Gesamt­schul­den im Beru­fungs­ver­fah­ren

Ist eine Par­tei zusam­men mit einer ande­ren Par­tei als Gesamt­schuld­ner ver­ur­teilt wor­den, ent­fällt ihre Beschwer nicht schon dadurch, dass die ande­re Par­tei den Urteils­be­trag zahlt.

Gesamt­schul­den im Beru­fungs­ver­fah­ren

Für die Zuläs­sig­keit eines Rechts­mit­tels ist grund­sätz­lich der Zeit­punkt sei­ner Ein­le­gung maß­ge­bend (§ 4 Abs. 1 ZPO) 1. Spä­te­re Ver­min­de­run­gen des Beschwer­de­ge­gen­stan­des blei­ben außer Betracht, soweit sie nicht auf will­kür­li­cher Beschrän­kung des Rechts­mit­tels durch den Rechts­mit­tel­klä­ger beru­hen 2 oder der Rechts­mit­tel­klä­ger durch frei­wil­li­ge Befrie­di­gung des Geg­ners die Ver­min­de­rung des Beschwer­de­ge­gen­stan­des her­bei­ge­führt hat und dadurch zu einer ent­spre­chen­den Ein­schrän­kung sei­ner Rechts­mit­tel­an­trä­ge genö­tigt ist 3. Die Vor­aus­set­zun­gen für eine Aus­nah­me lie­gen in dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall nicht vor, weil die Beklag­ten als Rechts­mit­tel­klä­ger den Klä­ger nicht durch eine frei­wil­li­ge Zah­lung befrie­digt haben und auch nichts dafür ersicht­lich ist, dass die Zah­lung durch die wei­te­re Beklag­ten im Ein­ver­ständ­nis mit den die Beru­fung betrei­ben­den Beklag­ten erfolgt ist.

Auch sind die Beklag­ten dadurch wei­ter­hin beschwert, dass sie als Gesamt­schuld­ner mit den frü­he­ren wei­te­ren Beklag­ten ver­ur­teilt wor­den sind. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ent­fällt die Beschwer einer zur Zah­lung ver­ur­teil­ten Par­tei, wenn sie nach Schluss der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung und vor Ein­le­gung eines Rechts­mit­tels den Urteils­be­trag vor­be­halt­los zahlt 4. Dem steht gleich, wenn ein berech­tig­ter Drit­ter mit Bil­li­gung der ver­ur­teil­ten Par­tei den Urteils­be­trag zahlt und damit das Schuld­ver­hält­nis der Par­tei­en zum Erlö­schen bringt 5. In die­sen Fäl­len geht die Recht­spre­chung von einer mate­ri­el­len Erle­di­gung der Haupt­sa­che zwi­schen den Instan­zen aus, so dass ein rechts­schutz­wür­di­ges Inter­es­se der ver­ur­teil­ten Par­tei an der Besei­ti­gung des Urteils­aus­spruchs nicht mehr besteht.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen hier hin­sicht­lich der Beklag­ten jedoch nicht vor, die­sen die­sen kann auch nicht die Befrie­di­gung der Klä­ge­rin durch Zah­lung der wei­te­ren Beklag­ten zuge­rech­net wer­den, durch die der Anspruch der Klä­ge­rin gemäß § 362 BGB erfüllt wor­den ist. Auch wenn die Klä­ge­rin auf­grund der von den wei­te­ren Beklag­ten unstrei­tig erbrach­ten Leis­tung kei­nen Zah­lungs­an­spruch mehr gegen die Beklag­ten hat, hät­te die Zah­lung der wei­te­ren Beklag­ten nur zu einer Erfül­lung der von der Klä­ge­rin behaup­te­ten For­de­rung gegen­über den Beklag­ten füh­ren kön­nen, wenn die­se eben­falls Schuld­ner des Urteils­be­trags waren (§ 422 Abs. 1 BGB). Dies haben die Beklag­ten aber nicht nur im ers­ten Rechts­zug, son­dern auch im Beru­fungs­ver­fah­ren in Abre­de gestellt und dem­ge­mäß dem zuletzt im Beru­fungs­ver­fah­ren ange­kün­dig­ten Antrag der Klä­ge­rin, den Rechts­streit in der Haupt­sa­che für erle­digt zu erklä­ren, wider­spro­chen und die Kla­ge­ab­wei­sung bean­tragt. Bei die­ser Sach­la­ge steht nicht fest, dass die Zah­lung der wei­te­ren Beklag­ten geeig­net war, den Rechts­streit zwi­schen der Klä­ge­rin und den Beklag­ten in der Haupt­sa­che zu erle­di­gen. Viel­mehr ist es gera­de Gegen­stand des Beru­fungs­ver­fah­rens zu klä­ren, ob die gesamt­schuld­ne­ri­sche Ver­ur­tei­lung der Beklag­ten zu Recht erfolgt ist. Im Hin­blick dar­auf ist ein rechts­schutz­wür­di­ges Inter­es­se der Beklag­ten an der Besei­ti­gung des gegen sie ergan­ge­nen Urteils im Rechts­mit­tel­ver­fah­ren nicht aus­zu­schlie­ßen 6. Eine Beschwer der Beklag­ten ergibt sich unter die­sen Umstän­den bereits dar­aus, dass die ergan­ge­ne Ent­schei­dung des Amts­ge­richts ihrem Inhalt nach für sie nach­tei­lig ist und für sie die Mög­lich­keit besteht, im höhe­ren Rechts­zug eine abwei­chen­de Ent­schei­dung zu ihren Guns­ten zu erlan­gen 7. Eine sol­che abwei­chen­de Ent­schei­dung ist zuguns­ten der Beklag­ten mög­lich, weil nach den in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen die Erle­di­gung der Haupt­sa­che auf den ein­sei­ti­gen Antrag der kla­gen­den Par­tei hin nur fest­ge­stellt wer­den kann, wenn die ein­ge­reich­te Kla­ge zuläs­sig und begrün­det war, aber durch ein nach Anhän­gig­keit ein­ge­tre­te­nes Ereig­nis gegen­stands­los gewor­den ist 8. Dies ist nach dem Vor­trag der Beklag­ten nicht der Fall.

Obgleich es nicht mehr dar­auf ankommt, weist der Bun­des­ge­richts­hof dar­auf hin, dass der Beschluss des Beru­fungs­ge­richts auch des­we­gen feh­ler­haft ist, weil es vor sei­ner Ent­schei­dung nicht der rich­ter­li­chen Hin­weis­pflicht ent­spro­chen hat und des­we­gen eine unzu­läs­si­ge Über­ra­schungs­ent­schei­dung vor­liegt. Vor der Ent­schei­dung, die Beru­fung als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen, ist näm­lich den Par­tei­en inso­weit recht­li­ches Gehör zu gewäh­ren 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. Dezem­ber 2010 – VI ZB 87/​09

  1. BGH, Urteil vom 19.12.1950 – I ZR 7/​50, BGHZ 1, 29 ff.[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 19.12.1950 – I ZR 7/​50, aaO, 31; Beschluss vom 08.10.1982 – V ZB 9/​82, NJW 1983, 1063[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 16.01.1951 – I ZR 1/​50, NJW 1951, 274, 275[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 16.11.1993 – X ZR 7/​92, NJW 1994, 942, 943; Beschlüs­se vom 25.05.1976 – III ZB 4/​76, LM § 511 ZPO Nr. 31; und vom 13.01.2000 – VII ZB 16/​99, NJW 2000, 1120[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 24.06.1953 – II ZR 200/​52, LM § 91a ZPO Nr. 4; Beschluss vom 13.01.2000 – VII ZB 16/​99, aaO[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 13.01.2000 – VII ZB 16/​99, aaO[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 05.01.1955 – IV ZR 238/​54, NJW 1955, 545, 546; und vom 07.11.1974 – III ZR 115/​72, NJW 1975, 539 f.; Beschluss vom 25.05.1976 – III ZB 4/​76, LM § 511 ZPO Nr. 31[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 17.07.2003 – IX ZR 268/​02, BGHZ 155, 392, 395 m.w.N.[]
  9. vgl. Zöller/​Heßler, ZPO, 28. Aufl., § 522 Rn. 6, 13 m.w.N.[]