Haf­tung des Auto­her­stel­lers im VW-Die­sel­skan­dal – trotz nach­träg­li­chen Software-Updates

Mit der Haf­tung eines Auto­mo­bil­her­stel­lers nach § 826 BGB gegen­über dem Käu­fer in einem soge­nann­ten Die­sel­fall hat­te sich aktu­ell erneut der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen und nun­mehr klar­ge­stellt, dass der Scha­den eines Gebraucht­wa­gen­käu­fers auch nicht durch ein spä­te­res Soft­ware-Update entfällt.

Haf­tung des Auto­her­stel­lers im VW-Die­sel­skan­dal – trotz nach­träg­li­chen Software-Updates

In dem hier ent­schie­de­nen Fall nimmt ein Gebraucht­wa­gen­käu­fer die Auto­mo­bil­her­stel­le­rin wegen Ver­wen­dung einer unzu­läs­si­gen Abschalt­ein­rich­tung für die Abgas­rei­ni­gung eines Kraft­fahr­zeugs auf Scha­dens­er­satz in Anspruch. Der Gebraucht­wa­gen­käu­fer erwarb am 1.04.2015 bei einem Auto­haus einen gebrauch­ten Audi Q 3 mit einem Die­sel­mo­tor der Bau­rei­he EA189 EU5 zum Kauf­preis von 41.580 €, den er in Höhe von 5.000 € aus eige­nen Mit­teln zahl­te und im Übri­gen durch ein Dar­le­hen bei der Volks­wa­gen Bank finan­zier­te. In Moto­ren die­ser Bau­rei­he war eine Vor­rich­tung ein­ge­baut, die die Abgas­rück­füh­rung steu­ert. Das Sys­tem erkann­te, wenn das Fahr­zeug auf einem Rol­len­prüf­stand im Neu­en Euro­päi­schen Fahr­zy­klus auf Schad­stoff­emis­sio­nen getes­tet wur­de. In die­sem Fall schal­te­te es in den Modus „1“, der eine höhe­re Abgas­rück­füh­rungs­ra­te und damit ver­bun­den einen gerin­ge­ren Aus­stoß an Stick­oxi­den bewirk­te. Ins­be­son­de­re im gewöhn­li­chen Stra­ßen­ver­kehr wur­de das Fahr­zeug in einem Modus „0“ betrie­ben, in dem die Abgas­rück­füh­rung gerin­ger und der Stick­oxid­aus­stoß folg­lich höher aus­fiel. Das Kraft­fahrt­bun­des­amt wer­te­te die­se Steue­rung als unzu­läs­si­ge Abschalt­ein­rich­tung und erließ mit Beschei­den vom 14. sowie 15.10.2015 Neben­be­stim­mun­gen zur Typ­ge­neh­mi­gung, um die Vor­schrifts­mä­ßig­keit der bereits im Ver­kehr befind­li­chen Fahr­zeu­ge zu gewähr­leis­ten. Die Auto­her­stel­le­rin rief die Fahr­zeu­ge zurück, um sie durch Auf­spie­len einer geän­der­ten Soft­ware tech­nisch zu über­ar­bei­ten. Das Kraft­fahrt­bun­des­amt gab die­se Nach­rüs­tung frei. Beim Fahr­zeug des Gebraucht­wa­gen­käu­fers wur­de die­se Nach­rüs­tung durchgeführt.

Weiterlesen:
Kapitalanleger-Musterverfahren gegen die Porsche SE

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Mainz hat die Auto­her­stel­le­rin unter ande­rem ver­ur­teilt, an den Gebraucht­wa­gen­käu­fer 9.555, 56 € nebst Zin­sen zu zah­len und den Gebraucht­wa­gen­käu­fer von sämt­li­chen Ver­bind­lich­kei­ten aus dem Dar­le­hens­ver­hält­nis frei­zu­stel­len, Zug um Zug gegen Über­ga­be und Über­eig­nung des Fahr­zeugs sowie Abtre­tung sämt­li­cher Rech­te, die dem Gebraucht­wa­gen­käu­fer gegen den Dar­le­hens­ge­ber zuste­hen1. Das Ober­lan­des­ge­richt Koblenz hat auf die Beru­fung der Auto­her­stel­le­rin das Urteil des Land­ge­richts abge­än­dert und die Kla­ge abge­wie­sen2.

Auf die vom Ober­lan­des­ge­richt im Beru­fungs­ur­teil zuge­las­se­ne Revi­si­on des Gebraucht­wa­gen­käu­fers hat nun der Bun­des­ge­richts­hof das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und den Rechts­streit an das Beru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen; mit der Begrün­dung des Beru­fungs­ge­richts kön­ne ein Anspruch des Gebraucht­wa­gen­käu­fers gegen die Auto­her­stel­le­rin aus § 826 BGB nicht abge­lehnt werden:

Der Gebraucht­wa­gen­käu­fer behaup­tet, die Auto­her­stel­le­rin habe die mani­pu­la­ti­ve Motor­steue­rungs­soft­ware nur aus Gewinn­stre­ben zur Erzie­lung hoher Markt­an­tei­le ein­ge­setzt. Durch das Vor­ge­hen der Auto­her­stel­le­rin wer­de bei einem Abgas­test dem Prü­fer vor­ge­gau­kelt, die Wer­te ent­sprä­chen den gesetz­li­chen Bestim­mun­gen. Es bestehe das Risi­ko, dass die Betriebs­er­laub­nis wider­ru­fen und das Fahr­zeug still­ge­legt wer­de. Das Fahr­zeug sei auf­grund des Man­gels weni­ger wert. Der Vor­stand der Auto­her­stel­le­rin habe von der nicht geset­zes­kon­for­men Motor­steue­rungs­soft­ware gewusst. Der Gebraucht­wa­gen­käu­fer habe ein Geschäft abge­schlos­sen, das er bei Kennt­nis der Sach­la­ge nicht abge­schlos­sen hätte.

Das vom Gebraucht­wa­gen­käu­fer vor­ge­tra­ge­ne und der revi­si­ons­recht­li­chen Prü­fung zugrun­de zu legen­de Ver­hal­ten der Auto­her­stel­le­rin ist ihm gegen­über als objek­tiv sit­ten­wid­rig im Sin­ne des § 826 BGB anzu­se­hen3. Der Umstand, dass der Gebraucht­wa­gen­käu­fer das Fahr­zeug als Gebraucht­wa­gen kauf­te, ändert dar­an nichts4. Der vom Gebraucht­wa­gen­käu­fer gel­tend gemach­te Scha­den ent­fie­le nicht wegen des durch­ge­führ­ten Soft­ware-Updates5. Der vom Gebraucht­wa­gen­käu­fer gel­tend gemach­te Scha­den fällt nach Art und Ent­ste­hungs­wei­se unter den Schutz­zweck des § 826 BGB. Auf den Schutz­zweck der §§ 6, 27 Abs. 1 EGFGV und der zur voll­stän­di­gen Har­mo­ni­sie­rung der tech­ni­schen Anfor­de­run­gen für Fahr­zeu­ge erlas­se­nen Rechts­ak­te der Euro­päi­schen Uni­on kommt es im Rah­men des Scha­dens­er­satz­an­spruchs aus § 826 BGB nicht an6.

Weiterlesen:
Beginn der Verjährungsfrist für eine Betriebskostennachforderung

Die Auf­fas­sung der Auto­her­stel­le­rin, die Ent­schei­dung des Beru­fungs­ge­richts stel­le sich als rich­tig dar (§ 561 ZPO), weil dem Gebraucht­wa­gen­käu­fer auf­grund des zur Finan­zie­rung mit der Volks­wa­gen Bank abge­schlos­se­nen Dar­le­hens­ver­trags ein „ver­brief­tes Rück­ga­be­recht“ zuge­stan­den habe, er das Fahr­zeug an den Händ­ler habe zurück­ge­ben kön­nen und daher kein Risi­ko getra­gen habe, trifft schon des­halb nicht zu, weil das Beru­fungs­ge­richt inso­weit kei­ne Fest­stel­lun­gen getrof­fen hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Juli 2021 – VI ZR 698/​20

  1. LG Mainz, Urteil vom 18.07.2019 – 3 O 83/​18[]
  2. OLG Koblenz, Urteil vom 23.04.2020 – 1 U 1487/​19[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, BGHZ 225, 316 Rn. 13 ff.; vom 26.01.2021 – VI ZR 405/​19 12 f.; vom 11.05.2021 – VI ZR 80/​20 12 mwN[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, BGHZ 225, 316 Rn. 25; vom 18.05.2021 – VI ZR 452/​19 10 mwN[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, BGHZ 225, 316 Rn. 44 ff., ins­be­son­de­re Rn. 58; vom 18.05.2021 – VI ZR 452/​19 13; vom 20.07.2021 – VI ZR 633/​20[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 26.01.2021 – VI ZR 405/​19, ZIP 2020, 368 Rn. 24 mwN; vom 18.05.2021 – VI ZR 452/​19 11[]

Bild­nach­weis:

Weiterlesen:
Der nach Aufdeckung des Dieselskandals gekaufte VW-Gebrauchtwagen