Gesetz­li­cher Rich­ter – und der Geschäfts­ver­tei­lungs­plan

Nach Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG darf nie­mand sei­nem gesetz­li­chen Rich­ter ent­zo­gen wer­den. Wel­cher Rich­ter oder Spruch­kör­per des sach­lich, ört­lich und funk­tio­nell zustän­di­gen Gerichts der „gesetz­li­che Rich­ter“ im Sin­ne der Ver­fas­sung ist, ist durch einen Geschäfts­ver­tei­lungs­plan im Vor­aus gene­rell-abs­trakt, aber zugleich hin­rei­chend bestimmt zu regeln, so dass Mani­pu­la­tio­nen und damit ver­bun­den sach­frem­de Ein­flüs­se auf die Recht­spre­chung aus­ge­schlos­sen sind [1].

Gesetz­li­cher Rich­ter – und der Geschäfts­ver­tei­lungs­plan

In den Geschäfts­ver­tei­lungs­plä­nen sind ins­be­son­de­re die Zustän­dig­kei­ten der jewei­li­gen Spruch­kör­per fest­zu­le­gen und die­sen die erfor­der­li­chen Rich­ter zuzu­wei­sen [2].

Ein Ver­stoß gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG liegt hin­ge­gen nicht schon dann vor, wenn zur Bestim­mung des gesetz­li­chen Rich­ters aus­le­gungs­be­dürf­ti­ge Begrif­fe ver­wen­det wer­den. Aus­le­gungs­zwei­fel in Bezug auf die zur Vor­aus­be­stim­mung des gesetz­li­chen Rich­ters ver­wen­de­ten Kri­te­ri­en sind des­halb unschäd­lich. Sie eröff­nen nicht den Weg zu einer Beset­zung der Rich­ter­bank von Fall zu Fall, son­dern zu einem recht­lich gere­gel­ten Ver­fah­ren, das der Klä­rung der Zwei­fel dient.

Jeder Spruch­kör­per hat bei auf­tre­ten­den Beden­ken die Ord­nungs­mä­ßig­keit sei­ner Beset­zung zu prü­fen und dar­über zu ent­schei­den. Die in die­sem Ver­fah­ren getrof­fe­ne Ent­schei­dung muss als Aus­le­gung und Anwen­dung ver­fah­rens­recht­li­cher Nor­men im All­ge­mei­nen hin­ge­nom­men wer­den, sofern sie nicht will­kür­lich ist [3].

Nach die­sen Maß­ga­ben ist in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen, das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf betref­fen­den Fall Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nicht ver­letzt wor­den und liegt eine unvor­schrifts­mä­ßi­ge Beset­zung im Sin­ne von § 547 Nr. 1 ZPO nicht vor. Eine mög­li­cher­wei­se dem Geschäfts­ver­tei­lungs­plan des Beru­fungs­ge­richts nicht ent­spre­chen­de Ent­schei­dung des Rechts­streits durch den dor­ti­gen 18. Zivil­se­nat wäre jeden­falls nicht will­kür­lich. Die Sache ist dadurch, dass der unter ande­rem für Strei­tig­kei­ten aus dem öffent­li­chen Recht zustän­di­ge 18. Zivil­se­nat und nicht der zur Ent­schei­dung über Strei­tig­kei­ten aus Dienst­ver­trä­gen beru­fe­ne 10. Zivil­se­nat des Beru­fungs­ge­richts das ange­foch­te­ne Urteil erlas­sen hat, nicht dem gesetz­li­chen Rich­ter ent­zo­gen wor­den. Dass sich der Beru­fungs­se­nat wegen der ihm zuge­wie­se­nen Strei­tig­kei­ten mit Bezug zum öffent­li­chen Recht für zustän­dig ange­se­hen hat, geht dar­auf zurück, dass die Klä­ge­rin die Ver­let­zung von Vor­schrif­ten des öffent­lich-recht­li­chen Dienst­rechts – ins­be­son­de­re des Bun­des­be­am­ten­ge­set­zes und der Bun­des­ne­ben­tä­tig­keits­ver­ord­nung – gel­tend gemacht hat. Dies ist unbe­scha­det des Umstands, dass dem Rechts­streit ein Dienst­ver­hält­nis zugrun­de liegt, jeden­falls ver­tret­bar und somit auch nicht will­kür­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Juni 2020 – III ZR 258/​18

  1. zB BVerfG NJW 1997, 1497, 1498; BGH, Urteil vom 16.10.2008 – IX ZR 183/​06, WM 2009, 117 Rn. 3[]
  2. BVerfG aaO[]
  3. BVerfG aaO mwN; s. auch BGH, Urteil vom 12.11.2010 – V ZR 181/​09, WM 2011, 843 Rn. 6[]