Gläu­bi­ger­wech­sel – und der kennt­nis­ab­hän­gi­ge Ver­jäh­rungs­be­ginn

Ist der Ver­jäh­rungs­be­ginn kennt­nis­ab­hän­gig, kommt es für Beginn und Lauf der Ver­jäh­rung im Fal­le des Gläu­bi­ger­wech­sels – gleich aus wel­chem Rechts­grund – zunächst auf den Kennt­nis­stand des ursprüng­li­chen Gläu­bi­gers an. Hat­te die­ser die für den Ver­jäh­rungs­be­ginn erfor­der­li­che Kennt­nis, geht der Anspruch so, d.h. mit in Gang gesetz­ter Ver­jäh­rung auf den Rechts­nach­fol­ger über, selbst wenn die­ser die Kennt­nis nicht mit oder erst nach dem Über­gang des Anspruchs auf ihn erhält.

Gläu­bi­ger­wech­sel – und der kennt­nis­ab­hän­gi­ge Ver­jäh­rungs­be­ginn

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ging es um die Fra­ge der Ver­jäh­rung eines Pflicht­teils­an­spruchs, den der Erbe des zwi­schen­zeit­lich ver­stor­be­nen ursprüng­lich Pflicht­teils­be­rech­tig­ten kla­ge­wei­se gel­tend mach­te:

Es hat im Ansatz zutref­fend als maß­geb­li­che Rechts­norm für die Ver­jäh­rung des ererb­ten Pflicht­teils­an­spruchs gegen die Beklag­te § 2332 Abs. 1 BGB a.F. zugrun­de gelegt. Nach die­ser Vor­schrift ver­jähr­te der Pflicht­teils­an­spruch in drei Jah­ren von dem Zeit­punkt an, in wel­chem der Pflicht­teils­be­rech­tig­te von dem Ein­tritt des Erb­falls und von der ihn beein­träch­ti­gen­den Ver­fü­gung Kennt­nis erlang­te, ohne Rück­sicht auf die­se Kennt­nis in 30 Jah­ren von dem Ein­tritt des Erb­falls an. Da Pflicht­teils­be­rech­tig­ter zunächst der vom Erb­las­ser ent­erb­te Vater der Par­tei­en war, kommt es dar­auf an, ob und wann die­ser vom Tode des Erb­las­sers und der von die­sem ver­füg­ten Ein­set­zung der Beklag­ten als Allein­er­bin Kennt­nis erlang­te. Das Beru­fungs­ge­richt hat unter­stellt, der Vater der Par­tei­en habe vom Tod des Erb­las­sers und von der Allein­er­ben­stel­lung der Beklag­ten kurz vor sei­nem eige­nen Tod am 1.03.2002 erfah­ren. Ob nicht von vorn­her­ein von der Hand zu wei­sen­de Wirk­sam­keits­be­den­ken gegen die den Vater der Par­tei­en beein­träch­ti­gen­de Ver­fü­gung bestan­den haben, die sei­ner Kennt­nis hät­ten ent­ge­gen­ste­hen kön­nen, ist zwi­schen den Par­tei­en umstrit­ten; und vom Beru­fungs­ge­richt offen­ge­las­sen wor­den. Für das Revi­si­ons­ver­fah­ren ist zuguns­ten der Beklag­ten aus­zu­ge­hen, dass der Vater der Par­tei­en vor sei­nem Tod am 1.03.2002 die­se Kennt­nis erlangt hat­te. Mit­hin lief bereits zu Leb­zei­ten des Vaters der Par­tei­en die Ver­jäh­rungs­frist des § 2332 Abs. 1 BGB a.F.

Nach dem Tod des Erb­las­sers rich­te­te sich die Ver­jäh­rung des auf den Klä­ger über­ge­gan­ge­nen Pflicht­teils­an­spruchs nicht nach § 197 Abs. 1 Nr. 2 BGB a.F. Der Tod des Vaters der Par­tei­en hat nichts dar­an geän­dert, dass die Ver­jäh­rungs­frist gemäß § 2332 Abs. 1 BGB a.F. wei­ter­ge­lau­fen ist.

Ist der Ver­jäh­rungs­be­ginn kennt­nis­ab­hän­gig, kommt es nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung für Beginn und Lauf der Ver­jäh­rung im Fal­le des Gläu­bi­ger­wech­sels gleich aus wel­chem Rechts­grund zunächst auf den Kennt­nis­stand des ursprüng­li­chen Gläu­bi­gers an. Hat­te die­ser die für den Ver­jäh­rungs­be­ginn erfor­der­li­che Kennt­nis, geht der Anspruch so, d.h. mit in Gang gesetz­ter Ver­jäh­rung auf den Rechts­nach­fol­ger über, selbst wenn die­ser die Kennt­nis nicht mit oder erst nach dem Über­gang des Anspruchs auf ihn erhält. Nur wenn der Kennt­nis­stand des Rechts­vor­gän­gers nicht geeig­net war, die Ver­jäh­rung in Lauf zu set­zen, ist auf den Rechts­nach­fol­ger abzu­stel­len 1. Die­se Beur­tei­lung wur­de auch zu der ver­gleich­ba­ren Rege­lung des § 852 BGB a.F. ver­tre­ten 2. Sowohl im Fal­le der Indi­vi­du­al­suk­zes­si­on gemäß den §§ 412, 404 BGB als auch im Fal­le der Uni­ver­sal­suk­zes­si­on nach § 1922 Abs. 1 BGB erwirbt der Rechts­nach­fol­ger die der Ver­jäh­rung unter­lie­gen­de For­de­rung in dem Zustand, in dem sie sich im Zeit­punkt des Rechts­über­gangs befin­det, d.h. bereits ver­jährt, mit lau­fen­der Ver­jäh­rung oder mit noch nicht begon­ne­ner Ver­jäh­rung 3. Dem­nach hat der Klä­ger den von sei­nem Vater ererb­ten Pflicht­teils­an­spruch gegen die Beklag­te belas­tet mit schon lau­fen­der Ver­jäh­rungs­frist erwor­ben.

Auf die Umstän­de, unter denen der Klä­ger in die Erben­stel­lung nach sei­nem Vater ein­ge­rückt ist, kommt es nicht an. Die Ver­jäh­rungs­frist begann für den Klä­ger nicht erst mit Klä­rung sei­ner Erben­stel­lung. Das von der Wit­we sei­nes Vaters vor­ge­leg­te gefälsch­te Tes­ta­ment konn­te ihre Erben­stel­lung nicht begrün­den. Durch das gegen sie ergan­ge­ne Anfech­tungs­ur­teil wur­de gemäß den §§ 2339 Abs. 1 Nr. 4, 2342 Abs. 2 BGB fest­ge­stellt, dass sie auch unter kei­nem ande­ren recht­li­chen Gesichts­punkt Erbin nach ihrem Ehe­mann gewor­den war. Die tes­ta­men­ta­ri­sche Erben­stel­lung des Klä­gers wur­de dadurch nicht berührt. In jedem Fall been­de­te der Tod des Vaters der Par­tei­en die noch zu sei­nen Leb­zei­ten in Gang gesetz­te Ver­jäh­rungs­frist nicht; viel­mehr lief die Ver­jäh­rung in der Per­son des­je­ni­gen wei­ter, auf den der Pflicht­teils­an­spruch kraft Erb­fol­ge über­ge­gan­gen war.

In die­sem Zusam­men­hang beruft sich die Gegen­an­sicht ohne Erfolg auf das BGH, Urteil vom 19.06.1985 4. In dem zugrun­de lie­gen­den Fall kann­te der ursprüng­lich Pflicht­teils­be­rech­tig­te das ihn ent­er­ben­de Tes­ta­ment und mein­te, es sei durch spä­te­res Tes­ta­ment auf­ge­ho­ben wor­den. Nach­dem ein ent­spre­chen­der Erb­schein, der ihn als Mit­er­ben aus­ge­wie­sen hat­te, ein­ge­zo­gen wor­den war, mach­te er sei­nen Pflicht­teils­an­spruch gel­tend. Der Bun­des­ge­richts­hof hat auf die­se Kon­stel­la­ti­on die Lösung eines ver­gleich­ba­ren Pro­blems für die Anfech­tung der Ehe­lich­keit über­tra­gen 5. Eben­so wie die für den Beginn der Anfech­tungs­frist erfor­der­li­che Kennt­nis von den gegen die Vater­schaft spre­chen­den Umstän­den wie­der ent­fal­len kann, fällt die frü­he­re Kennt­nis des Pflicht­teils­be­rech­tig­ten von der ihn ent­er­ben­den Ver­fü­gung fort, wenn er kur­ze Zeit dar­auf von einer wei­te­ren Erklä­rung des Erb­las­sers erfährt, durch die allem Anschein nach die Ent­er­bung spä­ter wie­der auf­ge­ho­ben wor­den ist 6. Damit ist der hier für das Revi­si­ons­ver­fah­ren zu unter­stel­len­de Sach­ver­halt nicht ver­gleich­bar. Der Vater der Par­tei­en hat­te sei­ne Kennt­nis vom Tod des Erb­las­sers und von der Allein­er­ben­stel­lung der Beklag­ten nicht infol­ge neu­er Umstän­de ver­lo­ren. Die beim Klä­ger durch Vor­la­ge des gefälsch­ten Tes­ta­ments aus­ge­lös­ten Zwei­fel an sei­ner Erben­stel­lung las­sen die für den Beginn der Ver­jäh­rung des zum Nach­lass gehö­ren­den Pflicht­teils­an­spruchs erfor­der­li­che Kennt­nis nicht ent­fal­len.

Den Schwie­rig­kei­ten, die sich aus einer sol­chen Fall­ge­stal­tung für Erben erge­ben, trägt § 211 Satz 1 BGB Rech­nung. Nach die­ser Vor­schrift tritt die Ver­jäh­rung eines Anspruchs, der zu einem Nach­lass gehört, abge­se­hen vom Fall der Nach­lassin­sol­venz nicht vor dem Ablauf von sechs Mona­ten nach dem Zeit­punkt ein, in dem die Erb­schaft von dem Erben ange­nom­men wird. Es kann dahin­ste­hen, ob der Klä­ger die Erb­schaft bereits mit Erhe­bung der Anfech­tungs­kla­ge im Jah­re 2003 oder erst nach Zustel­lung des die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de zurück­wei­sen­den BGH, Beschlus­ses vom 27.02.2008 annahm oder sie nicht gemäß § 1944 Abs. 1 und 2 Satz 2 BGB bin­nen sechs Wochen aus­schlug. In jedem Fall war die sechs­mo­na­ti­ge Frist des § 211 Satz 1 BGB schon abge­lau­fen, als die Kla­ge am 8.04.2009 ein­ge­reicht wur­de.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. April 2014 – IV ZR 30/​13

  1. Erman/­Schmidt-Räntsch, BGB, 13. Aufl. § 199 BGB Rn. 17; Münch­Komm-BGB/Gro­the, 6. Aufl. § 199 BGB Rn. 36; juris­PK-BGB/Lak­kis, § 199 BGB Rn. 45; Palandt/​Ellenberger, 73. Aufl. § 199 BGB Rn. 26; Staudinger/​Peters/​Jacoby [2009], § 199 BGB Rn. 56; so auch LG Mün­chen I, Urteil vom 19.01.2011, 9 O 13128/​10 26[]
  2. BGH, Urtei­le vom 19.12 1989 – VI ZR 57/​89, VersR 1990, 497 unter – II 1; vom 02.03.1982 – VI ZR 245/​79, VersR 1982, 546 unter – II 3 d; vom 10.07.1967 – III ZR 78/​66, BGHZ 48, 181, 183; vom 11.07.1961 – VI ZR 11/​61, VersR 61, 910 unter I; RGRK-Kreft, 12. Aufl. § 852 BGB Rn. 38[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 10.07.1967 aaO[]
  4. BGH, Urteil vom 19.06.1985 – IVa ZR 114/​83, BGHZ 95, 76[]
  5. BGH, Urteil vom 11.07.1973 – IV ZR 36/​72, BGHZ 61, 195, 198 ff.[]
  6. BGH, Urteil vom 19.06.1985 aaO 78 ff.[]