Her­aus­ga­be­kla­ge – und das für die Leis­tungs­kla­ge feh­len­de Rechts­schutz­be­dürf­nis

Das Recht­schutz­be­dürf­nis für die Erhe­bung einer Leis­tungs­kla­ge ergibt sich regel­mä­ßig bereits dar­aus, dass ein behaup­te­ter mate­ri­el­ler Anspruch, des­sen Exis­tenz für die Prü­fung des Inter­es­ses an sei­ner gericht­li­chen Durch­set­zung zu unter­stel­len ist, nicht erfüllt ist 1.

Her­aus­ga­be­kla­ge – und das für die Leis­tungs­kla­ge feh­len­de Rechts­schutz­be­dürf­nis

Einer Kla­ge kann jedoch auch dann, wenn der behaup­te­te Anspruch noch nicht erfüllt sein soll­te, aus­nahms­wei­se das Rechts­schutz­be­dürf­nis feh­len, wenn der Klä­ger die Gerich­te als Teil der Staats­ge­walt "unnütz bemüht" 2; denn das Erfor­der­nis des Rechts­schutz­be­dürf­nis­ses soll ver­hin­dern, dass Kla­ge­be­geh­ren in das Sta­di­um der Begründ­etheits­prü­fung gelan­gen, die ersicht­lich des Rechts­schut­zes nicht bedür­fen 3.

So liegt es im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall hin­sicht­lich des gel­tend gemach­ten Her­aus­ga­be­an­spruchs.

Die Beklag­te (die ehe­ma­li­ge Ver­mie­te­rin) hat ihre Ver­pflich­tung auf Her­aus­ga­be der von ihr aus dem Ver­mie­ter­pfand­recht frei­ge­ge­be­nen Gegen­stän­de zu kei­ner Zeit in Abre­de gestellt. Viel­mehr befin­den sich die Klä­ger (die ehe­ma­li­gen Mie­ter) seit inzwi­schen meh­re­ren Jah­ren im Ver­zug der Annah­me der von der Beklag­ten am Ort der Inbe­sitz­nah­me (ehe­ma­li­ge Miet­woh­nung) bereit gestell­ten Gegen­stän­de. Unter die­sen Umstän­den kann den Klä­gern eine Titu­lie­rung des Her­aus­ga­be­an­spruchs nicht mehr an recht­li­chen Mög­lich­kei­ten ver­schaf­fen, als sie sie auch ohne Titel seit lan­ger Zeit haben. Die Klä­ger hät­ten die bereit gestell­ten Gegen­stän­de bereits seit Jah­ren nach Vor­ankün­di­gung in ihrer ehe­ma­li­gen Miet­woh­nung abho­len kön­nen. Einer über die Bereit­stel­lung der Gegen­stän­de hin­aus gehen­den wei­te­ren Hand­lung der Beklag­ten, die auf­grund eines Her­aus­ga­be­ti­tels voll­streckt wer­den könn­te, bedarf es nicht. Eine Titu­lie­rung des Her­aus­ga­be­an­spruchs stellt sich unter die­sen Umstän­den als objek­tiv sinn­los dar.

Das Rechts­schutz­be­dürf­nis ist auch nicht etwa des­halb gege­ben, weil zwi­schen den Par­tei­en über Fra­gen des mate­ri­el­len Rechts (hier: die Fra­ge eines zunächst bestehen­den Ver­mie­ter­pfand­rechts) unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen bestehen.

So ver­steht es sich von selbst, dass das an ein­zel­nen Gegen­stän­den bestehen­de Pfand­recht von dem Pfand­gläu­bi­ger hin­sicht­lich ein­zel­ner bezeich­ne­ter Gegen­stän­de wie­der auf­ge­ge­ben wer­den kann mit der Fol­ge, dass (ledig­lich) an die­sen frei­ge­ge­be­nen Gegen­stän­den ein Her­aus­ga­be­an­spruch besteht. Mit der Fra­ge der Berech­ti­gung zu Teil­leis­tun­gen hat dies offen­sicht­lich nichts zu tun.

Eben­so wenig ist die zwi­schen den Par­tei­en strei­ti­ge Fra­ge, ob die sich aus § 985 BGB erge­ben­de Leis­tungs­pflicht der Beklag­ten eine Hol­schuld oder eine Bring­schuld sei, für den Her­aus­ga­be­an­spruch, des­sen Titu­lie­rung begehrt wird, von Bedeu­tung. Bei nähe­rer Betrach­tung strei­ten die Par­tei­en nicht um die­se Begrif­fe und die damit ver­bun­de­nen Inhal­te, son­dern dar­um, wer die für die Abho­lung der frei­ge­ge­be­nen Gegen­stän­de erfor­der­li­chen Kos­ten tra­gen muss. Die Klä­ger haben hier­zu in den Instan­zen die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Beklag­te habe die­se Kos­ten zu tra­gen, da sie der Mit­nah­me der Gegen­stän­de bei Aus­zug der Klä­ger wider­spro­chen und in Ver­ken­nung der Sach- und Rechts­la­ge ihr Ver­mie­ter­pfand­recht zu Unrecht aus­ge­übt habe. Die Klä­ger mei­nen damit offen­bar, die Beklag­te sei ihnen durch die (behaup­tet unrecht­mä­ßi­ge) Pfän­dung zum Ersatz des in den Trans­port­kos­ten bestehen­den Scha­dens ver­pflich­tet. Ein Scha­dens­er­satz­an­spruch ist indes nicht Streit­ge­gen­stand die­ses Rechts­streits. Im Rah­men des Vin­di­ka­ti­ons­pro­zes­ses wird aus­schließ­lich die Fra­ge geklärt, ob den Klä­gern ein Her­aus­ga­be­an­spruch zusteht. Letz­te­res hat die Beklag­te nie in Abre­de gestellt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. Juni 2014 – VIII ZR 4/​13

  1. BGH, Urtei­le vom 10.11.2010 – XII ZR 37/​09, NJW 2011, 70 Rn.19; vom 30.09.2009 – VIII ZR 238/​08, NJW 2010, 1135 Rn. 7; vom 24.02.2005 – I ZR 101/​02, NJW 2005, 1788 unter – III 2 a; jeweils mwN[]
  2. BGH, Urtei­le vom 18.06.1970 – X ZB 2/​70, BGHZ 54, 181, 184; vom 14.03.1978 – VI ZR 68/​76, NJW 1978, 2031 unter – II 2[]
  3. BGH, Urteil vom 24.02.2005 – I ZR 101/​02, aaO[]