Genick­bruch nach Tram­po­lin­sprung

Mit einem heu­te ver­kün­de­ten Urteil hat das Ober­lan­des­ge­richt Köln einem 41-jäh­ri­gen Fami­li­en­va­ter Scha­den­er­satz- und Schmer­zens­geld­an­sprü­che zuge­spro­chen, der sich beim Besuch einer Indoor-Spiel­hal­le nach einem miss­glück­ten Sal­to auf einer Tram­po­lin­an­la­ge das Genick gebro­chen hat­te und seit­dem quer­schnitt­ge­lähmt ist. Die Betrei­ber der Spiel­hal­le wur­den ver­pflich­tet, sämt­li­che Schä­den des Man­nes in Höhe von 70 % zu tra­gen; aller­dings muss der 41-Jäh­ri­ge sich ein eige­nes Mit­ver­schul­den von 30 % anrech­nen las­sen, um das sei­ne Ansprü­che gekürzt wer­den. Über die Höhe des Scha­dens­er­sat­zes muss jetzt das Land­ge­richt Köln ent­schei­den, im Streit ste­hen Beträ­ge von mitt­ler­wei­le über 1 Mio. Euro.

Genick­bruch nach Tram­po­lin­sprung

Der Fami­li­en­va­ter besuch­te am 02.10.2004 zusam­men mit sei­ner Fami­lie und einer Geburts­tags­ge­sell­schaft den Indoor-Spiel­platz, der auch über eine gro­ße Tram­po­lin-Sprung­an­la­ge mit meh­re­ren Sprung­tü­chern ver­fügt. Die Rah­men und die Fede­run­gen der Tram­po­li­ne waren mit Schaum­stoff­mat­ten abge­deckt. Auch hat­te der Betrei­ber der Hal­le "Wich­ti­ge Hin­wei­se" aus­ge­hängt, nach denen die Sprung­an­la­ge von Kin­dern ab 4 Jah­ren und Erwach­se­nen benutzt wer­den dür­fe. Vor Sal­to­sprün­gen soll­te man sich mit dem Gerät ver­traut machen und auch dar­auf ach­ten, die Bei­ne mög­lichst gestreckt zu hal­ten, um einen Rück­schlag beim Auf­prall zu ver­mei­den. Nach eini­gen Auf­wärm­sprün­gen ver­such­te der Fami­li­en­va­ter einen Sal­to, lan­de­te aber nicht auf den Bei­nen, son­dern auf dem Rücken. Bei dem Auf­prall brach er sich vor den Augen sei­ner Toch­ter das Genick und ist seit­dem quer­schnitts­ge­lähmt. Er nahm die Betrei­ber der Spiel­hal­le auf Zah­lung von Scha­den­er­satz und Schmer­zens­geld in Anspruch und begrün­de­te sei­ne Kla­ge ins­be­son­de­re damit, die Betrei­ber haben die für den Betrieb der Anla­ge gel­ten­den Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ten ver­letzt. Ins­be­son­de­re sei­en in den "Wich­ti­gen Hin­wei­sen" die Risi­ken ver­harm­lost wor­den, die bei Sal­to­sprün­gen droh­ten. Die Betrei­ber der Spiel­hal­le hat­ten sich dem­ge­gen­über dar­auf beru­fen, dass die Tram­po­lin­an­la­ge allen DIN-Vor­schrif­ten ent­spre­che und auch TÜV-abge­nom­men sei. Vor den Gefah­ren der Tram­po­lin­be­nut­zung sei aus­rei­chend gewarnt wor­den.

Land­ge­richt und Ober­lan­des­ge­richt Köln hat­ten dem 41-Jäh­ri­gen zunächst teil­wei­se Recht gege­ben, die Schuld für das tra­gi­sche Gesche­hen aber hälf­tig geteilt, weil er obwohl er in der Benut­zung eines Tram­po­lins unge­übt war und sich mit dem Gerät nur kurz ver­traut gemacht hat­te – einen schwie­ri­gen Sprung ver­sucht hat, den er nicht beherrsch­te. Kon­struk­ti­ve oder tech­ni­sche Män­gel der Anla­ge hat­ten die Gerich­te ver­neint, die Betrei­ber hät­ten aber ihre Sorg­falts­pflicht dahin ver­letzt, dass sie auf die Gefahr von Sal­to­sprün­gen nicht deut­li­cher auf­merk­sam gemacht hät­ten oder die­se gene­rell unter­bun­den hät­ten. Die­se Ent­schei­dung hat­te der Bun­des­ge­richts­hof auf die Revi­si­on des Fami­li­en­va­ters aber teil­wei­se auf­ge­ho­ben und an das Ober­lan­des­ge­richt zurück­ver­wie­sen, soweit dem Mann ein 50-pro­zen­ti­ges Mit­ver­schul­den ange­las­tet wor­den war. Das Ober­lan­des­ge­richt hat sich dar­auf­hin noch­mals inten­siv mit der Fra­ge befasst, inwie­weit die Gefahr schwers­ter Ver­let­zun­gen für den Benut­zer der Tram­po­lin­an­la­ge erkenn­bar ist. Zu die­sem Zweck haben die 3 Rich­ter des Zivil­se­nats einen Orts­ter­min in der Spiel­hal­le durch­ge­führt und die Tram­po­lin­an­la­ge genau inspi­ziert. Sowohl der Senats­vor­sit­zen­de als auch der bei­sit­zen­de Rich­ter haben Sprün­ge auf den Tram­po­li­nen aus­ge­führt und fest­ge­stellt, dass schon bei leich­ten Sprün­gen ein Gefühl erheb­li­cher Unsi­cher­heit beim Unge­üb­ten ent­ste­he. Bereits der Ver­such, nach einem Sprung auf dem Gesäß zu lan­den, kos­te erheb­li­che Über­win­dung.

Nach die­sen nach­hal­ti­gen Ein­drü­cken kommt der Senat in sei­nem heu­ti­gen Urteil zu dem Ergeb­nis, dass den Fami­li­en­va­ter ein Mit­ver­schul­den von 30 % tref­fe, weil für ihn erkenn­bar gewe­sen sei, dass die Abfe­de­rung der Tram­po­li­ne bzw. die Schaum­stoff­ab­de­ckung an den Rän­dern nicht geeig­net war, ihn vor schwe­ren Ver­let­zun­gen bei ungüns­ti­gem Auf­tref­fen nach einem Sal­to zu schüt­zen. Obwohl er in der Benut­zung eines Tram­po­lins unge­übt war und sich mit dem Gerät nur kurz ver­traut gemacht hat­te, habe er einen schwie­ri­gen Sprung ver­sucht, den er nicht beherrsch­te. Schon ein durch­schnitt­lich intel­li­gen­ter Erwach­se­ner müs­se die Gefahr abse­hen, bei einem Sal­to nicht auf den Bei­nen, son­dern auf dem Kopf oder dem Rücken auf­zu­kom­men und durch den ungüns­ti­gen Auf­prall­win­kel schwers­te Wir­bel­säu­len­ver­let­zun­gen zu erlei­den. Bereits nach weni­gen leich­ten Sprün­gen auf dem nur 1,60 m brei­ten Netz sei für den Unge­üb­ten erkenn­bar, dass sich der Lan­de­punkt nach einem Sprung nur sehr schwer steu­ern las­se und man mehr oder weni­ger zen­tral auf dem Sprung­tuch oder gar auf der seit­li­chen Abde­ckung auf­kom­men kön­ne, die bei wei­tem nicht so stark nach­ge­be wie das Sprung­tuch selbst. Zuguns­ten des Geschä­dig­ten hat der Senat aber berück­sich­tigt, dass die­ser das Tram­po­lin als ein Spiel­ge­rät ange­se­hen und grund­sätz­lich auf des­sen Unge­fähr­lich­keit ver­traut habe, so dass die Erkennt­nis der Gefah­ren für ihn erschwert gewe­sen sei, was zu einer Mit­ver­schul­dens­quo­te von 30 % füh­re.

Mitt­ler­wei­le haben die Inha­ber der Spiel­hal­le Sal­to­sprün­ge ver­bo­ten.

Ober­lan­des­ge­richt Köln, Urteil vom 27. Febru­ar 2009 – 20 U 175/​06