Haf­tung unter Pro­fi­sport­lern

Ein Berufs­sport­ler haf­tet einem ande­ren Berufs­sport­ler für Per­so­nen­schä­den bei einem Spiel nur bei Vor­satz.

Haf­tung unter Pro­fi­sport­lern

In einem jetzt vom Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he ent­schie­de­nen Rechts­streit ver­lang­te der Klä­ger, frü­her Berufs­eis­ho­ckey­spie­ler und auch Mit­glied der Deut­schen Eis­ho­ckey-Natio­nal­mann­schaft, von einem Mit­spie­ler nach Ver­let­zun­gen in einem Spiel der 2. Eis­ho­ckey-Bun­des­li­ga im Novem­ber 2008 unter ande­rem Schmer­zens­geld in Höhe von ca. 10.000 €. Der Beklag­te, der im Spiel sei­nen gebro­che­nen Schlä­ger weg­ge­wor­fen hat­te, check­te den Klä­ger regel­wid­rig von schräg hin­ten und stieß ihn in Rich­tung Ban­de, um den Angriff des Klä­gers auf das geg­ne­ri­sche Tor zu behin­dern. Vom Schieds­rich­ter wur­de eine gro­ße Stra­fe plus Spiel­dau­er­dis­zi­pli­nar­stra­fe ver­hängt. Bei dem Auf­prall erlitt der Klä­ger erheb­li­che Ver­let­zun­gen an der lin­ken Schul­ter und muss­te zwei Mal ope­riert wer­den, er kann den Beruf eines Eis­ho­ckey­spie­lers nicht mehr aus­üben. Die Berufs­ge­nos­sen­schaft hat den Unfall als Arbeits­un­fall aner­kannt und erbringt Leis­tun­gen an den Klä­ger, unter ande­rem für eine Umschu­lung.

Nach Auf­fas­sung des Klä­gers hat ihn der Beklag­te grob gefoult und mit dem Schleu­dern an die Ban­de einen vor­sätz­lich geführ­ten kör­per­li­chen Angriff began­gen. Das erst­in­stanz­lich mit der Kla­ge befass­te Land­ge­richt Frei­burg hat den Schieds­rich­ter und einen Lini­en­rich­ter ver­nom­men und mit den Zeu­gen einen Mit­schnitt des Spiels in einer Video­auf­zeich­nung aus­ge­wer­tet. Auf die­ser Grund­la­ge hat das Land­ge­richt Frei­burg sodann die Kla­ge abge­wie­sen. Und auch die Beru­fung des Klä­gers blieb jetzt vor dem Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he ohne Erfolg:

Der Klä­ger kön­ne, so das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he in sei­nen Urteils­grün­den, kei­ne Ansprü­che auf Schmer­zens­geld und Scha­dens­er­satz nach den Bestim­mun­gen des Zivil­rechts gem. § 823 BGB wegen wider­recht­li­cher Kör­per­ver­let­zung gel­tend machen, da die Haf­tung durch das Haf­tungs­pri­vi­leg der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung beschränkt sei (§§ 105, 106 SGB VII). Danach haf­ten Arbeit­neh­mer, die einen Arbeits­kol­le­gen im Betrieb ver­letz­ten, nur bei Vor­satz. Dadurch sol­le einer­seits eine dop­pel­te Inan­spruch­nah­me des Arbeit­ge­bers – durch Finan­zie­rung der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung und Regress­an­sprü­che des Schä­di­gers wegen gefahr­ge­neig­ter Arbeit – ver­hin­dert wer­den, ande­rer­seits gehe es auch dar­um, Scha­dens­er­satz­strei­tig­kei­ten zwi­schen Betriebs­an­ge­hö­ri­gen zu ver­mei­den. Die­se Rege­lung gilt auch, wenn es bei Ange­hö­ri­gen ver­schie­de­ner Betrie­be auf einer „gemein­sa­men Betriebs­stät­te“ zu Per­so­nen­schä­den kommt. Auch hier soll­ten die betei­lig­ten Arbeit­ge­ber vor dem Regress ihrer Arbeit­neh­mer geschützt wer­den, außer­dem gehe es um die Wah­rung des Frie­dens zwi­schen Arbeit­neh­mern koope­rie­ren­der Betrie­be, soweit sie in einer Gefah­ren­ge­mein­schaft ver­bun­den sei­en.

Die Spiel­ver­let­zung des Klä­gers ste­he in unmit­tel­ba­rem inne­ren Zusam­men­hang mit sei­ner ver­si­cher­ten Tätig­keit als Berufs­sport­ler. Es hand­le sich des­halb um einen Arbeits­un­fall im Sin­ne des § 8 SGB VII. Die Berufs­ge­nos­sen­schaft habe die­sen Unfall auch aner­kannt. Klä­ger und Beklag­ter sei­en anläss­lich ihres Wett­kampfs auf einer gemein­sa­men Betriebs­stät­te tätig gewe­sen. Dass ihre Akti­vi­tä­ten im Spiel gegen­ein­an­der gerich­tet sei­en, sei nicht ent­schei­dend, viel­mehr kom­me es dar­auf an, dass bei­de Mann­schaf­ten nach gemein­sa­men Spiel­re­geln zusam­men wirk­ten und sich gegen­sei­tig in beson­de­rer Wei­se ergänz­ten, weil der Wett­kampf nur im Mit­ein­an­der mög­lich sei. Dabei sei jeder Spie­ler bei­der Mann­schaf­ten in glei­cher Wei­se – sei es als Ver­letz­ter oder als Schä­di­ger – den Ver­let­zungs­ri­si­ken des Spiels aus­ge­setzt. Jeder ver­letz­te Spie­ler sei mate­ri­ell durch sei­ne Berufs­ge­nos­sen­schaft abge­si­chert. Schmer­zens­geld­pro­zes­se zwi­schen Spie­lern geg­ne­ri­scher Mann­schaf­ten könn­ten das täg­li­che Zusam­men­spiel für die Zukunft erheb­lich beein­träch­ti­gen.

Nach den zutref­fen­den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts habe der Beklag­te den Ver­si­che­rungs­fall nicht vor­sätz­lich her­bei­ge­führt. Der Klä­ger habe nicht bewie­sen, dass der Beklag­te bei sei­ner Akti­on ernst­haf­te Ver­let­zungs­fol­gen in Kauf genom­men hät­te. Nach der Dar­stel­lung des Klä­gers und wie die Video­auf­nah­me zei­ge, sei der Beklag­te dem Klä­ger, der den Puck zuvor mit einem Schlag­schuss hin­ter dem Tor der geg­ne­ri­schen Mann­schaft gegen die Ban­de geschos­sen habe, dicht auf den Fer­sen gewe­sen. Er habe ihn ver­folgt, um ihn dar­an zu hin­dern, den Puck beim Zurück­lau­fen an der Ban­de wie­der auf­zu­neh­men. Der Angriff sei also weder grund­los noch über­ra­schend, son­dern aus dem Spiel her­aus erfolgt, grund­sätz­lich habe der Beklag­te den Klä­ger auch ohne Schlä­ger mit dem Ziel angrei­fen dür­fen, den Puck mit der Hand weg­zu­schie­ben. Indem er den Klä­ger im Eifer die­ser Akti­on geschubst und kurz vor der Ban­de zu Fall gebracht habe, habe er zwar gegen Spiel­re­gel Nr. 522 (Char­ging – uner­laub­ter Kör­per­an­griff) ver­sto­ßen, ein hin­rei­chen­des Indiz für einen Ver­let­zungs­vor­satz lie­ge hier­in jedoch nicht. Auch den Anga­ben der Zeu­gen hät­ten sich ent­spre­chen­de Indi­zi­en nicht ent­neh­men las­sen.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 27. Sep­tem­ber 2012 – 4 U 256/​11