ten vor­le­gen. Es reicht aus, wenn er vor­trägt, dass und in wel­chem Umfang sich auf­grund von Preis­än­de­rungs­klau­seln in den Bezugs­ver­trä­gen sei­ne Bezugs­prei­se erhöht haben; Beweis dafür kann er auch durch Zeu­gen anbie­ten.

Fer­ner kann für die Unbil­lig­keit einer Tarif­er­hö­hung von Bedeu­tung sein, ob der Ver­sor­ger im Ver­hält­nis zu sei­nem Vor­lie­fe­ran­ten Preis­an­pas­sungs­klau­seln und Preis­stei­ge­run­gen akzep­tiert hat, die er – auch unter Berück­sich­ti­gung des ihm zuzu­bil­li­gen­den unter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dungs­spiel­raums – ohne die Mög­lich­keit einer Wei­ter­ga­be durch Tarif­er­hö­hung aus betriebs­wirt­schaft­li­chen Grün­den ver­mie­den hät­te. Dafür, dass dies bei der von der Beklag­ten ange­führ­ten Ölpreis­bin­dung der Fall gewe­sen wäre, gab es jedoch nach dem Par­tei­vor­trag kei­ne Anhalts­punk­te. Uner­heb­lich ist, ob der Ver­sor­ger die Stei­ge­rung der Gas­be­zugs­kos­ten durch zurück­ge­hen­de Kos­ten in ande­ren Unter­neh­mens­be­rei­chen außer­halb der Gas­s­par­te hät­te auf­fan­gen kön­nen.

Für den Fall, dass im wei­te­ren Ver­lauf des Ver­fah­rens der von der Beklag­ten ange­bo­te­ne Zeu­gen­be­weis für die von ihr behaup­te­te Bezugs­kos­ten­stei­ge­rung nicht aus­rei­chen soll­te, um die Über­zeu­gung des Tatrich­ters von die­ser Tat­sa­che zu begrün­den, und es des­halb der Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens bedür­fen soll­te, für das die Beklag­ten wei­te­re Geschäfts­un­ter­la­gen vor­le­gen müss­te, hat der Senat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ein ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­tes Geheim­hal­tungs­in­ter­es­se an Geschäfts­da­ten nicht von vorn­her­ein mit der Begrün­dung ver­neint wer­den kann, der Gas­ver­sor­ger müs­se für die durch § 315 BGB ange­ord­ne­te gericht­li­che Über­prü­fung alle erfor­der­li­chen Unter­la­gen und Kal­ku­la­tio­nen unein­ge­schränkt offen legen. Das nach Art. 12 Abs. 1 GG geschütz­te Inter­es­se des Gas­ver­sor­gers an der Geheim­hal­tung kon­kret begrün­de­ter Geschäfts- und Betriebs­ge­heim­nis­se ist mit dem Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes abzu­wä­gen und – unter Inan­spruch­nah­me der pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten der §§ 172 ff. GVG – so weit wie mög­lich aus­zu­glei­chen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Novem­ber 2008 – VIII ZR 138/​07