Gerichts­stands­klau­seln – und ihre Aus­le­gung unter der EuGVVO

Die Reich­wei­te einer Gerichts­stands­klau­sel beur­teilt sich nach den euro­pa­recht­li­chen Anfor­de­run­gen des Art. 25 EuGVVO.

Gerichts­stands­klau­seln – und ihre Aus­le­gung unter der EuGVVO

Die Ver­ein­ba­rung der Zustän­dig­keit muss im Hin­blick auf die Ent­schei­dung über eine bereits ent­stan­de­ne Rechts­strei­tig­keit oder über eine künf­ti­ge „aus einem bestimm­ten Rechts­ver­hält­nis“ ent­sprin­gen­de Rechts­strei­tig­keit erfol­gen (Bestimmt­heits­grund­satz).

Durch die­ses Erfor­der­nis soll die Gel­tung einer Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung auf Rechts­strei­tig­kei­ten ein­ge­schränkt wer­den, die ihren Ursprung in dem Rechts­ver­hält­nis haben, anläss­lich des­sen die Ver­ein­ba­rung geschlos­sen wur­de. Es soll ver­mei­den, dass eine Par­tei dadurch über­rascht wird, dass die Zustän­dig­keit eines bestimm­ten Gerichts für sämt­li­che Rechts­strei­tig­kei­ten begrün­det wird, die sich even­tu­ell aus den Bezie­hun­gen mit ihrem Ver­trags­part­ner erge­ben und ihren Ursprung in einer ande­ren Bezie­hung als der­je­ni­gen haben, anläss­lich derer die Begrün­dung des Gerichts­stands vor­ge­nom­men wur­de1. Die­se Recht­spre­chung des Uni­ons­ge­richts­hofs zum EuGVÜ gilt für die EuGV­VO, da die­se in den Bezie­hun­gen der Mit­glied­staa­ten anstel­le des Über­ein­kom­mens getre­ten ist2.

Maß­ge­bend ist inso­weit nicht das Ver­trags­werk, in dem die Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung ent­hal­ten ist, son­dern das Rechts­ver­hält­nis, anläss­lich des­sen die Zustän­dig­keit ver­ein­bart wur­de. Wel­che Rechts­strei­tig­kei­ten in den Anwen­dungs­be­reich einer Gerichts­stands­klau­sel fal­len, ist durch Aus­le­gung zu ermit­teln, die Sache des natio­na­len Gerichts ist, vor dem sie gel­tend gemacht wird3.

Die strei­ti­ge Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung ist eine Indi­vi­du­al­ver­ein­ba­rung, deren Aus­le­gung Sache des Tatrich­ters ist. Sie kann vom Rechts­be­schwer­de­ge­richt nur ein­ge­schränkt dar­auf über­prüft wer­den, ob der Aus­le­gungs­stoff voll­stän­dig berück­sich­tigt ist, ob gesetz­li­che oder all­ge­mein aner­kann­te Aus­le­gungs­re­geln, Denk­ge­set­ze oder all­ge­mei­ne Erfah­rungs­sät­ze ver­letzt sind oder die Aus­le­gung auf im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren gerüg­ten Ver­fah­rens­feh­lern beruht4.

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Nach die­sen Maß­stä­ben war für den Bun­des­ge­richts­hof die Aus­le­gung des in der Vor­in­stanz täti­gen Ber­li­ner Kam­mer­ge­richts, dass die Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung aus dem Dar­le­hens­ver­trag für die Ansprü­che aus dem Com­fort Let­ter gilt5, recht­lich nicht zu beanstanden:

Die­se Aus­le­gung ist nicht schon des­halb rechts­feh­ler­haft, weil die Urkun­de selbst kei­ne Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung ent­hält. Das Kam­mer­ge­richt hat die­sen Umstand bei sei­ner Aus­le­gung erwo­gen und schlüs­sig mit der Moti­va­ti­on der Beklag­ten, den Com­fort Let­ter mög­lichst unver­bind­lich zu gestal­ten, begründet.

Auch mit der Behaup­tung, weder der Dar­le­hens­ver­trag noch außer­halb des Ver­trags­tex­tes lie­gen­de Umstän­de böten Anhalts­punk­te für die Erstre­ckung der Gerichts­stands­klau­sel auf Ansprü­che aus dem Com­fort Let­ter, zeigt die Rechts­be­schwer­de nicht die Recht­feh­ler­haf­tig­keit der Aus­le­gung des Kam­mer­ge­richts auf, son­dern hält ihr ledig­lich ihr eige­nes Ver­trags­ver­ständ­nis ent­ge­gen. Das Kam­mer­ge­richt hat aus der For­mu­lie­rung des Dar­le­hens­ver­trags selbst ver­tret­bar auf den Wil­len der ver­trag­schlie­ßen­den Par­tei­en geschlos­sen, für alle im Zusam­men­hang mit der Finan­zie­rung der Schuld­ne­rin ste­hen­den Ansprü­che die Zustän­dig­keit der eng­li­schen Gerich­te zu ver­ein­ba­ren. Dabei hat es das Kam­mer­ge­richt auch nicht bewen­den las­sen, son­dern zur Begrün­dung sei­nes Aus­le­gungs­er­geb­nis­ses eine Viel­zahl außer­halb des Ver­trags­tex­tes lie­gen­der Umstän­de her­an­ge­zo­gen, nament­lich dass die Doku­men­te am glei­chen Tag unter­zeich­net wur­den, zusam­men der Liqui­di­täts­be­schaf­fung zur Insol­venz­ver­mei­dung dien­ten, in der vor­an­ge­gan­ge­nen EMail­Kor­re­spon­denz dem­entspre­chend über­ein­stim­mend als „Unter­stüt­zungs­pa­ket“ bezeich­net wur­den und dass der Com­fort Let­ter einen Teil (hier: 258.000.000 €) der ursprüng­lich ange­frag­ten höhe­ren Kre­dit­li­nie von 608.000.000 € erset­zen sollte.

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Einen aus­le­gungs­er­heb­li­chen Rechts­feh­ler wird auch nicht mit der Behaup­tung auf­ge­zeigt, der Com­fort Let­ter sei nicht Annex zum Dar­le­hens­ver­trag, son­dern das zen­tra­le und unab­ding­ba­re Ele­ment gewe­sen, das die Jah­res­ab­schluss­prü­fe­rin ver­an­lasst habe, von einer posi­ti­ven Fort­füh­rungs­pro­gno­se der Schuld­ne­rin aus­zu­ge­hen. In wel­chem Ver­hält­nis die bei­den Ver­ein­ba­run­gen zuein­an­der­ste­hen, ist nicht erheb­lich, da der Wil­le, die Zustän­dig­keit auf bei­de Ver­ein­ba­run­gen zu erstre­cken, fest­ge­stellt ist. Im Übri­gen hat das Kam­mer­ge­richt anhand der Ver­trags­ge­ne­se und dem Ver­trags­vo­lu­men rechts­feh­ler­frei fest­ge­stellt, dass der Dar­le­hens­ver­trag nach dem Wil­len der Par­tei­en gera­de kei­ne blo­ße „akzes­so­ri­sche Begleit­ab­re­de“ zu dem Com­fort Let­ter sein sollte.

Fehl geht fer­ner der Ein­wand, das Kam­mer­ge­richt habe über­se­hen, dass die Schuld­ne­rin und die Beklag­te nicht nur den Dar­le­hens­ver­trag und den Com­fort Let­ter, son­dern wei­te­re Maß­nah­men ver­ein­bart hät­ten, dar­un­ter ins­be­son­de­re die Nicht­aus­übung einer Put­Op­ti­on bezüg­lich einer Wan­del­an­lei­he, wobei sie eine eigen­stän­di­ge Rechts­wahl und Zustän­dig­keits­ver­ein­ba­rung getrof­fen hät­ten. Das geht an der Begrün­dung des Kam­mer­ge­richts vor­bei, wonach der Com­fort Let­ter im Lau­fe der Ver­hand­lun­gen an die Stel­le eines Teils der ursprüng­lich ange­frag­ten Kre­dit­li­nie getre­ten ist und des­halb mit dem Dar­le­hens­ver­trag und gera­de nicht zugleich allen wei­te­ren Maß­nah­men ein Finan­zie­rungs­pakt gebil­det hat. Die in die­sem Zusam­men­hang erho­be­ne Ver­fah­rens­rüge hat der Bun­des­ge­richts­hof geprüft und nicht für durch­grei­fend erachtet.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Juni 2021 – II ZB 35/​20

  1. zu Art. 17 EuGVÜ EuGH, Urteil vom 10.03.1992 – C‑214/​89, Slg. 1992, I1745 Rn. 31 = ZIP 1992, 472, 474 Powell Duf­fryn; Urteil vom 21.05.2015 – C‑352/​13, ECLI:EU:C:2015:335, ZIP 2015, 2043 Rn. 68 CDC Hydro­gen Per­oxi­de; vgl. BGH, Urteil vom 16.10.1993 – II ZR 155/​92, BGHZ 123, 347 Rn. 8 ff.[]
  2. EuGH, Urteil vom 07.07.2016 C222/​15, ECLI:EU:C:2016:525 = ZIP 2016, 1700 Rn. 30 Hös­zig[]
  3. EuGH, Urteil vom 03.07.1997 – C‑269/​95, Slg. 1997, I3767 Rn. 31 = RIW 1997, 775, 778 Ben­in­ca­sa; Urteil vom 16.03.1999 – C‑159/​97, Slg. 1999, I1597 Rn. 31 = ZIP 1999, 1184 Rn. 31 Cas­tel­let­ti; Urteil vom 21.05.2015 – C‑352/​13, ECLI:EU:C:2015:335, ZIP 2015, 2043 Rn. 67 CDC Hydro­gen Per­oxi­de; Urteil vom 02.07.2016 – C‑222/​15, ECLI:EU:C:2016:525, ZIP 2016, 1700 Rn. 28 Hös­zig; jeweils mwN[]
  4. st. Rspr.; BGH, Urteil vom 03.11.2015 – II ZR 446/​13, ZIP 2016, 211 Rn. 26; Beschluss vom 13.11.2019 – XII ZB 3/​19, BGHZ 224, 54 Rn. 40; jeweils mwN[]
  5. KG, Beschluss vom 03.12.2020 – 2 W 1009/​20[]

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