Geschäfts­un­fä­hig­keit – und das Zeug­nis des beur­kun­den­den Notars

Bei der Beur­tei­lung, ob sich jemand in einem bestimm­ten Zeit­punkt in einem die freie Wil­lens­bil­dung aus­schlie­ßen­den Zustand krank­haf­ter Stö­rung der Geis­tes­tä­tig­keit befun­den hat, auch die Ein­schät­zung von Per­so­nen von Bedeu­tung sein, die kei­ne medi­zi­ni­sche Aus­bil­dung haben oder die den Betrof­fe­nen nicht gezielt auf sei­nen Geis­tes­zu­stand unter­sucht haben.

Geschäfts­un­fä­hig­keit – und das Zeug­nis des beur­kun­den­den Notars

Vor­lie­gend beruht die Fest­stel­lung des Sach­ver­stän­di­gen zu der Geschäfts­un­fä­hig­keit der Erb­las­se­rin auf deren Zustand bei der Begut­ach­tung im August 2011 und fremda­na­mnes­ti­schen Anga­ben. Dar­aus hat der Sach­ver­stän­di­ge Rück­schlüs­se auf die Betreu­ungs­be­dürf­tig­keit und die Wirk­sam­keit der im März 2011 erteil­ten Vor­sor­ge­voll­macht gezo­gen. Dem­ge­gen­über beruft sich der Beklag­te auf die Ein­schät­zung der von ihm benann­ten Zeu­gen, nach der die Erb­las­se­rin bis zu ihrer Ein­lie­fe­rung in das Kran­ken­haus im Juli 2011 geschäfts­fä­hig gewe­sen sei.

Deren Ein­schät­zung ist nicht unbe­acht­lich 1. Der beur­kun­den­de Notar war gemäß § 11, § 17 BeurkG ver­pflich­tet, die Geschäfts­fä­hig­keit der Erb­las­se­rin fest­zu­stel­len und sich dar­über zu ver­ge­wis­sern, dass der Ver­trag auch ihrem Wil­len ent­spricht. Die die Erb­las­se­rin behan­deln­den Kran­ken­haus­ärz­te haben den Zustand und das Ver­hal­ten der Erb­las­se­rin nach deren Ein­lie­fe­rung beob­ach­tet. Es ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass sich für das Beru­fungs­ge­richt bei der gebo­te­nen Gesamt­wür­di­gung (§ 286 ZPO) nach Ver­neh­mung der Zeu­gen ein ande­res oder dif­fe­ren­zier­te­res Bild hin­sicht­lich der kogni­ti­ven Leis­tungs­fä­hig­keit der Erb­las­se­rin ergibt, das Zwei­fel an deren Geschäfts­un­fä­hig­keit im März 2011 ent­ste­hen lässt. Die­se gin­gen zu Las­ten des Klä­gers, da das Gesetz die Geschäfts­fä­hig­keit als Nor­mal­fall und die Geschäfts­un­fä­hig­keit als Aus­nah­me­tat­be­stand ansieht 2.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Novem­ber 2015 – V ZR 66/​15

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 06.02.2014 – V ZR 262/​13, Fam­RZ 2014, 749 Rn. 12[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 20.11.2013 – XII ZR 19/​11, BGHZ 198, 381 Rn. 24[]