Grund­stücks­ab­sen­kung

Die auf Unter­las­sung einer unzu­läs­si­gen Ver­tie­fung gerich­te­te Kla­ge erfor­dert nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht die Anga­be der Boden­fes­tig­keit des bedroh­ten Grund­stücks 1.

Grund­stücks­ab­sen­kung

Aller­dings hat der BGH bereits frü­her für einen auf Besei­ti­gung der Fol­gen einer unzu­läs­si­gen Ver­tie­fung (§§ 1004 Abs. 1, 909 BGB) gerich­te­ten Antrag ent­schie­den, dass der Klä­ger die frü­he­re Fes­tig­keit sei­nes Grund­stücks genau ange­ben muss. Der durch eine Ver­tie­fung im Sin­ne des § 909 BGB in sei­nem Eigen­tum beein­träch­tig­te Klä­ger kann ver­lan­gen, dass der Boden sei­nes Grund­stücks durch eine genü­gen­de ander­wei­ti­ge Befes­ti­gung wie­der so belast­bar wird, wie es vor der Stö­rung der Fall war. Durch wel­che Maß­nah­men dies erreicht wird, ist dem Beklag­ten über­las­sen. Maß­geb­lich ist, dass er die frü­he­re Fes­tig­keit des beein­träch­tig­ten Grund­stücks wie­der­her­stellt; sie muss daher genau bezeich­net wer­den 2.

Das gilt indes­sen nicht, wenn von dem Beklag­ten ver­langt wird, eine unzu­läs­si­ge Ver­tie­fung zu unter­las­sen. Die Kla­ge ist dann nicht auf die Her­bei­füh­rung eines bestimm­ten – und daher genau zu bezeich­nen­den – Erfolgs gerich­tet, son­dern auf die Ver­mei­dung einer dro­hen­den Beein­träch­ti­gung. Sie ist aus­rei­chend bestimmt im Sin­ne des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO, wenn die zu unter­las­sen­de Beein­träch­ti­gung so deut­lich bezeich­net ist, dass der Streit­ge­gen­stand klar umris­sen ist, sich der Beklag­te erschöp­fend ver­tei­di­gen kann und nicht dem Voll­stre­ckungs­ge­richt die Ent­schei­dung über­las­sen bleibt, was dem Beklag­ten ver­bo­ten ist 3. Bei einer (erst­mals) dro­hen­den Ver­tie­fung genügt hier­zu grund­sätz­lich die Wie­der­ga­be des in § 909 BGB ent­hal­te­nen Ver­bots, ein Grund­stück in der Wei­se zu ver­tie­fen, dass der Boden eines benach­bar­ten Grund­stücks die erfor­der­li­che Stüt­ze ver­liert, wenn nicht für eine genü­gen­de ander­wei­ti­ge Befes­ti­gung gesorgt ist 4. Die Anga­be der Fes­tig­keit des bedroh­ten Grund­stücks ist dage­gen nicht erfor­der­lich 5. Die beklag­te Par­tei und das Voll­stre­ckungs­ge­richt ver­mö­gen auch ohne sie zu erken­nen, was ver­bo­ten wor­den ist, näm­lich dem Boden des klä­ge­ri­schen Grund­stücks die erfor­der­li­che Stüt­ze zu ent­zie­hen. Wel­che Stüt­ze im Sin­ne von § 909 BGB erfor­der­lich ist, beur­teilt sich danach, wel­che Befes­ti­gung das Grund­stück nach sei­ner tat­säch­li­chen Beschaf­fen­heit benö­tigt 6. Auch für die Fest­stel­lung, ob gegen das Ver­bot ver­sto­ßen wur­de, ist die Anga­be der ursprüng­li­chen Fes­tig­keit des klä­ge­ri­schen Grund­stücks im Urteil nicht erfor­der­lich. Nicht sel­ten, bei­spiels­wei­se bei Boden­ab­ris­sen oder einem Gebäu­de­ein­sturz, wird der Ver­stoß ohne­hin offen­kun­dig sein. Ist er es nicht, genügt die – wenn auch regel­mä­ßig mit sach­ver­stän­di­ger Hil­fe zu tref­fen­de – Fest­stel­lung, dass der Boden in der Senk­rech­ten den Halt ver­liert oder die Fes­tig­keit der unte­ren Boden­schich­ten in ihrem waa­ge­rech­ten Ver­lauf beein­träch­tigt wor­den ist 7.

Etwas ande­res folgt nicht aus der Erwä­gung des Beru­fungs­ge­richts, das ver­folg­te Unter­las­sungs­be­geh­ren decke sich mit einem Besei­ti­gungs­an­spruch (und erfor­de­re des­halb einen gleich­lau­ten­den Antrag), weil die Nicht­be­sei­ti­gung einer Stö­rung mit einer Fort­set­zung der Beein­träch­ti­gungs­hand­lung gleich­zu­set­zen sei. Letz­te­res ist nur anzu­neh­men, wenn ein bestehen­der Stö­rungs­zu­stand durch wei­te­re Ver­let­zungs­hand­lun­gen fort­lau­fend "erneu­ert" wird 8. Das trifft auf Beein­träch­ti­gun­gen infol­ge unzu­läs­si­ger Ver­tie­fung nicht zu. Unter­las­sungs- und Besei­ti­gungs­an­spruch haben hier grund­sätz­lich unter­schied­li­che Inhal­te. Mit einer (vor­beu­gen­den) Unter­las­sungs­kla­ge kann sich der betrof­fe­ne Eigen­tü­mer gegen einen dro­hen­den, aber noch nicht ein­ge­tre­te­nen Stütz­ver­lust wen­den. Bei einem bereits ein­ge­tre­te­nen Stütz­ver­lust ist der Besei­ti­gungs­an­spruch gel­tend zu machen, und zwar auch dann, wenn die Beein­träch­ti­gung infol­ge der Untä­tig­keit des Ver­tie­fen­den über einen län­ge­ren Zeit­raum andau­ert 9. Die Nicht­be­sei­ti­gung des Stütz­ver­lusts stellt kei­ne fort­ge­setz­te Erneue­rung der Stö­rung dar; ihr kann des­halb nicht mit einem Unter­las­sungs­an­trag begeg­net wer­den.

BGH, Urteil vom 29. Mai 2009 – V ZR 15/​08

  1. Abgren­zung zu BGH, Urteil vom 24. Febru­ar 1978, V ZR 95/​75, NJW 1978, 1584 u. Urteil vom 27. Novem­ber 1981, V ZR 42/​79, WM 1982, 68[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 24. Febru­ar 1978, V ZR 95/​75, NJW 1978, 1584 sowie Urt. v. 27. Novem­ber 1981, V ZR 42/​79, WM 1982, 68[]
  3. vgl. BGHZ 156, 1, 8 f. m.w.N.[]
  4. zutref­fend: PWW/​Lemke, BGB, 4. Aufl., § 909 Rdn. 39; wohl auch Münch­Komm-BGB/­Sä­cker, 4. Aufl., § 909 Rdn. 18 f.[]
  5. a.A. Palandt/​Bassenge, BGB, 68. Aufl., § 909 Rdn. 7; Staudinger/​Roth, BGB [2002], § 909 Rdn. 38; Erman/​Lorenz, 12. Aufl., § 909 Rdn. 4; Bamberger/​Roth/​Fritzsche, BGB, 2. Aufl., § 909 Rdn. 31; Stein/​Jonas/​Roth, ZPO, 22. Aufl., § 253 Rdn. 35[]
  6. BGHZ 101, 290, 293[]
  7. vgl. BGHZ 85, 375, 378[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 31. Mai 1957, I ZR 163/​55, LM § 1004 Nr. 32 für die Bei­be­hal­tung eines unrich­ti­gen Fir­men­na­mens[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 15. Febru­ar 2008, V ZR 17/​07, NJW-RR 2008, 969, 970 Rdn. 17[]