Gesetz­li­ches Schuld­ver­hält­nis – hilfs­wei­se Ver­gleich

Stützt der Klä­ger sei­ne Zah­lungs­kla­ge mit dem Haupt­an­trag auf ein Schuld­ver­hält­nis und erst im Lauf des Rechts­streits hilfs­wei­se auf einen Ver­gleich über das Schuld­ver­hält­nis, ist dies als nach­träg­li­che Kla­ge­häu­fung in Even­tu­al­stel­lung anzu­se­hen, die unter den Vor­aus­set­zun­gen von § 263 ZPO zuläs­sig sein kann. Haupt- und Hilfs­an­trag dür­fen ein­an­der wider­spre­chen oder sich gegen­sei­tig aus­schlie­ßen.

Gesetz­li­ches Schuld­ver­hält­nis – hilfs­wei­se Ver­gleich

Die auf dem Ver­gleich beru­hen­de Zah­lungs­pflicht und die ursprüng­li­che Scha­dens­er­satz- bzw. Ent­schä­di­gungs­for­de­rung stel­len unter­schied­li­che Streit­ge­gen­stän­de dar.

Gegen­stand des Rechts­streits ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ein pro­zes­sua­ler Anspruch; er wird bestimmt durch den Kla­ge­an­trag, in dem sich die von dem Klä­ger in Anspruch genom­me­ne Rechts­fol­ge kon­kre­ti­siert, und den Lebens­sach­ver­halt (Kla­ge­grund), aus dem der Klä­ger die begehr­te Rechts­fol­ge her­lei­tet1.

Stützt sich der Klä­ger – wie hier – in ers­ter Linie auf Scha­dens­er­satz- bzw. Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che und nur hilfs­wei­se auf die Zah­lungs­pflicht, die sich aus einem vor Kla­ge­er­he­bung geschlos­se­nen außer­ge­richt­li­chen Ver­gleich ergibt, ist der Zah­lungs­an­trag iden­tisch; er wird jedoch regel­mä­ßig auf zwei unter­schied­li­che Lebens­sach­ver­hal­te gestützt. Zwar ist im Zwei­fel – und auch hier – davon aus­zu­ge­hen, dass der Ver­gleich das ursprüng­li­che Rechts­ver­hält­nis nicht im Wege einer Nova­ti­on erset­zen soll2. Die Ver­pflich­tun­gen aus dem Schuld­ver­hält­nis und die in einem außer­ge­richt­li­chen Ver­gleich über das Schuld­ver­hält­nis ver­ein­bar­ten Ver­pflich­tun­gen sind aber in der Regel als ver­schie­de­ne pro­zes­sua­le Lebens­sach­ver­hal­te anzu­se­hen, und zwar auch dann, wenn der Ver­gleich kei­ne Nova­ti­on her­bei­füh­ren soll3. So liegt es hier. Dem Haupt­an­trag zufol­ge beruht die Zah­lungs­pflicht auf ver­schie­de­nen Posi­tio­nen, die auf Scha­dens­er­satz- bzw. Ent­schä­di­gungs­recht gestützt wer­den; nach dem Hilfs­an­trag beruht sie dage­gen auf dem Ver­gleich, in dem eine pau­scha­le Zah­lung ver­ein­bart wor­den ist. Wie es sich ver­hält, wenn die ursprüng­li­che For­de­rung nur inhalt­lich umge­stal­tet wer­den soll4, kann dahin­ste­hen.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann das Revi­si­ons­ge­richt die Wür­di­gung pro­zes­sua­ler Erklä­run­gen einer Par­tei unein­ge­schränkt nach­prü­fen und Erklä­run­gen selbst aus­le­gen. Die Aus­le­gung darf auch im Pro­zess­recht nicht am buch­stäb­li­chen Sinn des Aus­drucks haf­ten, son­dern hat den wirk­li­chen Wil­len der Par­tei zu erfor­schen. Dabei ist der Grund­satz zu beach­ten, dass im Zwei­fel das­je­ni­ge gewollt ist, was nach den Maß­stä­ben der Rechts­ord­nung ver­nünf­tig ist und der wohl­ver­stan­de­nen Inter­es­sen­la­ge ent­spricht5.

Dar­an gemes­sen hat die Klä­ge­rin eine nach­träg­li­che Kla­ge­häu­fung in Even­tu­al­stel­lung vor­ge­nom­men, indem sie sich in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Beru­fungs­ge­richt hilfs­wei­se auf die in dem Ver­gleich ver­ein­bar­te Zah­lungs­pflicht beru­fen hat; denn sie hat damit erklärt, für den Fall einer Abwei­sung des Haupt­an­trags eine Titu­lie­rung der im Ver­gleichs­we­ge ver­ein­bar­ten Zah­lungs­pflicht her­bei­füh­ren zu wol­len. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts dür­fen Haupt- und Hilfs­an­trag ein­an­der wider­spre­chen oder sich gegen­sei­tig aus­schlie­ßen6. Eine nach­träg­li­che Kla­ge­häu­fung ist pro­zes­su­al wie eine Kla­ge­än­de­rung zu behan­deln7. Ihre Zuläs­sig­keit ist an § 263 bzw. § 533 ZPO und nicht an § 264 Nr. 1 ZPO zu mes­sen, wenn ursprüng­li­ches Zah­lungs­be­geh­ren und ver­gleichs­wei­se ver­ein­bar­te Zah­lung – wie hier – unter­schied­li­che Streit­ge­gen­stän­de dar­stel­len8.

Weil im vor­lie­gen­den Fall das Beru­fungs­ge­richt das Vor­brin­gen nicht als nach­träg­li­che Kla­ge­häu­fung ange­se­hen hat, hat es sich nicht mit der Fra­ge befasst, ob die­se sach­dien­lich im Sin­ne von § 533 Nr. 1 ZPO ist. Der Bun­des­ge­richts­hof kann die­se Fra­ge selbst ent­schei­den, da die hier­bei zu berück­sich­ti­gen­den Gesichts­punk­te fest­ste­hen und zusätz­li­che Erkennt­nis­se nicht zu erwar­ten sind. Danach ist die Sach­dien­lich­keit gege­ben; es ist ein Gebot der Pro­zess­öko­no­mie, dass die Klä­ge­rin die Zah­lungs­pflicht aus dem Ver­gleich in dem bereits anhän­gi­gen Ver­fah­ren titu­lie­ren las­sen kann, nach­dem der Abschluss des Ver­gleichs auch für die Ent­schei­dung über die ursprüng­li­che Zah­lungs­pflicht von ent­schei­den­der Bedeu­tung ist und die erfor­der­li­chen Bewei­se erho­ben wor­den sind. Aus dem glei­chen Grund sind auch die Vor­aus­set­zun­gen von § 533 Nr. 2 ZPO erfüllt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. Juli 2014 – V ZR 298/​13

  1. vgl. nur BGH, Beschluss vom 10.12 2002 – X ARZ 208/​02, BGHZ 153, 173, 175 mwN []
  2. vgl. nur BGH, Urteil vom 13.07.2004 – X ZR 204/​02, Fam­RZ 2004, 1783 f. mwN []
  3. Staudinger/​Marburger, BGB [2009], § 779 Rn. 38; Larenz, Schuld­recht Band 1, 14. Aufl., § 7 IV; Bork, Der Ver­gleich [1988], S. 431 ff. []
  4. zu einer sol­chen Kon­stel­la­ti­on BGH, Urteil vom 07.03.2002 – III ZR 73/​01, JZ 2002, 721 f. m. krit. Anm. Jaco­by []
  5. vgl. nur BGH, Urteil vom 01.08.2013 – VII ZR 268/​11, NJW 2014, 155 Rn. 30 mwN []
  6. RGZ 144, 71, 73 f.; Zöller/​Greger, ZPO, 30. Aufl., § 260 Rn. 4 aE mwN []
  7. BGH, Urteil vom 10.01.1985 – III ZR 93/​83, NJW 1985, 1841, 1842 mwN []
  8. aA aus pro­zess­öko­no­mi­schen Über­le­gun­gen Bork in juris­PK-BGB, 6. Aufl., § 779 Rn. 25; ders., Der Ver­gleich [1988], 436 []