Gerichtliche Hinweispflichten

22. Oktober 2015 | Zivilrecht
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Gerichtliche Hinweispflichten dienen der Vermeidung von Überraschungsentscheidungen und konkretisieren den Anspruch der Parteien auf rechtliches Gehör1.

Abs. 1 GG garantiert den Verfahrensbeteiligten, dass sie Gelegenheit erhalten, sich vor Erlass einer gerichtlichen Entscheidung zu dem zugrunde liegenden Sachverhalt zu äußern. Ein Gericht verstößt gegen Art. 103 Abs. 1 GG und das Gebot eines fairen Verfahrens, wenn es ohne vorherigen Hinweis Anforderungen an den Sachvortrag stellt oder auf rechtliche Gesichtspunkte abstellt, mit denen auch ein gewissenhafter und kundiger Prozessbeteiligter nach dem bisherigen Prozessverlauf nicht zu rechnen brauchte2.

Die grundrechtliche Gewährleistung des rechtlichen Gehörs vor Gericht schützt auch das Vertrauen der in erster Instanz siegreichen Partei darauf; vom Berufungsgericht rechtzeitig einen Hinweis zu erhalten, wenn dieses in einem entscheidungserheblichen Punkt der Vorinstanz nicht folgen will und aufgrund seiner abweichenden Ansicht eine Ergänzung des Sachvortrags erforderlich sein kann3.

Das angefochtene Urteil beruht bereits dann auf der Verletzung des rechtlichen Gehörs, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass das Gericht bei verfahrensfehlerfreiem Vorgehen anders entschieden hätte4.

Bundesgerichtshof, Beschluss vom 17. September 2015 – IX ZR 263/13

  1. BGH, Beschluss vom 23.04.2009 – IX ZR 95/06, ZInsO 2009, 1028 Rn. 5; BVerfGE 84, 188, 189 f
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 15.02.2005 – XI ZR 144/03, BGH-Report 2005, 936 mwN; vom 15.03.2006 – IV ZR 32/05, VersR 2007, 225 Rn. 4 mwN; BVerfG, NJW 2003, 2524; BVerfGE 84, 188, 190; 86, 133, 144 f
  3. BGH, Beschluss vom 15.03.2006 – IV ZR 32/05, VersR 2007, 225 Rn. 4 mwN; vom 26.06.2008 – V ZR 225/07, nv Rn. 5; vom 23.04.2009, aaO
  4. BGH, Beschluss vom 24.10.2013 – IX ZR 164/11, NJW-RR 2014, 172 Rn. 8 mwN; vom 03.07.2014 – IX ZR 285/13, ZInsO 2014, 1679 Rn. 15

 
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