Gebüh­ren­an­rech­nung trotz For­de­rungs­ab­tre­tung

Klagt der Zes­sio­nar aus abge­tre­te­nem Recht einen durch sei­nen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten namens des Zeden­ten vor­ge­richt­lich gel­tend gemach­ten Anspruch ein, so ist die außer­ge­richt­lich ange­fal­le­ne Geschäfts­ge­bühr gemäß Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 VV RVG auf die im Kla­ge­ver­fah­ren anfal­len­de Ver­fah­rens­ge­bühr anzu­rech­nen.

Gebüh­ren­an­rech­nung trotz For­de­rungs­ab­tre­tung

Der Bun­des­ge­richts­hof sieht in die­sem Fall die Vor­aus­set­zun­gen des § 15a Abs. 2 Fall 2 RVG als erfüllt an, weil wegen des Anspru­ches auf die Geschäfts­ge­bühr bereits ein Voll­stre­ckungs­ti­tel vor­liegt. So fehlt es nach Ansicht des Bud­nes­ge­richts­hofs weder an einer aus­rei­chen­den Titu­lie­rung im Sin­ne des § 15a Abs. 2 Fall 2 RVG noch schei­det eine Anrech­nung man­gels Gegen­standsi­den­ti­tät im Sin­ne von Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 VV RVG aus.

Dass § 15a RVG auf den Streit­fall Anwen­dung fin­det, wird von der Rechts­be­schwer­de zu Recht nicht in Fra­ge gestellt. In der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist mitt­ler­wei­le geklärt, dass sich die Anrech­nungs­vor­schrift des § 15a RVG auch in Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren, die vor Inkraft­tre­ten des § 15a RVG ent­stan­de­ne Gebüh­ren betref­fen, grund­sätz­lich nicht aus­wirkt, eine Anrech­nung der Geschäfts­ge­bühr auf die Ver­fah­rens­ge­bühr viel­mehr nur unter den in § 15a Abs. 2 RVG genann­ten Vor­aus­set­zun­gen statt­fin­det 1.

auch sind im Streit­fall die Vor­aus­set­zun­gen, unter denen sich der kos­ten­pflich­ti­ge Pro­zess­geg­ner nach § 15a Abs. 2 RVG auf die Anrech­nung beru­fen kann, aber erfüllt. Das Urteil des Ober­lan­des­ge­richts Hamm vom 02.11.2009 stellt einen die Anrech­nung gemäß § 15a Abs. 2 Fall 2 RVG recht­fer­ti­gen­den Voll­stre­ckungs­ti­tel bezüg­lich der Geschäfts­ge­bühr dar. Hier­ge­gen kann nicht mit Erfolg ein­ge­wen­det wer­den, der Voll­stre­ckungs­ti­tel wei­se kei­ne exak­te Bezif­fe­rung des Anspruchs aus. Das Gegen­teil ist der Fall. Auch wenn der Begriff "Geschäfts­ge­bühr" weder im land­ge­richt­li­chen Urteil noch im Beru­fungs­ur­teil aus­drück­lich genannt wird, kann kein Zwei­fel dar­an bestehen, dass die vom Klä­ger­ver­tre­ter ver­dien­te vor­ge­richt­li­che Geschäfts­ge­bühr dort titu­liert wor­den ist. Anders als in dem Beschluss des VI. Zivil­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs vom 7. Dezem­ber 2010 2 fehlt es im Streit­fall nicht an einer betrags­mä­ßi­gen Bezif­fe­rung des Anspruchs. Viel­mehr sind hier die vor­ge­richt­li­chen Anwalts­kos­ten im land­ge­richt­li­chen Tenor und bestä­ti­gend im ober­lan­des­ge­richt­li­chen Tenor jeweils betrags­mä­ßig in Höhe von 3.085,19 € geson­dert titu­liert. Im Tat­be­stand des land­ge­richt­li­chen Urteils, auf den das Beru­fungs­ge­richt Bezug genom­men hat, ist hier­zu aus­ge­führt, die Zeden­tin habe wegen der ver­geb­li­chen vor­ge­richt­li­chen Inan­spruch­nah­me der Beklag­ten Rechts­an­walts­ge­büh­ren für den klä­ge­ri­schen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten in der titu­lier­ten Höhe auf­ge­wandt. Aus den Urteils­grün­den bei­der Urtei­le folgt, dass die Klä­ge­rin den Betrag als Scha­dens­er­satz für die vor­pro­zes­su­al ent­stan­de­nen Anwalts­kos­ten ver­lan­gen kön­ne, wobei aus­weis­lich des land­ge­richt­li­chen Urteils unter Bezug­nah­me auf die die Geschäfts­ge­bühr aus­wei­sen­de Gebüh­ren­rech­nung K .. aus­drück­lich die der Zeden­tin in Rech­nung gestell­te 1,9fache Gebühr unbe­an­stan­det blieb. Anders als in dem vom VI. Zivil­Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall, der einen Pro­zess­ver­gleich betraf, aus dem sich nicht ent­neh­men ließ, in wel­cher Höhe die Geschäfts­ge­bühr dort mit der Ver­gleichs­sum­me abge­gol­ten war 3, lässt sich im Streit­fall daher zwei­fels­frei fest­stel­len, dass die Geschäfts­ge­bühr titu­liert wor­den ist.

Ohne Rechts­feh­ler ist für den Bun­des­ge­richts­hof auch das Ergeb­nis, gemäß Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 VV RVG sei die titu­lier­te Geschäfts­ge­bühr auf die vom Klä­ger­ver­tre­ter ver­dien­te Ver­fah­rens­ge­bühr anzu­rech­nen, weil sie wegen des­sel­ben Gegen­stan­des ent­stan­den sei wie die Ver­fah­rens­ge­bühr.

Für die Anrech­nung nach Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 VV RVG kommt es nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht dar­auf an, ob die Geschäfts- und die Ver­fah­rens­ge­bühr die­sel­be Ange­le­gen­heit oder unter­schied­li­che kos­ten­recht­li­che Ange­le­gen­hei­ten betref­fen; ent­schei­dend ist allein, dass wegen des­sel­ben Gegen­stands bereits eine Geschäfts­ge­bühr ent­stan­den ist 4. Was Gegen­stand der anwalt­li­chen Tätig­keit in die­sem Sinn ist, wird durch das Recht oder Rechts­ver­hält­nis bestimmt, auf das sich die Tätig­keit des Rechts­an­walts im Rah­men des ihm erteil­ten Auf­trags bezieht. Dabei ist bei der Bestim­mung des Gegen­stan­des kei­ne for­ma­le, son­dern eine wer­ten­de Betrach­tungs­wei­se ange­zeigt 5 und auf die wirt­schaft­li­che Iden­ti­tät abzu­stel­len 6. Die Fra­ge, ob eine vor­ge­richt­li­che anwalt­li­che Tätig­keit und die anschlie­ßen­de Kla­ge in die­sem Sin­ne den­sel­ben Gegen­stand gemäß Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 VV RVG betref­fen, ist daher anhand einer wirt­schaft­li­chen Betrach­tung zu ent­schei­den 7. Der hier­für zu for­dern­de sach­li­che Zusam­men­hang ist pro­blem­los gege­ben, wenn der vom Rechts­an­walt ange­mahn­te Zah­lungs­be­trag anschlie­ßend ein­ge­klagt wird 8. Die Anrech­nungs­norm (Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 VV RVG) fin­det näm­lich ihren Grund in dem gerin­ge­ren Ein­ar­bei­tungs- und Vor­be­rei­tungs­auf­wand, den ein bereits vor­ge­richt­lich mit der Ange­le­gen­heit befass­ter Rechts­an­walt hat 9.

Einen sol­chen Fall bejaht der Bun­des­ge­richts­hof. Bei den außer­ge­richt­lich gegen­über der Beklag­ten gel­tend gemach­ten Ansprü­chen wegen feh­ler­haf­ter Anla­ge­be­ra­tung han­delt es sich um die­je­ni­gen, die spä­ter ein­ge­klagt wor­den sind. Dass sie vor­ge­richt­lich von der Zeden­tin aus eige­nem Recht gel­tend gemacht wur­den und pro­zes­su­al von der Klä­ge­rin aus abge­tre­te­nem Recht, ändert – wie das Beschwer­de­ge­richt zu Recht ange­nom­men hat – nichts an der zur Anrech­nung nach Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 VV RVG füh­ren­den wirt­schaft­li­chen Iden­ti­tät 10. Eine for­ma­le, auf die Per­son des Auf­trag­ge­bers abstel­len­de Betrach­tungs­wei­se wird in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art, in denen der Zes­sio­nar die vor­ge­richt­lich bereits vom Zeden­ten ver­folg­te For­de­rung aus abge­tre­te­nem Recht ein­klagt, dem oben dar­ge­leg­ten Sinn der Anrech­nungs­vor­schrift nicht gerecht. Danach soll bei der Höhe der ins­ge­samt vom Rechts­an­walt ver­dien­ten Gebüh­ren gera­de dem typi­scher­wei­se gerin­ge­ren Auf­wand nach vor­pro­zes­sua­ler Befas­sung Rech­nung getra­gen wer­den. Ent­schei­dend ist bei der gebo­te­nen wirt­schaft­li­chen Betrach­tung danach, dass die vom Anwalt zu ent­fal­ten­de Tätig­keit in bei­den Fäl­len die­sel­ben recht­li­chen und tat­säch­li­chen Punk­te betrifft 11. Das ist in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art unge­ach­tet der Zes­si­on der Fall.

Dar­in liegt auch kei­ne unge­recht­fer­tig­te Begüns­ti­gung des Zes­sio­nars. Die Anrech­nung hat ihren Grund dar­in, dass dem schon vor­pro­zes­su­al mit der Sache befass­ten und hier­für ver­gü­te­ten Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten im Hin­blick auf den erfah­rungs­ge­mäß gerin­ge­ren Ein­ar­bei­tungs- und Vor­be­rei­tungs­auf­wand nur eine gekürz­te Ver­gü­tung zuge­bil­ligt wer­den sol­le 12. Genau so liegt der Sach­ver­halt aber auch in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art. Wie die Rechts­be­schwer­de­er­wi­de­rung zu Recht gel­tend macht, wür­de hier die Nicht­an­rech­nung allein den Anwalt ent­ge­gen dem oben näher dar­ge­leg­ten Sinn und Zweck der Anrech­nungs­norm pri­vi­le­gie­ren, ohne dass hier­für ein sach­li­cher Grund bestün­de.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Novem­ber 2011 – XI ZB 16/​11

  1. BGH, Beschlüs­se vom 02.09.2009 – II ZB 35/​07, NJW 2009, 3101 Rn. 8, vom 09.12.2009 – XII ZB 175/​07, NJW 2010, 1375 Rn. 16 ff., vom 11.03.2010 – IX ZB 82/​08, Jur­Bü­ro 2010, 358 Rn. 6, vom 29.04.2010 – V ZB 38/​10, Jur­Bü­ro 2010, 471 Rn. 8 ff., vom 10.08.2010 – VIII ZB 15/​10, Jur­Bü­ro 2011, 22 Rn. 6 ff., vom 14.09.2010 – VIII ZB 33/​10, AGS 2010, 473 Rn. 7 f., vom 28.10.2010 – VII ZB 55/​09, RVGre­port 2011, 27 Rn. 5 und vom 07.12.2010 – VI ZB 45/​10, NJW 2011, 861 Rn. 7 und BGH, Beschluss vom 28.09.2010 – XI ZB 7/​10, juris Rn. 8[]
  2. BGH, Beschluss vom 07.12.2010 – VI ZB 45/​10, NJW 2011, 861 Rn. 8 ff.[]
  3. BGH, Beschluss vom 07.12.2010 – VI ZB 45/​10, NJW 2011, 861 Rn. 12 f.[]
  4. BGH, Beschluss vom 02.10.2008 – I ZB 30/​08, WRP 2009, 75 Rn. 11[]
  5. BGH, Urteil vom 14.03.2007 – VIII ZR 184/​06, NJW 2007, 2050 Rn. 14 ff.[]
  6. vgl. Mül­ler­Ra­be in Gerold/​Schmidt, Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­setz, 19. Aufl., VV 1008 Rn. 136[]
  7. BGH, Urteil vom 14.03.2007 – VIII ZR 184/​06, NJW 2007, 2050 Rn. 15[]
  8. Schons in Hartung/​Schons/​Enders, Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­setz, Vor­bem. 3 VV Rn. 95; vgl. auch BGH, Urteil vom 14.03.2007 – VIII ZR 184/​06, NJW 2007, 2050 Rn. 13, 16[]
  9. BT-Drucks. 15/​1971, S.209; BGH, Urteil vom 14.03.2007 – VIII ZR 184/​06, NJW 2007, 2050 Rn. 15 und BGH, Beschluss vom 16.07.2008 – IV ZB 24/​07, Jur­Bü­ro 2008, 529 Rn. 8 mwN[]
  10. eben­so u.a. OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 11.04.2011 – I17 W 14/​11, juris Rn. 15 ff. und OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 09.06.2011 – I10 W 45/​11, BeckRS 2011, 21986; OLG Hamm, Beschluss vom 13.05.2011 – 25 W 95/​11, juris Rn. 30 ff. = BeckRS 2011, 19833 mit kri­ti­scher Anmer­kung May­er, NJW­Spe­zi­al 2011, 668, 669; aA OLG Frank­furt, Urteil vom 03.01.2011 – 23 U 259/​09[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 14.03.2007 – VIII ZR 184/​06, NJW 2007, 2050 Rn. 15[]
  12. BGH, Beschluss vom 10.12.2009 – VII ZB 41/​09[]