Gemein­schafts­an­ten­nen­an­la­gen – und kei­ne GEMA

Eine Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft schul­det kei­ne Ver­gü­tung für die Wei­ter­über­tra­gung der über die Gemein­schafts­an­ten­ne der Wohn­an­la­ge per Satel­lit emp­fan­ge­nen Fern­seh- und Hör­funk­si­gna­le durch ein Kabel­netz an die Emp­fangs­ge­rä­te der ein­zel­nen Woh­nungs­ei­gen­tü­mer.

Gemein­schafts­an­ten­nen­an­la­gen – und kei­ne GEMA

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te die Gesell­schaft für musi­ka­li­sche Auf­füh­rungs- und mecha­ni­sche Ver­viel­fäl­ti­gungs­rech­te (GEMA) geklagt. ie nimmt die ihr von Kom­po­nis­ten, Text­dich­tern und Musik­ver­le­gern ein­ge­räum­ten urhe­ber­recht­li­chen Nut­zungs­rech­te wahr. Außer­dem führt die Klä­ge­rin das Inkas­so für auf ver­gü­tungs­pflich­ti­gen Kabel­wei­ter­sen­dun­gen beru­hen­de Ansprü­che ande­rer Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten durch. Die­se Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten neh­men die ihnen von Urhe­bern, aus­üben­den Künst­lern, Sen­de­un­ter­neh­men und Film­her­stel­lern ein­ge­räum­ten urhe­ber­recht­li­chen Nut­zungs­rech­te wahr.

Die Beklag­te ist die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft eines Wohn­ge­bäu­des mit 343 Wohn­ein­hei­ten. Sie betreibt in dem Gebäu­de ein Kabel­netz, mit dem das von einer Gemein­schafts­an­ten­ne abge­lei­te­te Sen­de­si­gnal in die ein­zel­nen Woh­nun­gen wei­ter­ge­lei­tet wird. Die Klä­ge­rin ist der Ansicht, die Beklag­te ver­let­ze mit der Wei­ter­lei­tung der Sen­de­si­gna­le das Kabel­wei­ter­sen­de­recht der von ihr ver­tre­te­nen Urhe­ber und Leis­tungs­schutz­be­rech­tig­ten. Sie hat die Beklag­te daher auf Zah­lung von Scha­dens­er­satz in Anspruch genom­men.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Mün­chen I hat die Kla­ge abge­wie­sen 1, das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung der GEMA zurück­ge­wie­sen 2. Und auch mit ihrer vom Ober­lan­des­ge­richt zuge­las­se­nen Revi­si­on schei­ter­te die GEMA nun vor dem Bun­des­ge­richts­hof:

Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hat, so der Bun­des­ge­richts­hof, mit Recht ange­nom­men, dass die beklag­te Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft durch den Betrieb der Kabel­an­la­ge nicht das von der Klä­ge­rin wahr­ge­nom­me­ne aus­schließ­li­che Recht von Urhe­bern, aus­üben­den Künst­lern, Sen­de­un­ter­neh­men und Film­her­stel­lern zur Kabel­wei­ter­sen­dung ver­letzt hat. Eine Kabel­wei­ter­sen­dung setzt eine öffent­li­che Wie­der­ga­be im Sin­ne von § 15 Abs. 3 UrhG vor­aus. Die Rech­te der Urhe­ber und Leis­tungs­schutz­be­rech­tig­ten wegen einer öffent­li­chen Wie­der­ga­be ihrer Wer­ke und Leis­tun­gen durch Kabel­wei­ter­sen­dung beru­hen auf Richt­li­ni­en der Euro­päi­schen Uni­on (Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG und Art. 8 der Richt­li­nie 2006/​115/​EG). Der Begriff der öffent­li­chen Wie­der­ga­be im Sin­ne von § 15 Abs. 3 UrhG ist des­halb in Über­ein­stim­mung mit den ent­spre­chen­den Bestim­mun­gen die­ser Richt­li­ni­en und der dazu ergan­ge­nen Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on aus­zu­le­gen. Danach setzt die Öffent­lich­keit einer Wie­der­ga­be vor­aus, dass einer "unbe­stimm­ten Zahl poten­ti­el­ler Adres­sa­ten" der Zugang zu den­sel­ben Wer­ken und Leis­tun­gen eröff­net wird. Die­se Vor­aus­set­zung ist nicht erfüllt, wenn die Wie­der­ga­be auf "beson­de­re Per­so­nen" beschränkt ist, die einer "pri­va­ten Grup­pe" ange­hö­ren.

Eine Wie­der­ga­be beschränkt sich nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on auf "beson­de­re Per­so­nen", wenn sie für einen begrenz­ten Per­so­nen­kreis vor­ge­nom­men wird. So ver­hält es sich hier. Die Emp­fän­ger der von der Beklag­ten über eine Gemein­schafts­an­ten­ne per Satel­lit und durch ein Kabel­netz in die Woh­nun­gen der Wohn­an­la­ge wei­ter­ge­lei­te­ten Sen­de­si­gna­le sind in ihrer Eigen­schaft als Bewoh­ner der Wohn­an­la­ge von ande­ren Per­so­nen­krei­sen abge­grenzt.

Der für den uni­ons­recht­li­chen Begriff der Öffent­lich­keit maß­geb­li­che Begriff der "pri­va­ten Grup­pe" kann nicht ohne Wei­te­res mit dem für den natio­na­len Begriff der Öffent­lich­keit im Sin­ne von § 15 Abs. 3 UrhG maß­geb­li­chen Begriff der "per­sön­li­chen Ver­bun­den­heit" gleich­ge­setzt wer­den. Es han­delt sich dabei um einen auto­no­men Begriff des Uni­ons­rechts, der im gesam­ten Gebiet der Uni­on ein­heit­lich aus­zu­le­gen ist. Aus der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ergibt sich nicht, dass eine "pri­va­te Grup­pe" aus weni­gen Per­so­nen bestehen muss.

Bei der Beur­tei­lung der Fra­ge, ob im Streit­fall die über eine Gemein­schafts­an­ten­ne emp­fan­ge­nen und durch ein Kabel­netz wei­ter­ge­lei­te­ten Sen­de­si­gna­le einer "pri­va­ten Grup­pe" über­mit­telt wer­den, ist zu berück­sich­ti­gen, dass die­se Sen­de­si­gna­le von einer Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft aus­schließ­lich in die Woh­nun­gen der die­ser Gemein­schaft ange­hö­ren­den Woh­nungs­ei­gen­tü­mer über­mit­telt wer­den. Bei einer wer­ten­den Betrach­tung unter­schei­den sich der Emp­fang mit­tels einer gemein­sa­men Satel­li­ten­schüs­sel und die Wei­ter­lei­tung über ein Kabel­netz in die ein­zel­nen Woh­nun­gen nicht von der Fall­ge­stal­tung, dass jeder ein­zel­ne Eigen­tü­mer für sei­ne eige­ne Woh­nung eine geson­der­te Anten­ne instal­liert und die emp­fan­ge­nen Sen­de­si­gna­le über Kabel an die Emp­fangs­ge­rä­te in sei­ner Woh­nung wei­ter­lei­tet. Im zuletzt genann­ten Fall liegt kei­ne Wie­der­ga­be für eine Öffent­lich­keit vor, weil die Wie­der­ga­be auf "beson­de­re Per­so­nen" beschränkt ist, die einer "pri­va­ten Grup­pe" ange­hö­ren. Wenn die Gesamt­heit der Woh­nungs­ei­gen­tü­mer anstel­le zahl­rei­cher Ein­zel­an­ten­nen eine Gemein­schafts­an­ten­ne instal­liert und die emp­fan­ge­nen Sen­de­si­gna­le über Kabel an die Emp­fangs­ge­rä­te der ein­zel­nen Woh­nun­gen wei­ter­lei­tet, ist das daher gleich­falls als eine Wie­der­ga­be anzu­se­hen, die auf "beson­de­re Per­so­nen" beschränkt ist, die einer "pri­va­ten Grup­pe" ange­hö­ren. Im Ergeb­nis lei­ten die ein­zel­nen Eigen­tü­mer die Sen­dun­gen nur an sich selbst wei­ter.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Sep­tem­ber 2015 – I ZR 228/​14

  1. LG Mün­chen I, Urteil vom 20.02.2013 – 21 O 16054/​12[]
  2. OLG Mün­chen – Urteil vom 11.09.2014 – 6 U 2619/​13[]