Gerichts­stand der Nie­der­las­sung bei einer aus­län­di­schen Flug­ge­sell­schaft

Im Gerichts­stand der Nie­der­las­sung kön­nen nur Ansprü­che aus Rechts­ge­schäf­ten gel­tend gemacht wer­den, die zumin­dest mit Rück­sicht auf die Geschäfts­tä­tig­keit der Nie­der­las­sung abge­schlos­sen wur­den oder als deren Fol­ge erschei­nen.

Gerichts­stand der Nie­der­las­sung bei einer aus­län­di­schen Flug­ge­sell­schaft

Soll ein Aus­gleichs­an­spruch nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung der Euro­päi­schen Uni­on gegen das Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men gel­tend gemacht wer­den, mit dem der Flug­gast den Beför­de­rungs­ver­trag geschlos­sen hat, ist unab­hän­gig vom Ver­trags­sta­tut Erfül­lungs­ort im Sin­ne des § 29 ZPO sowohl der Ort des ver­trags­ge­mä­ßen Abflugs als auch der Ort der ver­trags­ge­mä­ßen Ankunft des Flug­zeugs.

Im Ergeb­nis erweist sich die Annah­me eines inlän­di­schen Gerichts­stands gleich­wohl als rich­tig, da im Streit­fall der beson­de­re Gerichts­stand des Erfül­lungs­orts gemäß § 29 Abs. 1 ZPO begrün­det ist. Der von den Klä­gern gel­tend gemach­te Aus­gleichs­an­spruch nach Art. 5 Abs. 1 Buchst. c, Art. 7 der Ver­ord­nung ist aus einem Ver­trags­ver­hält­nis im Sin­ne von § 29 Abs. 1 ZPO ent­stan­den.

Das Erfor­der­nis "aus einem Ver­trags­ver­hält­nis" ist weit aus­zu­le­gen 1 und schon dann erfüllt, wenn die Strei­tig­keit im Zusam­men­hang mit einem Ver­trag steht und aus dem Ver­trags­ver­hält­nis her­rührt 2. Bei den von den Klä­gern gel­tend gemach­ten Min­dest­rech­ten im Fal­le der Annul­lie­rung eines Flugs han­delt es sich zwar um gesetz­li­che Ansprü­che, die nicht aus dem Beför­de­rungs­ver­trag fol­gen, den der Flug­gast etwa mit dem Luft­fahrt­un­ter­neh­men abge­schlos­sen hat. Viel­mehr rich­ten sich die dem Flug­gast ein­ge­räum­ten Ansprü­che gegen das aus­füh­ren­de Flug­un­ter­neh­men, mit dem ver­trag­li­che Bezie­hun­gen nicht not­wen­di­ger­wei­se bestehen müs­sen 3. Den­noch han­delt es sich um einen Anspruch auf ver­trag­li­cher Grund­la­ge, denn Vor­aus­set­zung für die Anwen­dung der Ver­ord­nung ist gemäß deren Art. 3 Abs. 2 Buchst. a, dass die Flug­gäs­te über eine bestä­tig­te Buchung ver­fü­gen, was regel­mä­ßig das Bestehen eines Beför­de­rungs­ver­trags vor­aus­setzt – sei es mit dem aus­füh­ren­den Luft­fahrt­un­ter­neh­men, sei es mit einem ande­ren Unter­neh­men, für das jenes die Beför­de­rungs­leis­tung erbringt 4.

Die ver­trag­li­che Grund­la­ge des Aus­gleichs­an­spruchs nach Art. 5 Abs. 1 Buchst. c, Art. 7 Abs. 1 der Ver­ord­nung ist dem­zu­fol­ge zu beja­hen.

Dies steht in Über­ein­stim­mung mit der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, der – im per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich der EuGV­VO – die auf den Beför­de­rungs­ver­trag und die Ver­ord­nung gestütz­te Kla­ge auf Aus­gleichs­zah­lun­gen der Zustän­dig­keits­re­gel von Art. 5 Nr. 1 Buchst. b zwei­ter Spie­gel­strich EuGV­VO unter­wor­fen hat, die aus­schließ­lich für ver­trag­li­che Strei­tig­kei­ten zur Anwen­dung gelangt 5.

Der Erfül­lungs­ort für die strei­ti­ge Ver­pflich­tung liegt (auch) in Deutsch­land.

Maß­geb­lich für die Bestim­mung der Zustän­dig­keit ist gemäß § 29 Abs. 1 ZPO grund­sätz­lich die strei­ti­ge Ver­pflich­tung, die nicht iden­tisch sein muss mit der kla­ge­wei­se gel­tend gemach­ten Ver­pflich­tung. Aus­schlag­ge­bend ist viel­mehr die zugrun­de lie­gen­de ver­letz­te Ver­trags­pflicht 6. Deren Erfül­lungs­ort wird dabei nach dem mate­ri­el­len Recht bestimmt, das den Ver­trag regiert, was sich nach deut­schem Kol­li­si­ons­recht bestimmt. Der Erfül­lungs­ort wird daher lege cau­sae qua­li­fi­ziert, indem er grund­sätz­lich dem Ver­trags­sta­tut ent­nom­men wird 7.

Im Streit­fall rich­tet sich der Beför­de­rungs­ver­trag zwi­schen den Klä­gern und der Beklag­ten zwar nach dem Recht des Staa­tes Geor­gia, in dem die Beklag­te ihren Sitz hat.

Nach Art. 28 Abs. 1, Art. 31 Abs. 1 EGBGB, die auf den vor dem 17. Dezem­ber 2009 geschlos­se­nen streit­ge­gen­ständ­li­chen Ver­trag noch anzu­wen­den sind (vgl. Art. 28 Rom I‑VO 8) unter­liegt der Ver­trag man­gels abwei­chen­der Rechts­wahl dem Sitz­recht des beklag­ten Luft­fahrt­un­ter­neh­mens. Dass die Beklag­te nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge-richts ihre Leis­tun­gen in Deutsch­land bewirbt und dass der annul­lier­te Flug von Deutsch­land aus erfol­gen soll­te, genügt dage­gen nicht, um eine enge­re Ver­bin­dung im Sin­ne des Art. 28 Abs. 5 EGBGB zu begrün­den 9.

Unge­ach­tet des­sen bestimmt den Erfül­lungs­ort im Sin­ne des § 29 ZPO für die mit der Kla­ge gel­tend gemach­te Ver­pflich­tung aber nicht das Recht des Staa­tes Geor­gia, son­dern der Rechts­ge­dan­ke des Art. 5 Nr. 1 Buchst. b EuGV­VO mit der dar­in zum Aus­druck gebrach­ten Wert­ent­schei­dung des Uni­ons­rechts.

Denn der gel­tend gemach­te Anspruch fin­det sei­ne Grund­la­ge nicht unmit­tel­bar in den im Beför­de­rungs­ver­trag getrof­fe­nen ver­trag­li­chen Abre­den, son­dern ist Teil der von der Ver­ord­nung zuer­kann­ten gesetz­li­chen Min­dest-rech­te. Die ver­trag­li­chen Bezie­hun­gen zwi­schen dem Flug­gast und dem Luft­be­för­de­rungs­un­ter­neh­men oder einem ande­ren Unter­neh­men sind nur Vor­aus­set­zung dafür, dass der Flug­gast über­haupt die Min­dest­rech­te nach der Ver­ord­nung bean­spru­chen kann 10. Die­se Min­dest­rech­te wer­den vom Uni­ons­recht unab­hän­gig vom Ver­trags­sta­tut ein­heit­lich aus­ge­stal­tet. Teil die­ser Aus­ge­stal­tung ist auch die vom natio­na­len Recht unab­hän­gi­ge Bestim­mung des Erfül­lungs­orts für die Beför­de­rungs­ver­pflich­tung in Art. 5 Nr. 1 Buchst. b zwei­ter Spie­gel­strich EuGV­VO, die nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on jeden­falls bei ver­trag­li­cher Bezie­hung zwi­schen den Par­tei­en auch für Aus­gleichs­an­sprü­che nach der Ver­ord­nung gilt.

Ob eine Über­nah­me der für den euro­päi­schen Rechts­raum nach Art. 5 Nr. 1 Buchst. b zwei­ter Spie­gel­strich EuGV­VO maß­ge­ben­den Wer­tun­gen dar­über hin­aus bereits wegen eines gene­rell erfor­der­li­chen Kon­zep­ti­ons­wan­dels im Pro­zess­recht gebo­ten erscheint, wie dies von Tei­len der Lite­ra­tur vor­ge­schla­gen wird 11, und dem­zu­fol­ge auch dann ver­an­lasst wäre, wenn es sich nicht – wie hier – um eine durch das Uni­ons­recht gepräg­te Ver­pflich­tung han­delt, bedarf hin­ge­gen kei­ner Ent­schei­dung. Jeden­falls für die vor­lie­gend gel­tend gemach­ten, vom Uni­ons­recht ein­heit­lich aus­ge­stal­te­ten Min­dest­rech­te ist für die Bestim­mung des Erfül­lungs­or­tes der im Uni­ons­recht ange­leg­te Rechts­ge­dan­ke maß­ge­bend. Eine der­ar­ti­ge Anknüp­fung führt zugleich zu der von Erwä­gungs­grund 4 der Ver­ord­nung bezweck­ten Har­mo­ni­sie­rung auch hin­sicht­lich der inter­na­tio­na­len Zustän­dig­keit, da die Bestim­mung unab­hän­gig davon ist, ob der Kun­de ein Luft­fahrt­un­ter­neh­men der Gemein­schaft oder aus einem Dritt­staat in Anspruch nimmt 12. Zugleich sichert sie dem Kun­den das in Erwä­gungs­grund 1 der Ver­ord­nung ange­streb­te hohe Schutz­ni­veau auch bei der gericht­li­chen Durch­set­zung sei­ner Ansprü­che zu und schafft Rechts­si­cher­heit.

Danach ist der im Streit­fall ver­ein­bar­te Abflug­ort in Frank­furt am Main auch als der Ort der Erfül­lung im Sin­ne von § 29 ZPO zu betrach­ten und begrün­det den dor­ti­gen Gerichts­stand für die Kla­ge auf pau­scha­lier­ten Aus­gleich nach der Ver­ord­nung. Denn im Fall einer Beför­de­rung von Per­so­nen im Luft­ver­kehr sind sowohl der Ort des ver­trags­ge­mä­ßen Abflu­ges als auch der Ort der ver­trags­ge­mä­ßen Ankunft des Flug­zeugs glei­cher­ma­ßen als die Orte anzu­se­hen, an denen die Leis­tun­gen, die Gegen­stand des Beför­de­rungs­ver­trags im Luft­ver­kehr sind, haupt­säch­lich erbracht wer­den 13.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Janu­ar 2011 – X ZR 71/​10

  1. Stein/​Jonas/​Roth, aaO, § 29 Rn. 5[]
  2. MünchKomm/​Patzina, aaO, § 29 Rn. 11[]
  3. BGH, Urteil vom 12.11.2009 – Xa ZR 76/​07, RRa 2010, 34 Rn. 18; Urteil vom 28.05.2009 – Xa ZR 113/​08, RRa 2009, 242 Rn. 9; Urteil vom 30.04.2009 – Xa ZR 78/​08, RRa 2009, 239 Rn. 13[]
  4. BGH, Urtei­le vom 10.12.2009 – Xa ZR 61/​09, RRa 2010, 90 Rn. 22; und vom 12.11.2009 – Xa ZR 76/​07, RRa 2010, 34 Rn. 18[]
  5. vgl. EuGH, Urteil vom 09.07.2009 – C‑204/​08, RRa 2009, 234 Rn. 47 – Rehder/​Air Bal­tic[]
  6. Stein/​Jonas/​Roth, aaO Rn. 19; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 28. Aufl., § 29 Rn. 23[]
  7. BGH, Urteil vom 20.05.1981 – VIII ZR 270/​80, NJW 1981, 2642, 2643; Stein/​Jonas/​Roth, aaO Rn. 52[]
  8. Ver­ord­nung (EG) Nr. 593/​2008 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates über das auf ver­trag­li­che Schuld­ver­hält­nis­se anzu­wen­den­de Recht – Rom I, ABl. Nr. L 177, S. 6[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.07.2009 – Xa ZR 19/​08, BGHZ 182, 24 Rn. 33 ff.; vom 25.03.2010 – Xa ZR 96/​09, RRa 2010, 221 Rn. 24, und vom 12.11.2009 – Xa ZR 76/​07, RRa 2010, 34 Rn. 19[]
  10. BGH, Urteil vom 10.12.2009 – Xa ZR 61/​09, RRa 2010, 90 Rn. 22; Urteil vom 12.11.2009 – Xa ZR 76/​07, RRa 2010, 34 Rn. 18[]
  11. vgl. Roth, FS Schlos­ser, S. 773, 780; ders. in Stein/​Jonas/​Roth, aaO Rn. 54[]
  12. vgl. Stau­din­ger, RRa 2010, 154, 155[]
  13. EuGH, Urteil vom 09.07.2009 – C‑204/​08, RRa 2009, 234 Rn. 43 – Rehder/​Air Bal­tic[]