Grund­stücks­über­tra­gung und Grund­schuld­ab­lö­sung in der Insol­venz­an­fech­tung

Hat sich der spä­te­re Insol­venz­schuld­ner zur unent­gelt­li­chen las­ten­frei­en Über­tra­gung eines Grund­stücks ver­pflich­tet, ist die inner­halb von vier Jah­ren vor dem Insol­venz­an­trag erfolg­te Ablö­sung eines bei der Über­tra­gung bestehen geblie­be­nen Grund­pfand­rechts selb­stän­dig als unent­gelt­li­che Leis­tung anfecht­bar.

Grund­stücks­über­tra­gung und Grund­schuld­ab­lö­sung in der Insol­venz­an­fech­tung

Eine Leis­tung ist unent­gelt­lich, wenn ihr nach dem Inhalt des ihr zugrun­de lie­gen­den Rechts­ge­schäfts kei­ne Gegen­leis­tung gegen­über­steht, dem Leis­ten­den also kei­ne dem von ihm auf­ge­ge­be­nen Ver­mö­gens­wert ent­spre­chen­de Gegen­leis­tung zufließt. Die Son­der­zah­lung beruh­te auf dem Dar­le­hens­ver­trag und führ­te zum Erlö­schen der For­de­rung aus § 488 BGB, wel­che die Bank durch Abschluss des Dar­le­hens­ver­tra­ges und Aus­rei­chung des ver­ein­bar­ten Dar­le­hens, also ent­gelt­lich, erwor­ben hat­te. Im Ver­hält­nis zur Bank war die Leis­tung folg­lich nicht unent­gelt­lich. Im Ver­hält­nis zum Anfech­tungs­schuld­ner gilt dies jedoch nicht. Ist eine drit­te Per­son in einen Zuwen­dungs- oder Gegen­leis­tungs­vor­gang ein­be­zo­gen, kommt es für die Beur­tei­lung der Unent­gelt­lich­keit der Leis­tung nicht ent­schei­dend dar­auf an, ob der Schuld­ner selbst einen Aus­gleich erhal­ten hat. Zu fra­gen ist viel­mehr, ob der Emp­fän­ger sei­ner­seits eine Gegen­leis­tung zu erbrin­gen hat. Dies ent­spricht der in § 134 InsO eben­so wie frü­her in § 32 KO zum Aus­druck kom­men­den Wer­tung, dass der Emp­fän­ger einer Leis­tung dann einen gerin­ge­ren Schutz ver­dient, wenn er kei­ne aus­glei­chen­de Gegen­leis­tung zu erbrin­gen hat 1. Der Anfech­tungs­schuld­ner hat kei­ne Gegen­leis­tung erbracht.

Dadurch, dass der Anfech­tungs­schuld­ner mit der Ablö­sung der Grund­schuld sei­nen ver­trag­li­chen Anspruch auf Über­tra­gung las­ten­frei­en Eigen­tums ver­lor, wird die Unent­gelt­lich­keit der Zuwen­dung nicht aus­ge­schlos­sen. Der in § 134 Abs. 1 InsO ver­wand­te Begriff der Unent­gelt­lich­keit bedeu­tet nicht "rechts­grund­los". Auch eine Leis­tung, die auf­grund eines Schen­kungs­ver­tra­ges – also mit Rechts­grund – erfolgt, ist unent­gelt­lich. Die Unent­gelt­lich­keit einer Leis­tung, die – wie hier – kein Ver­pflich­tungs­ge­schäft dar­stellt, ist nach dem Grund­ge­schäft zu beur­tei­len 2. Die Leis­tung der Erb­las­se­rin beruh­te auf dem Über­ga­be­ver­trag, der kei­ne Gegen­leis­tung des Beklag­ten vor­sah. Der in § 8 des Über­ga­be­ver­trags ver­ein­bar­te lebens­lan­ge Nieß­brauch stell­te kei­ne Gegen­leis­tung dar, son­dern war allen­falls geeig­net, den Wert der Zuwen­dung zu min­dern.

Die Zah­lung hat­te schon des­halb eine Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung gemäß § 129 Abs. 1 InsO zur Fol­ge, weil die von der Erb­las­se­rin auf­ge­wand­ten Mit­tel end­gül­tig aus ihrem Ver­mö­gen aus­schie­den und für eine Befrie­di­gung der Gläu­bi­ger nicht mehr zur Ver­fü­gung stan­den. Die Über­le­gun­gen dazu, dass die Insol­venz­schuld­ne­rin im Zeit­punkt der Zah­lung bereits ver­mö­gens­los gewe­sen sei und ihre Gläu­bi­ger des­halb kei­ner­lei Aus­sicht auf eine auch nur teil­wei­se Befrie­di­gung ihrer For­de­run­gen gehabt hät­ten, ver­mö­gen an die­sem Ergeb­nis nichts zu ändern. Sie hat den erfor­der­li­chen Betrag erbracht und zur Ablö­sung der auf dem Wohn­ei­gen­tum des Anfech­tungs­schuld­ners las­ten­den Grund­schuld ver­wandt. Die Fra­ge des ursäch­li­chen Zusam­men­hangs zwi­schen der Rechts­hand­lung und der Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung ist auf­grund des rea­len Gesche­hens zu beur­tei­len. Für hypo­the­ti­sche, nur gedach­te Kau­sal­ver­läu­fe ist inso­weit kein Raum 3.

Für die Ein­hal­tung der Frist des § 134 InsO kommt es nicht auf das Datum des Über­ga­be­ver­trags an, son­dern auf das­je­ni­ge der Zah­lung. Wird ein schuld­recht­li­ches Grund­ge­schäft durch meh­re­re Teil­leis­tun­gen erfüllt, ist die Anfech­tungs­frist für jede Teil­leis­tung geson­dert zu bestim­men 4. Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs reicht es aus, dass der Voll­zug der Schen­kung inner­halb der Anfech­tungs­frist des § 134 InsO erfolg­te 5. Eine Rechts­hand­lung gilt als in dem Zeit­punkt vor­ge­nom­men, in dem ihre recht­li­chen Wir­kun­gen ein­tre­ten (§ 140 Abs. 1 InsO). Nach den nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts hat die Erb­las­se­rin auf die gesi­cher­te For­de­rung gezahlt. Mit dem Erlö­schen der gesi­cher­ten For­de­rung (§ 362 Abs. 1 BGB) erwarb der Beklag­te den ihm vor­sorg­lich abge­tre­te­nen Anspruch gegen die Gläu­bi­ge­rin auf Rück­ge­währ der Grund­schuld 6 und damit im Ergeb­nis unbe­las­te­tes Eigen­tum an der Woh­nung. Die Begrün­dung des Anspruchs auf las­ten­freie Über­tra­gung der Woh­nung und der letz­te Schritt des Voll­zu­ges der Schen­kung durch Ablö­sung des Grund­pfand­rechts bil­de­ten zusam­men die unent­gelt­li­che Leis­tung der Erb­las­se­rin.

Rechts­fol­ge eines Anspruchs aus § 143 Abs. 1 InsO ist, dass das­je­ni­ge zur Insol­venz­mas­se zurück­ge­währt wer­den muss, was durch die anfecht­ba­re Hand­lung aus dem Ver­mö­gen des Schuld­ners ver­äu­ßert, weg­ge­ge­ben oder auf­ge­ge­ben wor­den ist. Das ist hier die zur Ablö­sung der Grund­schuld auf­ge­wand­te Son­der­zah­lung. Der Anfech­tungs­schuld­ner kann sich inso­weit auch nicht auf einen Weg­fall der Berei­che­rung beru­fen (§ 143 Abs. 2 Satz 1 InsO, § 818 Abs. 3 BGB). Dar­auf, dass weder die getilg­te Dar­le­hens­for­de­rung noch der Anspruch auf Rück­ge­währ der gelösch­ten Grund­schuld einen Wert für den Anfech­tungs­schuld­ner dar­stell­ten, kommt es nicht an. Fol­ge der Zah­lung war die Ablö­sung der Grund­schuld, die bis dahin in der Höhe, in der sie noch valu­tier­te, den Wert des Wohn­ei­gen­tums ver­rin­ger­te. Die­ser Vor­teil ist dem Anfech­tungs­schuld­ner ver­blie­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Febru­ar 2014 – IX ZR 133/​13

  1. BGH, Urteil vom 04.03.1999 – IX ZR 63/​98, BGHZ 141, 96, 99 f; vom 03.03.2005 – IX ZR 441/​00, BGHZ 162, 276, 279 f[]
  2. Jaeger/​Henckel, InsO, § 134 Rn. 3; Münch­Komm-InsO/­Kay­ser, 3. Aufl., § 134 Rn.19; K. Schmidt/​Ganter/​Weinland, InsO, 18. Aufl., § 134 Rn. 18[]
  3. BGH, Urteil vom 02.06.2005 – IX ZR 263/​03, WM 2005, 1712, 1714; vom 20.01.2011 – IX ZR 58/​10, WM 2011, 371 Rn. 14; Jaeger/​Henckel, InsO, § 129 Rn. 131; HKIn­sO-/Kreft, 6. Aufl., § 129 Rn. 66; Münch­Komm-InsO/­Kay­ser, 3. Aufl., § 129 Rn. 181[]
  4. OLG Karls­ru­he, NZI 2004, 31, 32; Jaeger/​Henckel, InsO, § 134 Rn. 64; Gehr­lein in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, InsO, 2. Aufl., § 134 Rn. 21[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 04.03.1999 – IX ZR 63/​98, BGHZ 141, 96, 103 mwN[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 25.09.1986 – IX ZR 206/​85, WM 1986, 1441, 1442; Bamberger/​Roth/​Rohe, BGB, 3. Aufl., § 1192 Rn.200 zum Rück­ge­währ­an­spruch des Siche­rungs­ge­bers[]
  7. BGHZ 40, 115, 120[]