Gehörs­ver­stoß – rich­ter­li­cher Hin­weis und die nicht genutz­te Stel­lung­nah­me­frist

Eine Revi­si­on ist nicht wegen eines Gehörs­ver­sto­ßes zuzu­las­sen, wenn es der Beschwer­de­füh­rer ver­säumt hat, den Ver­stoß im Rah­men der ihm ein­ge­räum­ten Frist zur Stel­lung­nah­me auf einen Hin­weis­be­schluss des Beru­fungs­ge­richts zu rügen.

Gehörs­ver­stoß – rich­ter­li­cher Hin­weis und die nicht genutz­te Stel­lung­nah­me­frist

Die Revi­si­on ist zur Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung zuzu­las­sen, wenn die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung auf einer Ver­let­zung des Anspruchs auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs beruht, so dass nicht zwei­fel­haft ist, dass sie auf eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de hin der Auf­he­bung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt unter­lie­gen wür­de. Für die Zulas­sung wegen eines Rechts­feh­lers sind des­halb die glei­chen Vor­aus­set­zun­gen maß­ge­bend, die nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Erfolg einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de füh­ren wür­den 1.

Soweit der Klä­ger in dem hier vom Bun­des­ge­richs­hof ent­schie­de­nen Streit­fall bean­stan­det, das Beru­fungs­ge­richt habe in sei­nem Hin­weis­be­schluss sein Vor­brin­gen über­gan­gen, wonach es sich bei den Äuße­run­gen der Steu­er­be­ra­ter L. und M. zu der Wert­ent­wick­lung und der gewinn­brin­gen­den Wie­der­ver­käuf­lich­keit des Anla­ge­ob­jekts nicht um eine unver­bind­li­che Pro­gno­se oder bloß wer­ben­de Anprei­sung ohne ver­bind­li­chen Gehalt, son­dern um eine ver­bind­li­che Zusi­che­rung mit einem für die Anla­ge­ent­schei­dung ver­bind­li­chen Inhalt gehan­delt habe, steht der Gel­tend­ma­chung eines Gehörs­ver­sto­ßes der all­ge­mei­ne Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät ent­ge­gen. Glei­ches gilt hin­sicht­lich des Vor­wurfs, das Beru­fungs­ge­richt habe eine vor­weg­ge­nom­me­ne Beweis­wür­di­gung vor­ge­nom­men, indem es dar­auf ver­zich­tet habe, die vom Klä­ger als Zeu­gin benann­te Ehe­frau zur Abga­be einer ver­bind­li­chen Zusi­che­rung durch die Steu­er­be­ra­ter zu hören. Der Sub­si­dia­ri­täts­grund­satz for­dert, dass ein Betei­lig­ter über das Gebot der Erschöp­fung des Rechts­wegs im enge­ren Sinn hin­aus alle nach Lage der Sache zur Ver­fü­gung ste­hen­den pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten ergreift, um eine Kor­rek­tur der gel­tend gemach­ten Grund­rechts­ver­let­zung zu erwir­ken oder eine Grund­rechts­ver­let­zung zu ver­hin­dern 2. Die­se Wür­di­gung ent­spricht dem in § 295 ZPO zum Aus­druck kom­men­den Rechts­ge­dan­ken, nach des­sen Inhalt eine Par­tei eine Gehörs­ver­let­zung nicht mehr rügen kann, wenn sie die ihr nach Erken­nen des Ver­sto­ßes ver­blie­be­ne Mög­lich­keit zu einer Äuße­rung nicht genutzt hat 3.

Die Mög­lich­keit, auf den Hin­weis­be­schluss des Beru­fungs­ge­richts gemäß § 522 Abs. 2 Satz 2 ZPO Stel­lung zu neh­men, dient nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung dem Zweck, dem Beru­fungs­füh­rer das recht­li­che Gehör zu gewäh­ren 4. Die­sem soll Gele­gen­heit gege­ben wer­den, sich zu der vom Beru­fungs­ge­richt beab­sich­tig­ten Zurück­wei­sung sei­nes Rechts­mit­tels zu äußern. Die­ser Zweck der Vor­schrift wür­de ver­fehlt, wenn man dem Beru­fungs­klä­ger die Wahl lie­ße, ob er eine Gehörs­ver­let­zung im Hin­weis­be­schluss inner­halb der ihm ein­ge­räum­ten Frist zur Stel­lung­nah­me oder erst in einem sich anschlie­ßen­den Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren rügt. Dies wür­de der mit der Ein­füh­rung des § 522 ZPO bezweck­ten Beschleu­ni­gung des Ver­fah­rens zuwi­der­lau­fen und die rechts­kräf­ti­ge Erle­di­gung der Strei­tig­keit zulas­ten der in ers­ter Instanz obsie­gen­den Par­tei ver­zö­gern 5.

Im Streit­fall hat­te der Klä­ger nach Zustel­lung des Hin­weis­be­schlus­ses bis zum Erlass des Zurück­wei­sungs­be­schlus­ses mehr als zwei Wochen Zeit, um die ver­meint­li­chen Gehörs­ver­let­zun­gen zu rügen. Von der ihm ein­ge­räum­ten Stel­lung­nah­me­frist von zwei Wochen hat er kei­nen Gebrauch gemacht. Die Gel­tend­ma­chung von Gehörs­ver­stö­ßen, auf denen die Zurück­wei­sung der Beru­fung beru­hen soll, im Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren schei­det damit aus.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. März 2016 – IX ZR 211/​14

  1. BGH, Beschluss vom 27.03.2003 – V ZR 291/​02, BGHZ 154, 288, 296 f; Beschluss vom 06.05.2010 – IX ZB 225/​09, ZIn­sO 2010, 1156 Rn. 6[]
  2. BGH, Beschluss vom 06.05.2010, aaO Rn. 7; BVerfGE 73, 322, 325; 77, 381, 401; 81, 22, 27; 86, 15, 22; 95, 163, 171; stRspr; vgl. Zöller/​Greger, ZPO, 31. Aufl., Vor § 128 Rn. 8a[]
  3. BGH, Beschluss vom 06.05.2010, aaO; BFH/​NV 1993, 34; 1993, 422, 423; BVerwG, Beschluss vom 14.05.2008 – 4 B 45/​07, WV Rn. 23 mwN; Zöller/​Greger, § 295 Rn. 5; Münch­Komm-ZPO/Prüt­ting, 4. Aufl., § 295 Rn. 37; Prütting/​Gehrlein/​Deppenkemper, ZPO, 7. Aufl. § 295 Rn. 6; Wieczorek/​Schütze/​Gerken, ZPO, 4. Aufl. § 522 Rn. 87[]
  4. Hk-ZPO/Wöst­mann, 6. Aufl., § 522 Rn. 14 f; Münch­Komm-ZPO/Rim­mels­pa­cher, 4. Aufl., § 522 Rn. 28; Stein/​Jonas/​Althammer, ZPO, 22. Aufl., § 522 Rn. 60; Wieczorek/​Schütze/​Gerken, aaO; Zöller/​Heßler, aaO § 522 Rn. 34[]
  5. vgl. BT-Drs. 14/​4722, S. 96 f[]