Her­aus­ga­be­kla­ge mit Frist­be­stim­mung – Beschwer und Streit­wert

Die Rechts­mit­tel­be­schwer der Par­tei, die mit ihren auf Her­aus­ga­be sowie auf Scha­dens­er­satz für den Fall des frucht­lo­sen Frist­ab­laufs gerich­te­ten Kla­ge­an­trä­gen ins­ge­samt unter­le­gen ist, bemisst sich nach dem Antrag mit dem höhe­ren Wert; das­sel­be gilt in ana­lo­ger Anwen­dung von § 45 Abs. 1 Satz 3 GKG für die Bemes­sung des Streit­werts.

Her­aus­ga­be­kla­ge mit Frist­be­stim­mung – Beschwer und Streit­wert

Die­se grund­sätz­li­che Rechts­fra­ge, wie die Beschwer zu bemes­sen ist, stellt sich, wenn der (nur) für den Fall des frucht­lo­sen Frist­ab­laufs gel­tend gemach­te Scha­dens­er­satz­an­spruch höher zu bewer­ten ist als der in ers­ter Linie ver­folg­te Her­aus­ga­be­an­trag.

Im Aus­gangs­punkt bemisst sich die Beschwer nach dem Inter­es­se des Beru­fungs­klä­gers an der Abän­de­rung des ange­foch­te­nen Urteils, das unter wirt­schaft­li­chen Gesichts­punk­ten zu bewer­ten ist. Dabei ist allein auf die Per­son des Rechts­mit­tel­füh­rers, sei­ne Beschwer und sein Ände­rungs­in­ter­es­se abzu­stel­len 1.

Bezo­gen auf den Streit­wert ist umstrit­ten, wie das (auch inso­weit maß­geb­li­che) Inter­es­se des Klä­gers in sol­chen Fall­kon­stel­la­tio­nen zu bemes­sen ist. Teils wird ver­tre­ten, die Anträ­ge sei­en gemäß § 5 ZPO zu addie­ren 2. Nach ande­rer Ansicht sind sie wirt­schaft­lich iden­tisch, so dass der Streit­wert gemäß § 45 Abs. 1 Satz 3 GKG nach dem höhe­ren Scha­dens­er­satz­an­spruch zu bestim­men sei 3. Nach einer wei­te­ren Auf­fas­sung soll allein der Her­aus­ga­be­an­trag maß­geb­lich sein 4.

)) Rich­ti­ger­wei­se bemisst sich die Rechts­mit­tel­be­schwer der Par­tei, die mit ihren auf Her­aus­ga­be sowie auf Scha­dens­er­satz für den Fall des frucht­lo­sen Frist­ab­laufs gerich­te­ten Kla­ge­an­trä­gen – wie hier – ins­ge­samt unter­le­gen ist, nach dem Antrag mit dem höhe­ren Wert; wie die Beschwer im Ver­fah­ren nach § 510b ZPO zu beur­tei­len ist, bedarf kei­ner Ent­schei­dung.

Einer­seits erfolgt kei­ne Zusam­men­rech­nung gemäß § 5 ZPO, da die Anträ­ge wirt­schaft­lich iden­tisch sind. Dies folgt aus dem Umstand, dass der Beklag­te ent­we­der die Sache her­aus­ge­ben oder nach frucht­lo­sem Frist­ab­lauf Scha­dens­er­satz leis­ten, nicht aber bei­den Begeh­ren nach­kom­men muss 5; dem Antrag auf Frist­set­zung kommt ohne­hin kein eigen­stän­di­ger Wert zu.

Ande­rer­seits ist es nicht rich­tig, allein auf den Her­aus­ga­be­an­trag abzu­stel­len, wenn der im Wege der ech­ten Kla­ge­häu­fung (§ 260 ZPO) gel­tend gemach­te, auf Scha­dens­er­satz gerich­te­te Antrag einen höhe­ren Wert hat. Hier­zu kommt es näm­lich nur dann, wenn zusätz­li­che Scha­dens­po­si­tio­nen ersetzt wer­den sol­len, die über den Wert­er­satz hin­aus­ge­hen, den Wert des Her­aus­ga­be­an­trags also nicht erhö­hen. Sol­che Scha­dens­po­si­tio­nen begrün­den ein eigen­stän­di­ges wirt­schaft­li­ches Inter­es­se des Beru­fungs­klä­gers an der Abän­de­rung des ange­foch­te­nen Urteils. Dies zeigt sich hier anschau­lich: wird die Kla­ge abge­wie­sen, erhält die Klä­ge­rin nicht den Schlüs­sel und muss des­halb – die Rich­tig­keit ihres Vor­trags unter­stellt – die Schließ­an­la­ge auf eige­ne Kos­ten erneu­ern. Also bemisst sich ihr wirt­schaft­li­ches Inter­es­se an der Abän­de­rung des kla­ge­ab­wei­sen­den Urteils nach dem Wert der Schließ­an­la­ge. Die­sen (eigen­stän­di­gen) Fol­ge­scha­den kann sie nicht mehr erneut ein­kla­gen, wenn die Kla­ge mit allen Anträ­gen rechts­kräf­tig abge­wie­sen wor­den ist. Umge­kehrt bestimmt der höhe­re Zah­lungs­an­trag auch die Beschwer des in vol­len Umfang unter­le­ge­nen Beklag­ten. Will er mit der Beru­fung die Abwei­sung der Kla­ge errei­chen, wen­det er sich nicht nur gegen die Her­aus­ga­be­pflicht, son­dern zugleich dage­gen, dass er bei einer nicht frist­ge­rech­ten Her­aus­ga­be Scha­dens­er­satz zah­len muss. Sofern der Her­aus­ga­be­an­trag Erfolg hat und der Zah­lungs­an­trag abge­wie­sen wird, bestimmt sich die Beschwer des Klä­gers eben­falls nach dem gesam­ten Zah­lungs­an­trag; das gilt auch für den Beklag­ten, der sich nur gegen die beding­te Ver­ur­tei­lung zur Zah­lung von Scha­dens­er­satz wen­det und die Ver­ur­tei­lung zur Her­aus­ga­be hin­nimmt.

Der Gegen­stands­wert des Rechts­be­schwer­de­ver­fah­rens ist in ana­lo­ger Anwen­dung von § 45 Abs. 1 Satz 3 GKG anhand des höhe­ren Zah­lungs­an­trags zu bemes­sen.

Aller­dings wird ver­tre­ten, dass der Gebüh­ren­streit­wert wegen der Aus­wir­kun­gen auf die Kos­ten­ent­schei­dung allein nach dem Her­aus­ga­be­an­spruch zu bemes­sen sei. Da dem Beklag­ten bei einem Obsie­gen des Klä­gers die Kos­ten auf­er­legt wer­den müss­ten, sei es unge­recht­fer­tigt, die­se nach dem höhe­ren Scha­dens­er­satz­an­spruch zu bemes­sen, wenn die Sache frist­ge­recht her­aus­ge­ge­ben wer­de 6. Die­se Argu­men­te hält der Bun­des­ge­richts­hof nicht für stich­hal­tig. Rich­tig ist zwar, dass der höhe­re Zah­lungs­an­trag die Kos­ten des unter­le­ge­nen Beklag­ten auch dann erhöht, wenn die­ser die Sache frist­ge­recht her­aus­gibt. Die­ses Risi­ko hat er aber in Kauf genom­men, indem er Anlass zur Kla­ge gege­ben hat; es rea­li­siert sich nur dann, wenn er einem berech­tig­ten Her­aus­ga­be­ver­lan­gen vor­pro­zes­su­al nicht nach­ge­kom­men ist 7.

Maß­geb­lich ist in ana­lo­ger Anwen­dung von § 45 Abs. 1 Satz 3 GKG der höhe­re Zah­lungs­an­trag. Die­ser stellt zwar kei­nen Hilfs­an­trag im Sin­ne die­ser Norm dar, da es Ziel der Kla­ge ist, dass sämt­li­che Anträ­ge neben­ein­an­der Erfolg haben. Es besteht aber eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke. Denn der Zah­lungs­an­trag hat gegen­über dem Her­aus­ga­be­an­trag inso­fern eine unter­ge­ord­ne­te Funk­ti­on, als er unter der Bedin­gung steht, dass die Her­aus­ga­be nicht frist­ge­recht erfolgt. Aus dem­sel­ben Grund besteht kei­ne „wirt­schaft­li­che Wert­häu­fung” 8. Hat nur der Her­aus­ga­be­an­spruch Erfolg, muss die Kos­ten­quo­te daher nach einem fik­ti­ven Streit­wert, der sich aus der Zusam­men­rech­nung der Anträ­ge ergibt, gebil­det wer­den 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Sep­tem­ber 2017 – V ZB 63/​16

  1. st. Rspr., vgl. nur BGH, Beschluss vom 09.02.2012 – V ZB 211/​11, NZM 2012, 838 Rn. 4 mwN
  2. so HK-ZPO/­Sa­en­ger, 7. Aufl., § 255 Rn. 8; wohl auch Zöller/​Greger, ZPO, 31. Aufl., § 255 Rn. 5 aE
  3. OLG Jena, OLGR 1999, 100; LG Köln, MDR 1984, 501; Beck­OK ZPO/​Bacher, 25. Edi­ti­on, § 255 Rn.20; Münch­Komm-ZPO/­Be­cker-Eber­hard, 5. Aufl., § 255 Rn. 15; Münch­Komm-ZPO/­Dep­penk­em­per, 5. Aufl., § 510b Rn. 27; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 75. Aufl., Anh. § 3 Rn. 68; Wieczorek/​Schütze/​Reuschle, ZPO, 4. Aufl., § 510b Rn. 21 f.
  4. E. Schnei­der, MDR 1984, 853, 854; so ins­be­son­de­re die über­wie­gen­de Ansicht zu § 510b ZPO, vgl. Zöller/​Herget, ZPO, 31. Aufl., § 510b Rn. 9; Wittschier in: Musielak/​Voit, ZPO, 14. Aufl., § 510b Rn. 3; PG/​Schelp, ZPO, 7. Aufl., § 510b Rn. 4; HK-ZPO/Pu­kall, 7. Aufl., § 510b Rn. 7; Stein/​Jonas/​Berger, ZPO, 23. Aufl., § 510b Rn. 7; anders ders. aber offen­bar für die Beschwer, aaO Rn. 8
  5. vgl. Beck­OK ZPO/​Touissant, 25. Edi­ti­on, § 510b Rn.09.2; Münch­Komm-ZPO/Wöst­mann, 5. Aufl., § 5 Rn. 4; sie­he auch Stein/​Jonas/​Roth, ZPO, 23. Aufl., § 5 Rn. 34
  6. vgl. E. Schnei­der, MDR 1984, 853, 854
  7. so zutref­fend Münch­Komm-ZPO/­Dep­penk­em­per, 5. Aufl., § 510b Rn. 27
  8. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 29.01.1987 – V ZR 136/​86, NJW-RR 1987, 1148
  9. vgl. dazu Zöller/​Herget, 31. Aufl., § 92 Rn. 11
  10. LK/​Rönnau, 12. Aufl., Vor § 32 Rn. 121