Gro­ßer Scha­dens­er­satz – und der Mahn­be­scheid zur Ver­jäh­rungs­hem­mung

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs [1] wer­den vom Anwen­dungs­be­reich der Rege­lung in § 688 Abs. 2 Nr. 2, § 690 Abs. 1 Nr. 4 ZPO nicht nur die Fäl­le des Zurück­be­hal­tungs­rechts nach §§ 273, 320 BGB erfasst, son­dern sämt­li­che Ansprü­che, die Zug um Zug zu erfül­len sind, also auch der Anspruch auf den soge­nann­ten "gro­ßen" Scha­dens­er­satz, bei dem Ersatz nur Zug um Zug gegen Her­aus­ga­be eines vom Geschä­dig­ten durch das schä­di­gen­de Ereig­nis adäquat kau­sal erlang­ten Vor­teils bean­sprucht wer­den darf [2].

Gro­ßer Scha­dens­er­satz – und der Mahn­be­scheid zur Ver­jäh­rungs­hem­mung

Die dem­nach § 688 Abs. 2 Nr. 2 ZPO wider­strei­ten­de Gel­tend­ma­chung des "gro­ßen" Scha­dens­er­sat­zes stellt, wenn der Antrag­stel­ler ent­ge­gen § 690 Abs. 1 Nr. 4 ZPO bewusst fal­sche Anga­ben macht, einen Miss­brauch des Mahn­ver­fah­rens dar, der es dem Antrag­stel­ler nach § 242 BGB grund­sätz­lich ver­wehrt, sich auf die Hem­mung der Ver­jäh­rung durch Zustel­lung des Mahn­be­scheids zu beru­fen [3].

Das im Anwalts­schrei­ben unter­brei­te­te Ange­bot der Über­tra­gung der Rech­te und Pflich­ten aus der Gesell­schafts­be­tei­li­gung der Klä­ge­rin genügt für die Erbrin­gung der Gegen­leis­tung nicht. Hier­für bedarf es der Über­tra­gung der Rech­te aus den Betei­li­gun­gen selbst. Ein durch das Ange­bot der Klä­ge­rin etwa begrün­de­ter Annah­me­ver­zug der Beklag­ten lässt die das Mahn­ver­fah­ren sper­ren­de Abhän­gig­keit der gefor­der­ten Leis­tung von einer noch zu erbrin­gen­den Gegen­leis­tung unbe­rührt [4]. Ohne Erfolg beruft sich die Beschwer­de in die­sem Zusam­men­hang auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, wonach es in Fäl­len, in denen die Kapi­tal­an­la­ge in der Rechts­po­si­ti­on als Treu­hand­kom­man­di­tist besteht (mit­tel­ba­re Betei­li­gung), genügt, wenn der Geschä­dig­te im Rah­men des gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz­an­spruchs als Zug um Zug zu gewäh­ren­de Leis­tung die Abtre­tung sämt­li­cher Rech­te aus der Betei­li­gung bzw. dem Treu­hand­ver­trag anbie­tet [5]. Denn damit ist nur gesagt, wel­che Gegen­leis­tung der Anle­ger Zug um Zug gegen Scha­dens­er­satz anbie­ten muss, nicht aber, dass mit dem Ange­bot bereits die von ihm geschul­de­te Gegen­leis­tung erbracht wäre; sonst wür­de es der – auch von der Klä­ge­rin selbst vor­ge­nom­me­nen – Ein­schrän­kung des Anspruchs auf Leis­tung Zug um Zug gar nicht mehr bedür­fen.

Den "klei­nen" Scha­dens­er­satz (Dif­fe­renz­scha­den) macht die Klä­ge­rin im hier ent­schie­de­nen Fall nicht gel­tend, wes­halb die Fra­ge, ob es dem Anle­ger nur inso­weit ver­wehrt sei, sich auf die ver­jäh­rungs­hem­men­de Wir­kung des Mahn­be­scheids zu beru­fen, als die im Mahn­ver­fah­ren gel­tend gemach­te For­de­rung den "klei­nen" Scha­dens­er­satz über­stei­ge, im vor­lie­gen­den Fall nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich ist. Abge­se­hen davon ist es dem Gläu­bi­ger im Regel­fall nach § 242 BGB auch ver­wehrt, sich auf eine Hem­mung der Ver­jäh­rung in Höhe (wenigs­tens) des "klei­nen" Scha­dens­er­sat­zes zu beru­fen, wenn er im Mahn­ver­fah­ren als Antrag­stel­ler in Kennt­nis der Vor­ga­ben in § 688 Abs. 2 Nr. 2, § 690 Abs. 1 Nr. 4 ZPO bewusst fal­sche Anga­ben macht, indem er, obwohl er zum Vor­teils­aus­gleich noch ver­pflich­tet ist, erklärt, die von ihm gefor­der­te Leis­tung in Höhe des "gro­ßen" Scha­dens­er­sat­zes sei von einer Gegen­leis­tung nicht abhän­gig oder die Gegen­leis­tung sei erbracht [6].

Nach die­sen Grund­sät­zen darf sich die Klä­ge­rin, die den gro­ßen Scha­dens­er­satz per Mahn­be­scheid gel­tend gemacht hat, gemäß § 242 BGB nicht auf die ver­jäh­rungs­hem­men­de Wir­kung des Mahn­be­scheids beru­fen, so dass vorl­ei­gend etwai­ge Ansprü­che gegen die Beklag­te wegen Ablaufs der kennt­nis­un­ab­hän­gi­gen Ver­jäh­rungs­frist (§ 199 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 BGB, Art. 229 § 6 Abs. 4 Satz 1 EGBGB) ver­jährt sind (§ 214 Abs. 1 BGB). Die Klä­ge­rin muss sich inso­weit das Ver­hal­ten ihrer vor­in­stanz­li­chen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zurech­nen las­sen (§ 166 BGB, § 85 Abs. 2 ZPO), die in ihrem Mahn­an­trag bewusst wahr­heits­wid­rig ange­ben ließ, dass ihre Gegen­leis­tung erbracht sei.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. August 2015 – III ZR 65/​15

  1. BGH, Urtei­le vom 23.06.2015 – XI ZR 536/​14, WM 2015, 1461; und vom 16.07.2015 – III ZR 238/​14, WM 2015, 1559[]
  2. BGH, Urteil vom 23.06.2015, aaO S. 1463 Rn. 21 ff und BGH, Urteil vom 16.07.2015, aaO S. 1561 Rn. 21 f, jeweils mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 23.06.2015, aaO Rn. 24 ff und BGH, Urteil vom 16.07.2015, aaO S. 1562 Rn. 23, jeweils mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 23.06.2015, aaO S. 1461 f Rn.20 mwN und BGH, Urteil vom 16.07.2015, aaO S. 1561 Rn.20 mwN; vgl. auch S. 1562 Rn. 25[]
  5. BGH, Urteil vom 10.07.2012 – XI ZR 272/​10, NJW 2012, 2951, 2952 Rn. 11; Beschlüs­se vom 20.12.2011 – XI ZR 295/​11, BKR 2013, 158 Rn. 1; und vom 06.07.2010 – XI ZB 40/​09, NJW-RR 2010, 1295, 1296 Rn. 14; Urteil vom 07.12.2009 – II ZR 15/​08, NJW 2010, 1077, 1080 Rn. 29[]
  6. BGH, Urteil vom 23.06.2015, aaO S. 1464 Rn. 34 und BGH, Urteil vom 16.07.2015, aaO S. 1562 Rn. 30[]