Getrenn­te Teil­kla­gen – und die Aus­set­zung des Rechts­streits

Eine Aus­set­zung des Rechts­streits kommt bei der getrenn­ten Gel­tend­ma­chung von Tei­len einer ein­heit­li­chen For­de­rung nicht in Betracht, auch wenn sie auf dem­sel­ben Kla­ge­grund beru­hen.

Getrenn­te Teil­kla­gen – und die Aus­set­zung des Rechts­streits

Eine Aus­set­zung gemäß § 148 ZPO kommt nicht in Betracht, weil die getrenn­te Gel­tend­ma­chung von Teil­for­de­run­gen aus dem­sel­ben Kla­ge­grund kei­ne Vor­greif­lich­keit bewirkt.

Nach § 148 ZPO kann das Gericht, wenn die Ent­schei­dung des Rechts­streits ganz oder zum Teil von dem Bestehen oder Nicht­be­stehen eines Rechts­ver­hält­nis­ses abhängt, das den Gegen­stand eines ande­ren anhän­gi­gen Rechts­streits bil­det oder von einer Ver­wal­tungs­be­hör­de fest­zu­stel­len ist, anord­nen, dass die Ver­hand­lung bis zur Erle­di­gung des ande­ren Rechts­streits oder bis zur Ent­schei­dung der Ver­wal­tungs­be­hör­de aus­zu­set­zen sei. Die Aus­set­zung der Ver­hand­lung setzt damit Vor­greif­lich­keit der in dem ande­ren Recht­streit oder dem Ver­wal­tungs­ver­fah­ren zu tref­fen­den Ent­schei­dung im Sin­ne einer (zumin­dest teil­wei­se) prä­ju­di­zi­el­len Bedeu­tung vor­aus 1. Vor­greif­lich­keit ist ins­be­son­de­re gege­ben, wenn in einem ande­ren Rechts­streit eine Ent­schei­dung ergeht, die für das aus­zu­set­zen­de Ver­fah­ren mate­ri­el­le Rechts­kraft ent­fal­tet oder Gestal­tungs­bzw. Inter­ven­ti­ons­wir­kung erzeugt 2. Der Umstand, dass in dem ande­ren Ver­fah­ren über eine Rechts­fra­ge zu ent­schei­den ist, von deren Beant­wor­tung die Ent­schei­dung des vor­lie­gen­den Rechts­streits ganz oder teil­wei­se abhängt, recht­fer­tigt die Aus­set­zung der Ver­hand­lung nicht 3. Andern­falls wür­de das aus dem Jus­tiz­ge­währ­leis­tungs­an­spruch fol­gen­de grund­sätz­li­che Recht der Pro­zess­par­tei­en auf Ent­schei­dung ihres Rechts­streits in sei­nem Kern beein­träch­tigt 4. Eine Aus­set­zung allein aus Zweck­mä­ßig­keits­grün­den sieht das Gesetz nicht vor 5.

Nach die­sen Maß­stä­ben war im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall eine Vor­greif­lich­keit nicht gege­ben, weil der vor­lie­gen­de Rechts­streit und das vor dem Land­ge­richt Mün­chen – I schwe­ben­de Ver­fah­ren von­ein­an­der abtrenn­ba­re Tei­le einer ein­heit­li­chen For­de­rung betref­fen:

Rech­net der Beklag­te mit einer in einem ande­ren Ver­fah­ren bereits auf­ge­rech­ne­ten Gegen­for­de­rung in einem wei­te­ren Pro­zess erneut auf, so hat das mit der Zweit­auf­rech­nung befass­te Gericht soweit es auf die Ein­wen­dung ankommt zu prü­fen, ob die Gegen­for­de­rung (noch) besteht. Das mit der zwei­ten Auf­rech­nung befass­te Gericht hat selbst sach­lich zu unter­su­chen, ob die mit der Zweit­auf­rech­nung gel­tend gemach­te Gegen­for­de­rung besteht oder mög­li­cher­wei­se bereits durch die Erst­auf­rech­nung ver­braucht ist. Regel­mä­ßig wird sich die Aus­set­zung des Zweit­pro­zes­ses emp­feh­len, bis das­je­ni­ge Ver­fah­ren erle­digt ist, in dem zuerst auf­ge­rech­net wur­de. Mit Rück­sicht auf die Rechts­kraft­wir­kung des § 322 Abs. 2 ZPO ist eine Vor­greif­lich­keit des ande­ren Ver­fah­rens gege­ben 6.

Vor­lie­gend klagt der Klä­ger eine Teil­for­de­rung vor dem Amts­ge­richt ein, wäh­rend er mit dem übri­gen Teil der For­de­rung in dem Ver­fah­ren vor dem Land­ge­richt Mün­chen – I die Auf­rech­nung erklärt. In die­ser Gestal­tung ist § 148 ZPO nicht anwend­bar.

Eine Aus­set­zung der Ver­hand­lung nach § 148 ZPO ist bei der getrenn­ten Gel­tend­ma­chung von Teil­an­sprü­chen aus dem­sel­ben Kla­ge­grund nicht zuläs­sig. Dabei ist es bedeu­tungs­los, in wel­cher Wei­se die Tei­le einer ein­heit­li­chen For­de­rung in ver­schie­de­nen Rechts­strei­tig­kei­ten zur Prü­fung gestellt wer­den, etwa im Wege der Kla­ge und Wider­kla­ge oder durch Kla­ge einer­seits und Auf­rech­nung ande­rer­seits. Der abtrenn­ba­re Teil der vor­lie­gend ver­folg­ten Ver­gü­tungs­for­de­rung ist nicht Gegen­stand des Ver­fah­rens vor dem Land­ge­richt Mün­chen I. Bei die­ser Sach­la­ge sind die Vor­aus­set­zun­gen der Aus­set­zung man­gels einer Rechts­kraf­ter­stre­ckung nicht erfüllt. Zwar ist nicht von der Hand zu wei­sen, dass durch die Auf­spal­tung der Ver­gü­tungs­for­de­rung auf zwei Pro­zes­se die Gefahr wider­spre­chen­der Ent­schei­dun­gen besteht. Rei­ne Zweck­mä­ßig­keits­er­wä­gun­gen recht­fer­ti­gen eine Aus­set­zung jedoch nicht. Der Gefahr wider­spre­chen­der Ent­schei­dun­gen kann zudem nicht durch eine Aus­set­zung zuver­läs­sig begeg­net wer­den, weil die Ent­schei­dung in dem vor dem Land­ge­richt Mün­chen – I geführ­ten Pro­zess man­gels iden­ti­scher Streit­ge­gen­stän­de kei­ne Rechts­kraft­wir­kung für den vor­lie­gen­den Rechts­streit erzeugt. Die Rich­ter bei­der Ver­fah­ren sind ver­pflich­tet, den jeweils anhän­gi­gen Rechts­streit selb­stän­dig und nach eige­ner Über­zeu­gung zu ent­schei­den 7. Allen­falls käme in Betracht, das Ruhen eines der Ver­fah­ren auf gemein­sa­men Antrag der Par­tei­en (§ 251 ZPO) anzu­ord­nen 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Juni 2019 – IX ZB 5/​19

  1. BGH, Beschluss vom 30.03.2005 – X ZB 26/​04, BGHZ 162, 373, 375[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 28.02.2012 – VIII ZB 54/​11, NJW-RR 2012, 575 Rn. 6[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 25.01.2006 – IV ZB 36/​03, Rn. 2; vom 25.11.2013 NotZ (Brfg) 11/​13, WM 2014, 810 Rn. 13[]
  4. BGH, Beschluss vom 25.11.2013, aaO[]
  5. BGH, Urteil vom 21.02.1983 – VIII ZR 4/​82, NJW 1983, 2496 unter – II 2 a[]
  6. BGH, Ver­säum­nis­ur­teil vom 08.01.2004 – III ZR 401/​02, WM 2004, 2324, 2325[]
  7. RG, Warn Rspr.1908 Nr. 400; OLG Köln, NJW 1958, 106; OLG Nürn­berg, MDR 1963, 507; OLG Köln, MDR 1983, 848; OLG Mün­chen, MDR 1996, 197; OLG Frank­furt, OLGR 1999, 39; Stein/​Jonas/​Roth, ZPO, 23. Aufl., § 148 Rn. 25; Zöller/​Greger, ZPO, 32. Aufl., § 148 Rn. 5a; HkZPO/​Wöstmann, 8. Aufl., § 148 Rn. 4; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 77. Aufl., § 148 Rn. 26 "Teil­for­de­rung"; Prütting/​Gehrlein/​Dörr, ZPO, 10. Aufl., § 148 Rn. 11; aA KGR Ber­lin 2009, 957[]
  8. OLG Mün­chen, aaO[]
  9. BGH, Beschluss vom 01.03.1993 – II ZR 179/​91, NJW 1993, 1715[]