Gläu­bi­ger­an­fech­tung – und die Ver­jäh­rungs­hem­mung auch für einen Berei­che­rungs­an­spruch

Die auf Gläu­bi­ger­an­fech­tung gestütz­te Zah­lungs­kla­ge hemmt die Ver­jäh­rung auch bezüg­lich eines alter­na­tiv gege­be­nen, auf Zah­lung gerich­te­ten Berei­che­rungs­an­spruchs, wenn des­sen Vor­aus­set­zun­gen mit dem Sach­vor­trag der Kla­ge dar­ge­legt sind.

Gläu­bi­ger­an­fech­tung – und die Ver­jäh­rungs­hem­mung auch für einen Berei­che­rungs­an­spruch

Nach § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB wird die Ver­jäh­rung unter ande­rem durch die Erhe­bung der Kla­ge auf Leis­tung gehemmt. Der Umfang der Hem­mung wird grund­sätz­lich durch den Streit­ge­gen­stand der Kla­ge bestimmt. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hemmt die Erhe­bung der Kla­ge die Ver­jäh­rung nur für Ansprü­che in der Gestalt und in dem Umfang, wie sie mit der Kla­ge gel­tend gemacht wer­den, also nur für den streit­ge­gen­ständ­li­chen pro­zes­sua­len Anspruch [1]. Der pro­zes­sua­le Anspruch wird durch den vom Klä­ger gestell­ten Antrag und durch den zur Begrün­dung des Antrags vor­ge­tra­ge­nen Sach­ver­halt bestimmt [2]. Auf die recht­li­che Begrün­dung des Klä­gers kommt es nicht an. Die Hem­mungs­wir­kung erfasst alle mate­ri­ell­recht­li­chen Ansprü­che, die sich im Rah­men des gestell­ten Antrags aus dem vor­ge­tra­ge­nen Lebens­sach­ver­halt her­lei­ten las­sen [3]. Soweit der zur Begrün­dung einer Anfech­tungs­kla­ge vor­ge­tra­ge­ne Sach­ver­halt zugleich das Ein­grei­fen wei­te­rer Anspruchs­grund­la­gen, bei­spiels­wei­se nach § 812 oder § 826 BGB, recht­fer­tigt, gehö­ren auch die­se mit zum Streit­ge­gen­stand [4].

Nach die­sen Grund­sät­zen ist die Ver­jäh­rungs­frist durch die Erhe­bung der vor­lie­gen­den Kla­ge nicht nur hin­sicht­lich eines Anspruchs nach dem Anfech­tungs­ge­setz, son­dern auch hin­sicht­lich eines Her­aus­ga­be­an­spruchs wegen unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung gehemmt wor­den. Zwar war die Kla­ge aus­drück­lich als Anfech­tungs­kla­ge bezeich­net, und auch der in der Kla­ge­schrift ange­kün­dig­te Antrag, den Beklag­ten wegen der For­de­rung des Klä­gers aus dem gegen W. Z. erwirk­ten Urteil zur Zah­lung zu ver­ur­tei­len, sprach dafür, dass mit der Kla­ge die sich aus dem Anfech­tungs­ge­setz erge­ben­den Rech­te gel­tend gemacht wer­den soll­ten. Zur Begrün­dung sei­nes Zah­lungs­an­trags hat der Klä­ger aber bereits in der Kla­ge­schrift vor­ge­tra­gen, W. Z. habe am 25.02.2005 auf der Grund­la­ge einer von Y. L. erteil­ten Voll­macht und der von ihr unter­zeich­ne­ten Ver­fü­gung vom 10.12 2003 unter ande­rem den streit­ge­gen­ständ­li­chen Geld­be­trag von einem Kon­to der Y. L. abge­ho­ben und ihn an den Beklag­ten wei­ter­ge­ge­ben. Der Form­man­gel des Schen­kungs­ver­spre­chens sei dabei nicht durch einen wirk­sa­men Voll­zug geheilt wor­den.

Aus die­sem Sach­ver­halt lässt sich ein Zah­lungs­an­spruch sowohl unter dem Gesichts­punkt der §§ 4, 11 AnfG wie auch der unge­recht­fer­tig­ten Berei­che­rung her­lei­ten. Der Anspruch nach dem Anfech­tungs­ge­setz setzt vor­aus, dass der Titel­schuld­ner – hier W. Z. – einem Drit­ten aus sei­nem Ver­mö­gen eine unent­gelt­li­che Leis­tung zuge­wandt hat. Nicht erfor­der­lich ist, dass der Klä­ger die Anfech­tung aus­drück­lich erklärt oder sich auch nur auf die­se Rechts­grund­la­ge beruft [5]. Für den Anspruch wegen unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung ist – neben dem feh­len­den Rechts­grund – ent­schei­dend, ob der Beklag­te den Geld­be­trag aus dem Ver­mö­gen der Y. L. erhal­ten hat, sei es durch eine Leis­tung oder auf sons­ti­ge Wei­se. Bei­de Ansprü­che ste­hen inso­weit in einem Ver­hält­nis der Alter­na­ti­vi­tät, als der Anfech­tungs­an­spruch gege­ben ist, wenn W. Z. als Erst­emp­fän­ger des Gel­des in eige­nem Namen auf­trat mit der Fol­ge, dass der Geld­be­trag zunächst in sein Ver­mö­gen gelang­te, wäh­rend der Berei­che­rungs­an­spruch ein­greift, wenn W. Z. als Ver­tre­ter der Y. L. über deren Ver­mö­gen ver­füg­te. Zur mit­hin ent­schei­den­den Fra­ge, ob W. Z. für sich selbst oder für Y. L. han­del­te, ist dem in der Kla­ge­schrift vor­ge­tra­ge­nen Sach­ver­halt nichts zu ent­neh­men. Des­halb gehört zu dem vor­ge­tra­ge­nen Lebens­sach­ver­halt sowohl die Mög­lich­keit, dass der Geld­be­trag zunächst in das Ver­mö­gen des W. Z. gelang­te, als auch dass der Beklag­te den Geld­be­trag unmit­tel­bar aus dem Ver­mö­gen der Y. L. erwarb. Die gegen­tei­li­ge Ansicht des Beru­fungs­ge­richts, wonach eine Hem­mung der Ver­jäh­rung nicht ein­ge­tre­ten sei, weil der Klä­ger noch nicht in der Kla­ge­schrift, son­dern erst mit der Beru­fungs­er­wi­de­rung sei­nen Anspruch auch auf § 812 BGB gestützt habe, ver­kennt, dass es für die Bestim­mung des pro­zes­sua­len Anspruchs allein auf den vor­ge­tra­ge­nen Lebens­sach­ver­halt ankommt und nicht dar­auf, wie der Klä­ger den von ihm vor­ge­tra­ge­nen Lebens­sach­ver­halt recht­lich beur­teilt hat.

Der Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs vom 16.09.2008 [6] recht­fer­tigt kei­ne ande­re Beur­tei­lung. Soweit dort ange­nom­men wur­de, der erst­mals im Revi­si­ons­ver­fah­ren ver­folg­te Berei­che­rungs­an­spruch stel­le gegen­über dem zunächst erho­be­nen insol­venz­recht­li­chen Anfech­tungs­an­spruch einen neu­en pro­zes­sua­len Anspruch dar, beruh­te dies dar­auf, dass ein Anspruch nach § 816 Abs. 2 BGB gel­tend gemacht wur­de, der eine beson­de­re, in den Tat­sa­chen­in­stan­zen nicht behaup­te­te Geneh­mi­gung vor­aus­setz­te. Die erfor­der­li­che Geneh­mi­gung konn­te nur in der Revi­si­ons­be­grün­dung gese­hen wer­den. Es wur­de des­halb mit der Revi­si­on ein neu­er Sach­ver­halt behaup­tet, der zuvor nicht ein­ge­führt wor­den war. Anders ver­hält es sich im Streit­fall. Hier steht ein Anspruch wegen unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung nach § 812 Abs. 1 Satz 1 BGB in Rede, des­sen Vor­aus­set­zun­gen von dem in der Kla­ge­schrift unter­brei­te­ten Sach­ver­halt mit­um­fasst sind.

Der Annah­me eines ein­heit­li­chen Streit­ge­gen­stands lässt sich auch nicht ent­ge­gen­hal­ten, der Berei­che­rungs­an­spruch die­ne einem ande­ren Inter­es­se als der Anfech­tungs­an­spruch [7]. Wird, wie hier, die Anfecht­bar­keit einer Zah­lung nach den Bestim­mun­gen des Anfech­tungs­ge­set­zes gel­tend gemacht, soll die Fol­ge der mit der Zah­lung ver­bun­de­nen Ver­mö­gens­ver­schie­bung besei­tigt und ein ent­spre­chen­der Geld­be­trag aus dem Ver­mö­gen des Anfech­tungs­geg­ners dem­je­ni­gen des anfech­ten­den Gläu­bi­gers zuge­führt wer­den. Ein ent­spre­chen­des Ziel ver­folgt der Berei­che­rungs­an­spruch, wenn sich der Ver­mö­gens­er­werb des Anfech­tungs­geg­ners als eine unmit­tel­bar aus dem Ver­mö­gen des Anfech­ten­den oder sei­nes Rechts­vor­gän­gers rechts­grund­los erlang­te Zuwen­dung erweist. Bei­de mate­ri­ell­recht­li­chen Ansprü­che die­nen im Streit­fall dem einen Inter­es­se des Klä­gers, den Ver­mö­gens­wert, den die ursprüng­lich Berech­tig­te Y. L. durch das Han­deln des W. Z. an den Beklag­ten ver­lo­ren hat­te, in das Ver­mö­gen des Klä­gers als Erbe der Y. L. zurück­zu­füh­ren.

Der Rege­lung des § 204 BGB liegt das Prin­zip zugrun­de, dass die Ver­jäh­rung durch eine akti­ve Rechts­ver­fol­gung des Gläu­bi­gers gehemmt wird, die einen auf die Durch­set­zung sei­nes Anspruchs gerich­te­ten Wil­len für den Schuld­ner erkenn­bar macht; der Gläu­bi­ger muss dem Schuld­ner sei­nen Rechts­ver­fol­gungs­wil­len so klar machen, dass die­ser sich dar­auf ein­rich­ten muss, auch nach Ablauf der (ursprüng­li­chen) Ver­jäh­rungs­zeit in Anspruch genom­men zu wer­den. Ent­schei­dend ist mit­hin, ob die kon­kre­te Maß­nah­me der Rechts­ver­fol­gung die gefor­der­te Warn­funk­ti­on erfüllt. Der Anspruchs­geg­ner muss erken­nen kön­nen, „wor­um es geht“ [8]. Dies war hier der Fall. Die Kla­ge mach­te dem Beklag­ten klar, dass die Zuwen­dung, die er am 25.02.2005 letzt­lich aus dem Ver­mö­gen der Y. L. erhal­ten hat­te, rück­gän­gig gemacht wer­den soll­te, sei es mit­tels der Gläu­bi­ger­an­fech­tung, sei es mit­tels eines Berei­che­rungs­an­spruchs.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. Okto­ber 2015 – IX ZR 222/​13

  1. BGH, Urteil vom 04.05.2005 – VIII ZR 93/​04, NJW 2005, 2004, 2005 mwN[]
  2. etwa BGH, Urteil vom 03.04.2003 – I ZR 1/​01, BGHZ 154, 342, 347 f; vom 13.09.2012 – I ZR 230/​11, BGHZ 194, 314 Rn. 18[]
  3. BGH, Urteil vom 04.07.1983 – II ZR 235/​82, NJW 1983, 2813; vom 17.10.1995 – VI ZR 246/​94, NJW 1996, 117, 118; vom 18.07.2000 – X ZR 62/​98, NJW 2000, 3492, 3493[]
  4. Münch­Komm-Anf­G/­Kirch­hof, § 13 Rn. 44[]
  5. BGH, Urteil vom 29.04.1986 – IX ZR 163/​85, BGHZ 98, 6, 9; vom 20.03.1997 – IX ZR 71/​96, BGHZ 135, 140, 149 f; vom 13.05.2004 – IX ZR 128/​01, ZIP 2004, 1370, 1371[]
  6. BGH, Beschluss vom 16.09.2008 – IX ZR 172/​07, NJW 2008, 3570[]
  7. zur Bedeu­tung eines bean­spruch­ten Inter­es­ses bei der Bestim­mung des Streit­ge­gen­stands vgl. Alt­ham­mer, Streit­ge­gen­stand und Inter­es­se, S. 265 ff[]
  8. BGH, Urteil vom 18.06.2015 – III ZR 198/​14, WM 2015, 1319 Rn. 18[]