Hat die Treu­hand­an­stalt 2 DDR-Ver­la­ge ver­kauft, die ihr nicht gehör­ten?

Kann auf­grund der unüber­sicht­li­chen recht­li­chen und tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se in der Zeit ab 1962 nicht mit der erfor­der­li­chen Sicher­heit aus­ge­schlos­sen wer­den, dass ein Ver­lag im Jah­re 1990 ein volks­ei­ge­ner Betrie­be (VEB) war und damit das Ver­mö­gen auf die Treu­hand­an­stalt über­ge­gan­gen ist, steht das der Fest­stel­lung, dass die Treu­hand­an­stalt etwas ver­kauft hat, was ihr nicht gehör­te, ent­ge­gen und begrün­det kei­ne Scha­dens­er­satz­pflicht.

Hat die Treu­hand­an­stalt 2 DDR-Ver­la­ge ver­kauft, die ihr nicht gehör­ten?

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt a.M. in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Scha­den­er­satz­kla­ge eines Ver­le­gers gegen die vor­ma­li­ge Treu­hand­an­stalt (heu­te Bun­des­an­stalt für ver­ei­ni­gungs­be­ding­te Son­der­auf­ga­ben) wegen des Ver­kaufs zwei­er DDR-Ver­la­ge abge­wie­sen. Die Treu­hand­an­stalt ver­kauf­te 1991 der GmbH des Klä­gers und wei­te­ren Per­so­nen die Geschäfts­an­tei­le an zwei Ver­la­gen aus der ehe­ma­li­gen DDR. Wegen Unstim­mig­kei­ten unter den Ver­trags­par­tei­en kam es 1992 zum Abschluss eines sog. Ver­gleichs­ver­tra­ges. Grund­la­ge des Anteils­kaufs war die Annah­me, dass die bei­den Ver­la­ge auf die Treu­hand­an­stalt über­ge­gan­gen waren, weil sie nach dem Treu­hand­ge­setz (Treu­hG) 1990 aus volks­ei­ge­nen Betrie­ben in Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten "im Auf­bau" umge­wan­delt wor­den waren. Wegen der – aus Sicht des Klä­gers – unsi­che­ren Eigen­tums­la­ge kauf­te er sodann 1995 die Geschäfts­an­tei­le an einem der bei­den Ver­la­ge auch vom Rechts­nach­fol­ger der­je­ni­gen Orga­ni­sa­ti­on, wel­che jeden­falls bis 1955 Eigen­tü­mer die­ses Ver­la­ges gewe­sen war und gel­tend mach­te, das Eigen­tum nicht ver­lo­ren zu haben.

Der Klä­ger stützt sei­ne Scha­den­er­satz­an­sprü­che dar­auf, dass die Treu­hand­an­stalt die von ihr geschlos­se­nen Ver­trä­ge nie habe erfül­len kön­nen. Denn sie sei zu kei­ner Zeit Eigen­tü­me­rin der ver­kauf­ten Ver­la­ge gewe­sen und habe dem­zu­fol­ge nicht recht­lich wirk­sam über die Geschäfts­an­tei­le und das Ver­mö­gen der Ver­la­ge ver­fü­gen kön­nen. An dem einen Ver­lag hät­ten die durch das NS-Régime ver­folg­ten Gesell­schaf­ter, wel­che 1936 den Ver­lag hät­ten zwangs­ver­kau­fen müs­sen, ihr Eigen­tum nie­mals ver­lo­ren. Jeden­falls hät­ten bei­de Ver­la­ge 1990 nicht in Volks­ei­gen­tum gestan­den, son­dern es habe sich um sog. Orga­ni­sa­ti­ons­ei­gen­tum gehan­delt. Nur bei Volks­ei­gen­tum sei aber das Treu­hG anwend­bar und die Treu­hand­an­stalt berech­tigt gewe­sen, über die Ver­la­ge zu ver­fü­gen. Dass es sich nicht um Volks­ei­gen­tum gehan­delt habe, wel­ches auf die Treu­hand­an­stalt habe über­ge­hen kön­nen, lei­tet der Klä­ger aus einer his­to­ri­schen Betrach­tung der recht­li­chen und tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se der bei­den Ver­la­ge ab. Die mit der Treu­hand­an­stalt geschlos­se­nen Ver­trä­ge hält der Klä­ger für nich­tig und hat sie über­dies wegen arg­lis­ti­ger Täu­schung ange­foch­ten. Er meint, die Treu­hand­an­stalt habe ihm gegen­über bestehen­de Auf­klä­rungs­pflich­ten ver­letzt, was sie zu Scha­den­er­satz ver­pflich­te. Dar­über hin­aus for­dert er die Fest­stel­lung, dass die Treu­hand­an­stalt ver­pflich­tet sei, den Scha­den zu erset­zen, der dar­aus fol­ge, dass Ver­lags- und sons­ti­ge Ver­mö­gens­wer­te des einen der Ver­la­ge unbe­fugt genutzt wor­den sei­en. Das Land­ge­richt 1 hat die Kla­ge abge­wie­sen. Hier­ge­gen rich­tet sich die Beru­fung des Klä­gers.

Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt a.M. kön­ne die vom Klä­ger begehr­te Fest­stel­lung der Scha­den­er­satz­pflicht bereits des­halb nicht getrof­fen wer­den, weil das Gericht nicht mit dem erfor­der­li­chen Grad an Gewiss­heit die Über­zeu­gung gewin­nen konn­te, dass die Treu­hand­an­stalt etwas ver­kauft habe, was ihr nicht gehö­re, also die Annah­me des Klä­gers gerecht­fer­tigt sei, dass die bei­den Ver­la­ge nicht nach den Vor­schrif­ten des Treu­hG in die Rechts­trä­ger­schaft der Treu­hand­an­stalt über­ge­gan­gen sei­en. Auf­grund der unüber­sicht­li­chen recht­li­chen und tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se in der Zeit ab 1962 kön­ne nicht mit der erfor­der­li­chen Sicher­heit aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die bei­den Ver­la­ge im Jah­re 1990 volks­ei­ge­ne Betrie­be (VEB) waren und damit ihr Ver­mö­gen auf die Treu­hand­an­stalt über­ge­gan­gen sei. Der Zwangs­ver­kauf des einen Ver­la­ges 1936 blei­be in die­sem recht­li­chen Zusam­men­hang ohne Bedeu­tung. Aus frü­he­ren Ent­schei­dun­gen auch des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main kön­ne der Klä­ger nichts für sei­ne Rechts­po­si­ti­on Güns­ti­ges her­lei­ten. Für das Bestehen der von ihm gel­tend gemach­ten Scha­den­er­satz­an­sprü­che tra­ge aber der Klä­ger die Dar­le­gungs- und Beweis­last. Die ver­blei­ben­den Zwei­fel gin­gen daher zu sei­nen Las­ten.

Die vom Klä­ger gel­tend gemach­ten Scha­den­er­satz­an­sprü­che sei­en auch aus wei­te­ren Grün­den nicht gege­ben. Selbst wenn man statt des zuvor dar­ge­stell­ten Ergeb­nis­ses der Beweis­wür­di­gung zuguns­ten des Klä­gers unter­stel­len wür­de, dass die Treu­hand­an­stalt nicht Rechts­trä­ge­rin der bei­den Ver­la­ge gewor­den sei, stün­den dem Klä­ger Scha­den­er­satz­an­sprü­che nicht zu. Sol­che Scha­den­er­satz­an­sprü­che bestün­den weder wegen einer Nich­tig­keit der Ver­trä­ge noch wegen Ver­let­zung vor- oder nach­ver­trag­li­cher Auf­klä­rungs­pflich­ten durch die Treu­hand­an­stalt, eben­so wenig auf­grund der vom Klä­ger erklär­ten Anfech­tung der Ver­trä­ge, wegen einer vom Klä­ger behaup­te­ten vor­sätz­li­chen sit­ten­wid­ri­gen Schä­di­gung sei­tens der Treu­hand­an­stalt oder auf­grund einer die­ser vor­zu­wer­fen­den Amts­pflicht­ver­let­zung.

Auch die gefor­der­te Fest­stel­lung, dass die Treu­hand­an­stalt Ersatz für unbe­rech­tig­te Nut­zun­gen von Ver­lags- und sons­ti­gen Ver­mö­gens­wer­ten des einen Ver­la­ges zu leis­ten habe, schei­te­re dar­an, dass das Gericht sich nicht mit der gebo­te­nen Gewiss­heit die Über­zeu­gung habe bil­den kön­nen, dass die Treu­hand­an­stalt nicht die allei­ni­ge Inha­be­rin sämt­li­cher Geschäfts­an­tei­le des Ver­la­ges gewor­den war.

Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt a.M., Urteil vom 30. Juni 2014 – 1 U 253/​11

  1. LG Frank­furt am Main, Urteil vom 07.10.2011 – 2 – 04 O 605/​09[]