Gesetz­li­cher Rich­ter in der Streit­wert­be­schwer­de

Die vor­schrifts­wid­ri­ge Beset­zung des Beschwer­de­ge­richts ver­letzt das Gebot des gesetz­li­chen Rich­ters (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG). Für die Annah­me eines Ver­sto­ßes gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG reicht nicht jede irr­tüm­li­che Über­schrei­tung der den Fach­ge­rich­ten gezo­ge­nen Gren­zen aus [1]. Nicht jede feh­ler­haf­te Anwen­dung oder Nicht­be­ach­tung einer ein­fach­ge­setz­li­chen Ver­fah­rens­vor­schrift ist zugleich eine Ver­fas­sungs­ver­let­zung; andern­falls wür­de die Anwen­dung ein­fa­chen Rechts auf die Ebe­ne des Ver­fas­sungs­rechts geho­ben wer­den [2]. Die Gren­ze zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit ist erst über­schrit­ten, wenn die – feh­ler­haf­te – Aus­le­gung und Anwen­dung ein­fa­chen Rechts will­kür­lich [3] oder offen­sicht­lich unhalt­bar ist [4]. Eine ver­fas­sungs­wid­ri­ge Ent­zie­hung des gesetz­li­chen Rich­ters durch eine rich­ter­li­che Zustän­dig­keits­ent­schei­dung liegt dar­über hin­aus vor, wenn das Gericht Bedeu­tung und Trag­wei­te von Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG grund­le­gend ver­kannt hat [2]. Nach die­ser Maß­ga­be kann etwa im Fall der Ver­let­zung der Pflicht zur Vor­la­ge an ein ande­res Gericht [5] ein Ver­stoß gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG dann ange­nom­men wer­den, wenn sich aus dem Urteil oder aus dem Ver­fah­rens­ver­lauf Anhalts­punk­te dafür erge­ben, dass sich dem Gericht die Not­wen­dig­keit einer Vor­la­ge, etwa wegen eines Hin­wei­ses durch eine Par­tei, auf­drän­gen muss­te [6].

Gesetz­li­cher Rich­ter in der Streit­wert­be­schwer­de

Gesetz­li­cher Rich­ter im Sinn von Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG sind dabei nicht nur das Gericht als orga­ni­sa­to­ri­sche Ein­heit und das erken­nen­de Gericht als Spruch­kör­per, son­dern auch die im Ein­zel­fall zur Mit­wir­kung beru­fe­nen Rich­ter [7]. Das Ver­hält­nis von Kol­le­gi­um und Ein­zel­rich­ter unter­liegt daher den Grund­sät­zen des gesetz­li­chen Rich­ters [8]. Das Kol­le­gi­um, wel­ches anstel­le eines zustän­di­gen Ein­zel­rich­ters ent­schei­det, kann nicht als ein „bes­se­res Gericht“ ange­se­hen wer­den. Dem folgt die fach­ge­richt­li­che Recht­spre­chung in ver­gleich­ba­ren Fäl­len zur Fra­ge einer vor­schrifts­wid­ri­gen Beset­zung des erken­nen­den Gerichts wie auch die Kom­men­tar­li­te­ra­tur [9].

Die Über­prü­fung der Ver­let­zung des Ver­fah­rens­grund­rechts auf den gesetz­li­chen Rich­ter im Wege der Ver­fas­sungs­be­schwer­de wird nicht durch § 68 Abs. 1 Satz 5 GKG in Ver­bin­dung mit § 66 Abs. 6 Satz 4 GKG aus­ge­schlos­sen [10].

Ein zur Auf­he­bung füh­ren­der Ver­fah­rens­ver­stoß ist bei der Ver­let­zung von Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG schon dann gege­ben, wenn die Mög­lich­keit besteht, dass der Ver­stoß den Inhalt der Ent­schei­dung beein­flusst hat [11].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 2. Juni 2009 – 1 BvR 2295/​08

  1. vgl.BVerfGE 3, 359 <364 f.>; 13, 132 <144>; 29, 166 <172 f.>; 67, 90 <95>; 76, 93 <96 f.>; 87, 282 <284 f.>[]
  2. vgl.BVerfGE 82, 286 <299>; 87, 282 <284 f.>[][]
  3. vgl.BVerfGE 3, 359 <364 f.>; 87, 282 <284 f.>; stRspr[]
  4. vgl. BVerfGE 29, 45 <49>; 58, 1 <45>; 82, 286 <299>[]
  5. vgl. BVerfGE 13, 132 <143>; 42, 237 <241>; 67, 90 <95>; 76, 93 <96>; 79, 292 <301>; 87, 282 <285>[]
  6. vgl. BVerfGE 87, 282 <286>[]
  7. vgl. BVerfGE 95, 322 <329>[]
  8. vgl. BVerfGE 95, 322 <329> ; Pieroth, in: Jarass/​Pieroth, GG, 10. Aufl. 2009, Art. 101 Rn. 13[]
  9. vgl. zu § 16 GVG: Kissel/​Mayer, GVG, 5. Aufl. 2008, § 16 Rn. 48; vgl. zu § 348 Abs. 3 Satz 2 und 3 ZPO: OLG Cel­le, Beschluss vom 27. Sep­tem­ber 2002 – 6 W 118/​02 -, MDR 2003, S. 523; OLG Koblenz, Beschluss vom 20. Mai 1985 – 14 W 267/​85 -, MDR 1986, S. 151; OLG Mün­chen, Beschluss vom 21. Febru­ar 1983 – 5 W 767/​83 -, MDR 1983, S. 498; Gre­ger, in: Zöl­ler, ZPO, 27. Aufl. 2009, § 348 Rn. 24; Reichold, in: Thomas/​Putzo, ZPO, 29. Aufl. 2008, § 348 Rn. 10; vgl. zu § 568 Satz 1 ZPO: BGH, Beschluss vom 11. Febru­ar 2003 – VIII ZB 56/​02 -, NJW 2003, S. 1875 <1877>; Heß­ler, in: Zöl­ler, ZPO, 27. Aufl. 2009, § 568 Rn. 8; vgl. zu § 6 Abs. 1 und 3 FGO: BFH, Beschluss vom 6. Novem­ber 2006 – II B 45/​05 -, juris; Bar­to­ne, in: Kühn/​Wedelstädt, FGO, 19. Aufl. 2008, § 6 Rn. 9; vgl. zu § 55 ArbGG: Koch, in: Erfur­ter Kom­men­tar zum Arbeits­recht, 9. Aufl. 2009, § 55 Rn. 2[]
  10. vgl. auch: BGHZ 154, 200 <205>; Heß­ler, in: Zöl­ler, ZPO, 27. Aufl. 2009, § 568 Rn. 8[]
  11. vgl. BVerfGE 4, 412 <417>[]