Gefähr­den Com­pu­ter die rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit?

Das Bun­des­ver­fas­susngs­ge­richt hat es aktu­ell abge­lehnt, die Ver­fas­sungs­be­schwer­de einer Frank­fur­ter OLG-Rich­te­rin zur Ent­schei­dung anzu­neh­men, die sich gegen die EDV-Ver­net­zung bei den Hes­si­schen Gerich­ten wen­det:

Gefähr­den Com­pu­ter die rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit?

Die Beschwer­de­füh­re­rin – eine Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main – wen­det sich gegen die Ver­wal­tung des EDV-Net­zes für den Recht­spre­chungs­be­reich des Ober­lan­des­ge­richts durch die Hes­si­sche Zen­tra­le für Daten­ver­ar­bei­tung (HZD) und bean­tragt die Zulas­sung zwei­er Ver­tre­ter als Bei­stän­de. Sie ist im Wesent­li­chen der Ansicht, die Eig­nung des EDV-Net­zes zur unein­ge­schränk­ten elek­tro­ni­schen Über­wa­chung ihrer Arbeit ver­let­ze ihre rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit aus Art. 33 Abs. 5 in Ver­bin­dung mit Art. 97 Abs. 1 GG und ver­sto­ße gegen "das ver­fas­sungs­recht­li­che Gebot orga­ni­sa­to­ri­scher Selb­stän­dig­keit der Gerich­te" aus Art.20 Abs. 2 Satz 2, Art. 92 und Art. 97 GG.

Ihre Rechts­mit­tel zu den Rich­ter­dienst­ge­rich­ten hat­ten im Wesent­li­chen kei­nen Erfolg, jedoch hielt der Hes­si­sche Dienst­ge­richts­hof für Rich­ter bei dem Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main die Zen­tra­li­sie­rung der Daten­ver­ar­bei­tung nur unter der Bedin­gung für zuläs­sig, dass zum Schutz vor einer Kennt­nis­nah­me durch Drit­te ver­bind­li­che Regeln für den Umgang mit Doku­men­ten des rich­ter­li­chen Ent­schei­dungs­pro­zes­ses fest­ge­legt und deren Ein­hal­tung durch den Minis­ter der Jus­tiz im gleich­be­rech­tig­ten Zusam­men­wir­ken mit gewähl­ten Ver­tre­tern der Rich­ter über­prüft wer­de 1. Mit Urteil vom 6. Okto­ber 2011 2 wies der Bun­des­ge­richts­hof – Dienst­ge­richt des Bun­des – die wei­ter­ge­hen­de Revi­si­on der Beschwer­de­füh­re­rin zurück.

Die Umset­zung der vom Hes­si­schen Dienst­ge­richts­hof for­mu­lier­ten Bedin­gun­gen für den Betrieb des EDV-Net­zes der Hes­si­schen Jus­tiz durch die Hes­si­sche Zen­tra­le für Daten­ver­ar­bei­tung erfolg­te nach Erhe­bung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de durch das Gesetz zur Errich­tung der Infor­ma­ti­ons­tech­nik-Stel­le der hes­si­schen Jus­tiz (IT-Stel­le) und zur Rege­lung jus­tiz­or­ga­ni­sa­to­ri­scher Ange­le­gen­hei­ten vom 16.12.2011 – JITStG HE – 3, das am 1. Janu­ar 2012 in Kraft trat.

Die Vor­aus­set­zun­gen für eine Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de lie­gen nicht vor. Der Ver­fas­sungs­be­schwer­de kommt kei­ne grund­sätz­li­che ver­fas­sungs­recht­li­che Bedeu­tung zu. Ihre Annah­me ist auch nicht zur Durch­set­zung der in § 90 Abs. 1 BVerfGG genann­ten Rech­te der Beschwer­de­füh­re­rin ange­zeigt, denn die Ver­fas­sungs­be­schwer­de hat kei­ne Aus­sicht auf Erfolg 4. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist teil­wei­se bereits unzu­läs­sig, im Übri­gen jeden­falls unbe­grün­det.

Soweit die Beschwer­de­füh­re­rin rügt, der Bun­des­ge­richts­hof habe feh­ler­haft die Prü­fung eines Ver­sto­ßes gegen das "ver­fas­sungs­recht­li­che Gebot orga­ni­sa­to­ri­scher Selb­stän­dig­keit der Gerich­te" unter­las­sen, ist ihre Ver­fas­sungs­be­schwer­de man­gels hin­rei­chen­der Sub­stan­ti­ie­rung (vgl. dazu § 23 Abs. 1 S. 2 Hs. 1, § 92 BVerfGG sowie BVerfGE 108, 370, 387 f.) unzu­läs­sig. Die Beschwer­de­füh­re­rin setzt sich bereits nicht mit der Annah­me des Bun­des­ge­richts­ho­fes aus­ein­an­der, im Ver­fah­ren vor den Rich­ter­dienst­ge­rich­ten kön­ne die Ver­ein­bar­keit einer Maß­nah­me mit dem Gebot orga­ni­sa­to­ri­scher Selb­stän­dig­keit der Gerich­te nicht gerügt wer­den, weil die Prü­fungs­kom­pe­tenz der Rich­ter­dienst­ge­rich­te gemäß § 26 Abs. 3 DRiG auf die Fra­ge der Beein­träch­ti­gung der rich­ter­li­chen Unab­hän­gig­keit durch Maß­nah­men der Dienst­auf­sicht beschränkt sei.

Im Übri­gen ist die Ver­fas­sungs­be­schwer­de jeden­falls unbe­grün­det.

Zu den her­ge­brach­ten Grund­sät­zen des Rich­ter­amts­rechts, die der Gesetz­ge­ber gemäß Art. 33 Abs. 5 GG zu beach­ten hat, gehört ins­be­son­de­re auch der Grund­satz der sach­li­chen und per­sön­li­chen Unab­hän­gig­keit des Rich­ters 5. Nach Art. 97 Abs. 1 GG müs­sen Rich­ter "unab­hän­gig und nur dem Gesetz unter­wor­fen" sein. Die so umschrie­be­ne sach­li­che Unab­hän­gig­keit ist gewähr­leis­tet, wenn der Rich­ter sei­ne Ent­schei­dun­gen frei von Wei­sun­gen fäl­len kann 6, wobei Art. 97 Abs. 1 GG jede ver­meid­ba­re auch mit­tel­ba­re, sub­ti­le und psy­cho­lo­gi­sche Ein­fluss­nah­me der Exe­ku­ti­ve auf die Rechts­stel­lung des Rich­ters ver­bie­tet 7. Eine der­ar­ti­ge ver­bo­te­ne Ein­fluss­nah­me kann auch dann vor­lie­gen, wenn ein beson­ne­ner Rich­ter durch ein Gefühl des unkon­trol­lier­ba­ren Beob­ach­tet­wer­dens 8 von der Ver­wen­dung der ihm zur Erfül­lung sei­ner rich­ter­li­chen Auf­ga­ben zur Ver­fü­gung gestell­ten Arbeits­mit­tel abge­hal­ten wür­de.

Gemes­sen hier­an ist gegen die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen ver­fas­sungs­recht­lich nichts zu erin­nern. Wie der Bun­des­ge­richts­hof in nicht zu bean­stan­den­der Wei­se dar­legt, besteht für die Beschwer­de­füh­re­rin kein Anlass, allein wegen der Zen­tra­li­sie­rung der elek­tro­ni­schen Daten­ver­ar­bei­tung ver­nünf­ti­ger­wei­se von der Ver­wen­dung ihres Dienst­com­pu­ters oder des EDV-Net­zes der Hes­si­schen Jus­tiz Abstand zu neh­men.

Die Exe­ku­ti­ve und sons­ti­ge Drit­te ver­fü­gen – jeden­falls nach den in der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung des Hes­si­schen Dienst­ge­richts­hofs für Rich­ter for­mu­lier­ten Bedin­gun­gen für die Über­las­sung der Ver­wal­tung des EDV-Net­zes der Hes­si­schen Jus­tiz an die Hes­si­sche Zen­tra­le für Daten­ver­ar­bei­tung – über kei­ne Zugriffs­er­laub­nis­se hin­sicht­lich der von der Beschwer­de­füh­re­rin für ihre dienst­li­chen Auf­ga­ben ver­wen­de­ten Daten. Die ein­zel­nen Sys­tem­ad­mi­nis­tra­to­ren ein­ge­räum­ten Zugriffs­rech­te sind streng limi­tiert und beschrän­ken sich auf Maß­nah­men, die zum Funk­tio­nie­ren des EDV-Net­zes betriebs­not­wen­dig sind. Die Wei­ter­ga­be rich­ter­li­cher Doku­men­te an die Exe­ku­ti­ve oder an Drit­te ist den Admi­nis­tra­to­ren unter­sagt. Auch die Spei­che­rung und Wei­ter­ga­be soge­nann­ter Meta­da­ten rich­ter­li­cher Doku­men­te wie Autor und Erstel­lungs­zeit­punkt sind unzu­läs­sig, soweit nicht der kon­kre­te Ver­dacht eines Miss­brauchs des EDV-Net­zes zu dienst­frem­den Zwe­cken besteht.

Anhalts­punk­te dafür, dass die ein­zel­nen Admi­nis­tra­to­ren des EDV-Net­zes eröff­ne­ten fak­ti­schen Zugriffs­mög­lich­kei­ten ohne ent­spre­chen­de Erlaub­nis und gegen den Wil­len der Beschwer­de­füh­re­rin zu Aus­for­schun­gen ihrer Tätig­keit, zur inhalt­li­chen Kon­trol­le rich­ter­li­cher Datei­en oder gar zur Mani­pu­la­ti­on von Doku­men­ten genutzt wer­den könn­ten, ver­moch­ten weder die Fach­ge­rich­te zu erken­nen, noch wer­den sol­che Anhalts­punk­te von der Beschwer­de­füh­re­rin vor­ge­tra­gen. Es spricht auch nichts dafür, dass die unter Betei­li­gung von Ver­tre­tern der Rich­ter­schaft aus­ge­üb­te Kon­trol­le der Ein­hal­tung der einen Zugriff auf rich­ter­li­che Daten ver­bie­ten­den Vor­schrif­ten nicht aus­rei­chen könn­te, um deren Befol­gung dau­er­haft und effek­tiv sicher­zu­stel­len.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 17. Janu­ar 2013 – 2 BvR 2576/​11

  1. OLG Frank­furt am Main – Hess. Dienst­ge­richts­hof für Rich­ter, Urteil vom 20.04.2010 – DGH 4/​08[]
  2. BGH – Dienst­ge­richt des Bun­des, Urteil vom 06.10.2011 – RiZ® 7/​10[]
  3. GVBl I S. 778[]
  4. vgl. BVerfGE 90, 22, 24 f.[]
  5. vgl. BVerfGE 12, 81, 88; 55, 372, 391 f.; BVerfG, Beschluss der 3. Kam­mer des Zwei­ten Senats vom 29.02.1996 – 2 BvR 136/​96, NJW 1996, S. 2149, 2150[]
  6. BVerfGE 14, 56, 69; BVerfGK 8, 395, 399[]
  7. sie­he BVerfG, Beschluss der 1. Kam­mer des Zwei­ten Senats vom 22.06.2006 – 2 BvR 957/​05; BVerfGE 12, 81, 88; 26, 79, 93; 55, 372, 389[]
  8. vgl. im Zusam­men­hang mit der sog. Vor­rats­da­ten­spei­che­rung BVerfGE 125, 260, 332[]