Güte­an­trag in Anla­ge­be­ra­tungs­fäl­len – und die Min­dest­an­for­de­run­gen für eine Ver­jäh­rungs­hem­mung

Der Güte­an­trag hat in Anla­ge­be­ra­tungs­fäl­len regel­mä­ßig die kon­kre­te Kapi­tal­an­la­ge zu bezeich­nen, die Zeich­nungs­sum­me sowie den (unge­fäh­ren) Bera­tungs­zeit­raum anzu­ge­ben und den Her­gang der Bera­tung min­des­tens im Gro­ben zu umrei­ßen.

Güte­an­trag in Anla­ge­be­ra­tungs­fäl­len – und die Min­dest­an­for­de­run­gen für eine Ver­jäh­rungs­hem­mung

Fer­ner ist das ange­streb­te Ver­fah­rens­ziel zumin­dest soweit zu umschrei­ben, dass dem Geg­ner und der Güte­stel­le ein Rück­schluss auf Art und Umfang der ver­folg­ten For­de­rung mög­lich ist; eine genaue Bezif­fe­rung der For­de­rung muss der Güte­an­trag sei­ner Funk­ti­on gemäß dem­ge­gen­über grund­sätz­lich nicht ent­hal­ten [1].

Auch bedarf es für die Indi­vi­dua­li­sie­rung nicht der Anga­be von Ein­zel­hei­ten, wie sie für die Sub­stan­ti­ie­rung des anspruchs­be­grün­den­den Vor­brin­gens erfor­der­lich sind [2].

Den vor­ge­nann­ten Erfor­der­nis­sen genügt der Güte­an­trag der Anle­ger in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall nicht: Er nennt zwar den Namen und die Anschrift der Anle­ger (als "antrag­stel­len­de Par­tei"), die Fonds­ge­sell­schaft, die Ver­trags­num­mer und die Sum­me der Ein­la­gen ("76.693, 78 € zzgl. 5 % Agio") sowie eine Rei­he der gel­tend gemach­ten Bera­tungs­män­gel. Der Name des Bera­ters und der Zeit­raum der Bera­tung und Zeich­nung wer­den dem­ge­gen­über nicht erwähnt. Vor allem aber bleibt – und die­sen Punkt sieht der Bun­des­ge­richts­hof hier als maß­geb­lich an – das ange­streb­te Ver­fah­rens­ziel (Art und Umfang der For­de­rung) im Dun­keln. Im Güte­an­trag ist davon die Rede, dass die antrag­stel­len­de Par­tei so zu stel­len sei, als ob kei­ne Betei­li­gung zustan­de gekom­men wäre. Der gefor­der­te Scha­dens­er­satz umfas­se "sämt­li­che auf­ge­brach­ten Kapi­tal­be­trä­ge sowie ent­gan­ge­nen Gewinn und ggf. vor­han­de­ne sons­ti­ge Schä­den (z.B. aus Dar­le­hens­fi­nan­zie­rung oder Steu­er­rück­zah­lun­gen)" sowie Rechts­an­walts­kos­ten und "künf­tig noch aus der Betei­li­gung ent­ste­hen­de Schä­den". Dabei bleibt aus­drück­lich offen ("ggf."), ob und inwie­weit das ein­ge­brach­te Betei­li­gungs­ka­pi­tal fremd­fi­nan­ziert wur­de, so dass ein etwai­ger Scha­den auch oder gar zu einem gro­ßen Teil – wie hier – in den auf­ge­brach­ten Zins- und Til­gungs­leis­tun­gen bestan­den hät­te [3]. Auch die (hier durch­aus beträcht­li­chen) wei­te­ren Schä­den (ent­gan­ge­ner Gewinn und sons­ti­ge Schä­den) sind nicht abschätz­bar. Die Grö­ßen­ord­nung des gel­tend gemach­ten Anspruchs ist für die Bera­te­rin (als Antrags­geg­ne­rin und Schuld­ne­rin) und für die Güte­stel­le hier­nach aus dem Güte­an­trag nicht zu erken­nen und auch nicht wenigs­tens im Gro­ben ein­zu­schät­zen gewe­sen.

Aus euro­pa­recht­li­chen Nor­men erge­ben sich kei­ne ander­wei­ti­gen Vor­ga­ben für die Anfor­de­run­gen an die Indi­vi­dua­li­sie­rung des in einem Güte­an­trag gel­tend gemach­ten (pro­zes­sua­len) Anspruchs. Die Richt­li­nie 1999/​44/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 25.05.1999 zu bestimm­ten Aspek­ten des Ver­brauchs­gü­ter­kaufs und der Garan­tien für Ver­brauchs­gü­ter [4] betrifft den Ver­brauchs­gü­ter­kauf (Art. 1 Abs. 1 der Richt­li­nie) und somit nicht die Kapi­tal­an­la­ge­be­ra­tung und ent­hält dar­über hin­aus auch kei­ne Bestim­mun­gen zum Inhalt eines Güte­an­trags. Den Anfor­de­run­gen des Art. 12 Abs. 1 der Richt­li­nie 2013/​11/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 21.05.2013 über die alter­na­ti­ve Bei­le­gung ver­brau­cher­recht­li­cher Strei­tig­kei­ten und zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EG) Nr.2006/2004 und der Richt­li­nie 2009/​22/​EG [5] genügt § 204 Abs. 1 Nr. 4 BGB, wobei es offen blei­ben kann, ob die­se Richt­li­nie auf Güte­stel­len im Sin­ne des § 204 Abs. 1 Nr. 4 BGB über­haupt Anwen­dung fin­det. Vor­ga­ben für den erfor­der­li­chen Inhalt eines Güte­an­trags erge­ben sich aus Art. 12 Abs. 1 der genann­ten Richt­li­nie ohne­hin nicht. Eine Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gemäß Arti­kel 267 AEUV ist ent­behr­lich. Die Erwä­gun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs zum Euro­pa­recht erge­ben sich ohne wei­te­res aus dem Wort­laut der zitier­ten Richt­li­ni­en, so dass die rich­ti­ge Anwen­dung des Uni­ons­rechts der­art offen­kun­dig ist, dass für ver­nünf­ti­ge Zwei­fel kein Raum mehr bleibt (acte clair) [6].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. März 2016 – III ZB 75/​15

  1. z.B. BGH, Urtei­le vom 18.06.2015 – III ZR 198/​14, NJW 2015, 2407, 2409 Rn. 25 mwN, zur Ver­öf­fent­li­chung in BGHZ 206, 41 vor­ge­se­hen; vom 20.08.2015 – III ZR 373/​14, NJW 2015, 3297, 3298 Rn. 18; vom 03.09.2015 – III ZR 347/​14, Beck­RS 2015, 16019 Rn. 17; und vom 15.10.2015 – III ZR 170/​14, WM 2015, 2181, 2182 Rn. 17; jew. mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 15.10.2015 aaO a.E.[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 20.08.2015 aaO S. 3299 Rn. 22; und vom 03.09.2015 aaO Rn. 18[]
  4. ABl. EG L 171/​12[]
  5. ABl. EU L 165/​63[]
  6. vgl. z.B. BGH, Urtei­le vom 06.11.2008 – III ZR 279/​07, BGHZ 178, 243, 257 f Rn. 31; und vom 17.04.2014 – III ZR 87/​13, BGHZ 201, 11, 22 Rn. 29; BGH, Beschluss vom 26.11.2007 – NotZ 23/​07, BGHZ 174, 273, 287 Rn. 34[]