Gegen­stands­wert bei Anträ­gen auf Erlass eines Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss

Bean­tragt ein Rechts­an­walt im Auf­trag des Gläu­bi­gers den Erlass eines Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schlus­ses, mit dem For­de­run­gen des Schuld­ners gegen drei Dritt­schuld­ner gepfän­det und dem Gläu­bi­ger zur Ein­zie­hung über­wie­sen wer­den sol­len, bezieht sich sei­ne Tätig­keit auf drei Gegen­stän­de. Eine Zusam­men­rech­nung der Gegen­stands­wer­te kommt nicht in Betracht, soweit die Gegen­stän­de wirt­schaft­lich iden­tisch sind.

Gegen­stands­wert bei Anträ­gen auf Erlass eines Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss

Aus­gangs­punkt für den Bun­des­ge­richts­hof ist hier­bei, dass es sich bei der Pfän­dung und Über­wei­sung der For­de­run­gen der Schuld­ne­rin gegen die drei Dritt­schuld­ne­rin­nen auf­grund eines Voll­stre­ckungs­auf­trags um eine Ange­le­gen­heit im gebüh­ren­recht­li­chen Sin­ne han­delt und dass der Rechts­an­walt der Gläu­bi­ge­rin die Ver­fah­rens­ge­bühr daher nur ein­mal bean­spru­chen kann.

Grund­sätz­lich bil­den die gesam­ten zu einer bestimm­ten Voll­stre­ckungs­maß­nah­me gehö­ren­den, mit­ein­an­der in einem inne­ren Zusam­men­hang ste­hen­den Ein­zel­maß­nah­men von der Vor­be­rei­tung der Voll­stre­ckung bis zur Befrie­di­gung des Gläu­bi­gers oder bis zum sons­ti­gen Abschluss der Voll­stre­ckung die­sel­be gebüh­ren­recht­li­che Ange­le­gen­heit, § 18 Abs. 1 Nr. 1 RVG. Dabei ste­hen nur die­je­ni­gen Ein­zel­maß­nah­men in einem inne­ren Zusam­men­hang, wel­che die ein­mal ein­ge­lei­te­te Maß­nah­me mit dem­sel­ben Ziel der Befrie­di­gung fort­set­zen 1. Der inne­re Zusam­men­hang ist vor­lie­gend zu beja­hen, da die Voll­stre­ckung zwar in meh­re­re Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de der Schuld­ne­rin statt­fin­det, die­se aber gleich­ar­tig sind, der­sel­ben Art des Voll­stre­ckungs­zu­griffs – der For­de­rungs­pfän­dung – unter­lie­gen und die Gläu­bi­ge­rin auf­grund eines Voll­stre­ckungs­auf­trags ein­mal in Höhe der titu­lier­ten For­de­rung ein­schließ­lich der Neben­for­de­run­gen Befrie­di­gung erlan­gen will. Auch die ober­ge­richt­li­che Recht­spre­chung und die über­wie­gen­de Lite­ra­tur neh­men bei die­ser Fall­ge­stal­tung eine gebüh­ren­recht­li­che Ange­le­gen­heit an 2. Soweit teil­wei­se dem Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs vom 24. Sep­tem­ber 2004 3 für die hie­si­ge Fall­ge­stal­tung etwas ande­res ent­nom­men wird 4, geht dies fehl. Der Beschluss betraf einen ande­ren Sach­ver­halt. Es ging dort um die Gebüh­ren für den Schuld­ner­an­walt, der meh­re­re Erin­ne­run­gen gegen Vor­pfän­dun­gen ein­ge­legt hat­te.

Eine Ange­le­gen­heit kann meh­re­re Gegen­stän­de umfas­sen. Im hier ent­schie­de­nen Fall liegt nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs auch drei Gegen­stän­de vor und nicht nur einer:

Der Gesetz­ge­ber hat den Begriff des gebüh­ren­recht­li­chen Gegen- stan­des inhalt­lich nicht näher bestimmt. Er bezeich­net das kon­kre­te Recht oder Rechts­ver­hält­nis, auf das sich die anwalt­li­che Tätig­keit bezieht 5. Nach die­sem Maß­stab bezog sich die Tätig­keit des Rechts­an­walts der Gläu­bi­ge­rin auf drei Rechts­ver­hält­nis­se. Er ließ drei For­de­run­gen gegen drei ver­schie­de­ne Dritt­schuld­ne­rin­nen pfän­den und zur Ein­zie­hung über­wei­sen. An jeder die­ser For­de­run­gen ent­stand ein Pfän­dungs­pfand­recht zuguns­ten der Gläu­bi­ge­rin 6. Jede For­de­rung haf­tet selb­stän­dig und in vol­ler Höhe für die For­de­rung der Gläu­bi­ge­rin. Die zwi­schen der Gläu­bi­ge­rin und den Dritt­schuld­ne­rin­nen ent­stan­de­nen Rechts­be­zie­hun­gen sind unab­hän­gig von­ein­an­der und kön­nen sich unter­schied­lich ent­wi­ckeln 7.

Nichts ande­res folgt für den Gegen­stands­be­griff aus der Erwä­gung, dass es um die Durch­set­zung einer For­de­rung von 910,99 € geht, deren Höhe durch die Anzahl der Dritt­schuld­ner nicht beein­flusst wird, und dass die Gläu­bi­ge­rin nur ein­mal in die­ser Höhe Befrie­di­gung erlan­gen kann. Die For­de­rung war Anlass dafür, dass der Rechts­an­walt der Gläu­bi­ge­rin die Zwangs­voll­stre­ckung betreibt, sie war aber nicht Gegen­stand sei­ner Tätig­keit. Die­se bezog sich nicht auf die For­de­rung der Gläu­bi­ge­rin, son­dern auf die Pfän­dung der For­de­run­gen der Schuld­ne­rin gegen die Dritt­schuld­ne­rin­nen.

Das Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­setz bewer­tet den ein­zel­nen Gegen­stand in der Zwangs­voll­stre­ckung – soweit hier von Inter­es­se – nach dem Betrag der zu voll­stre­cken­den Geld­for­de­rung ein­schließ­lich der Neben­for­de­run­gen (§ 25 Abs. 1 Nr. 1 Halb­satz 1 RVG) oder, wenn ein bestimm­ter Gegen­stand gepfän­det wer­den soll, der einen gerin­ge­ren Wert hat, nach die­sem gerin­ge­ren Wert, § 25 Abs. 1 Nr. 1 Halb­satz 2 RVG.

Geht man davon aus, dass die drei Gegen­stän­de jeweils nach § 25 Abs. 1 Nr. 1 Halb­satz 1 RVG zu bewer­ten sind, so sind sie nicht nach § 22 Abs. 1 RVG zusam­men­zu­rech­nen. Viel­mehr ist dann ledig­lich der Wert eines Gegen­stan­des für die Anwalts­ge­bühr maß­geb­lich.

Die Zusam­men­rech­nung meh­re­rer Gegen­stands­wer­te nach § 22 Abs. 1 RVG ist nicht zwin­gend. Viel­mehr erge­ben sich auf­grund der gesetz­li­chen Wert­vor­schrif­ten Aus­nah­men hier­von 8. Eine Zusam­men­rech­nung kann auch aus­ge­schlos­sen sein, soweit die Gegen­stän­de wirt­schaft­lich iden­tisch sind 9.

Die gepfän­de­ten For­de­run­gen sind wirt­schaft­lich iden­tisch, wenn sie zumin­dest den­sel­ben Wert haben wie die zu voll­stre­cken­de For­de­rung. Denn dann sind sie für die Gläu­bi­ge­rin aus­tausch­bar und bedient jede von ihnen das­sel­be wirt­schaft­li­che Inter­es­se. Die Gläu­bi­ge­rin kann durch die Voll­stre­ckung den titu­lier­ten Anspruch ins­ge­samt nur ein­mal befrie­di­gen. Daher greift in die­sem Fall hin­sicht­lich der meh­re­ren Gegen­stands­wer­te das Addi­ti­ons­ver­bot ein 10. Das hat zur Fol­ge, dass von den meh­re­ren nicht zu addie­ren­den Gegen­stands­wer­ten allein der höchs­te maß­geb­lich ist 11. Das ist wegen der gesetz­li­chen Rege­lung des § 25 Abs. 1 Nr. 1 Halb­satz 1 RVG der Betrag der zu voll­stre­cken­den Geld­for­de­rung ein­schließ­lich der Neben­for­de­run­gen. Auf die­ser Grund­la­ge hat das Beschwer­de­ge­richt die 0,3-Gebühr nach RVG VV Nr. 3309 zutref­fend errech­net.

Anders ist es, wenn die ein­zel­nen Gegen­stän­de nach § 25 Abs. 1 Nr. 1 Halb­satz 2 RVG zu bewer­ten sind. Wirt­schaft­li­che Iden­ti­tät fehlt, soweit die gepfän­de­ten For­de­run­gen klei­ner sind als die zu voll­stre­cken­de For­de­rung. Denn dann bedeu­tet jede wei­te­re Pfän­dung einen Mehr­wert für den Gläu­bi­ger, bis er voll­stän­dig befrie­digt ist. Ein Addi­ti­ons­ver­bot ist daher bis zum Errei­chen des Wer­tes der zu voll­stre­cken­den For­de­rung nicht gerecht­fer­tigt. Daher könn­ten die ein­zel­nen Gegen­stän­de inso­weit zusam­men­ge­rech­net wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. März 2011 – VII ZB 3/​10

  1. BGH, Beschlüs­se vom 12.12.2003 – IXa ZB 234/​03, NJW 2004, 1101; und vom 24.09.2004 – IXa ZB 115/​04, NJW-RR 2005, 78, 79[]
  2. AnwK-RVG/­Schnei­der/­Wolf, 5. Aufl., § 18 Rn. 35; Beck­OK RVG/​Seltmann, Stand: 15.08.2010, § 18 Rn. 5; Mayer/​Kroiß/​Rohn, RVG, 4. Aufl., § 18 Rn. 30; Mock, RVGre­port 2007, 130, 132; OLG Düs­sel­dorf, AGS 2006, 530, 536; OLG Düs­sel­dorf, Jur­Bü­ro 1994, 351; OLG Düs­sel­dorf, Jur­Bü­ro 1987, 1792, 1793; KG, Rpfle­ger 1974, 409, 410; dif­fe­ren­zie­rend OLG Köln, Rpfle­ger 2001, 149, 150[]
  3. BGH, Beschluss vom 24.09.2004 – IXa ZB 115/​04, NJWRR 2005, 78, 79[]
  4. Gerold/​Schmidt/​MüllerRabe, RVG, 19. Aufl., VV 3309 Rn. 40; im Ergeb­nis eben­so Bräu­er in Bischof, RVG, 3. Aufl., VV 3309 Rn. 45a; LG Ber­lin, Ber­li­ner Anwalts­blatt 2006, 424[]
  5. BGH, Urtei­le vom 19.10.2010 – VI ZR 237/​09, NJW 2011, 155 Rn. 17; und vom 3.08.2010 – VI ZR 113/​09, NJW 2010, 3037 Rn. 17 je m.w.N.[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 22.01.1975 – VIII ZR 119/​73, NJW 1975, 738[]
  7. im Ergeb­nis – meh­re­re Gegen­stän­de – eben­so LG Koblenz, Jur­Bü­ro 2010, 49; AG Ber­lin-Mit­te, Jur­Bü­ro 2009, 606; Mock, RVGre­port 2007, 130, 132; wohl auch Sche­ungrab in Münch­ner Anwalts­hand­buch Ver­gü­tungs­recht, § 20 Rn. 35 [S. 389][]
  8. vgl. die Bei­spie­le bei AnwK-RVG/ Schnei­der, 5. Aufl., § 22 Rn. 8[]
  9. AnwK-RVG/­Schnei­der, 5. Aufl., § 22 Rn. 8; OLG Bre­men, Beschluss vom 20.05.1987 – 2 W 54/​87 zu § 7 Abs. 2 BRAGO; all­ge­mein Schu­mann, NJW 1982, 2800 f.[]
  10. zum Fall der wirt­schaft­lich ver­gleich­ba­ren Gesamt­schuld­ner­schaft BGH, Beschluss vom 25.11.2003 – VI ZR 418/​02, NJW-RR 2004, 638, 639 m.w.N.[]
  11. vgl. Schu­mann, NJW 1982, 2800, 2801; Frank, Anspruchs­mehr­hei­ten im Streit­wert­recht, 1986, S. 206[]