Hin­weis­pflich­ten des Beru­fungs­ge­richts

Ein Beru­fungs­ge­richt muss grund­sätz­lich kei­nen Hin­weis dar­auf ertei­len, dass es von der Auf­fas­sung des erst­in­stanz­li­chen Gerichts abwei­chen will, wenn die dem ange­foch­te­nen Urteil zugrun­de lie­gen­de Auf­fas­sung des erst­in­stanz­li­chen Gerichts als zen­tra­ler Streit­punkt zur Über­prü­fung durch das Beru­fungs­ge­richt gestellt wird und die betrof­fe­ne Par­tei des­halb von der Ent­schei­dung des Beru­fungs­ge­richts nicht über­rascht wird.

Hin­weis­pflich­ten des Beru­fungs­ge­richts

Aller­dings darf eine Par­tei dar­auf ver­trau­en, dass ein Beru­fungs­ge­richt kei­ne Über­ra­schungs­ent­schei­dung trifft. Das Beru­fungs­ge­richt muss daher eine in ers­ter Instanz sieg­rei­che Par­tei dar­auf hin­wei­sen, wenn es der Beur­tei­lung der Vor­in­stanz nicht fol­gen will und auf­grund sei­ner abwei­chen­den Ansicht eine Ergän­zung des Vor­brin­gens oder einen Beweis­an­tritt für erfor­der­lich hält 1. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen regel­mä­ßig nicht vor, wenn eine Par­tei in ers­ter Instanz obsiegt hat, die dem zugrun­de lie­gen­de Auf­fas­sung des erst­in­stanz­li­chen Gerichts als zen­tra­ler Streit­punkt zur Über­prü­fung durch das Beru­fungs­ge­richt gestellt wird, und das Beru­fungs­ge­richt sich sodann der Auf­fas­sung des Beru­fungs­klä­gers anschließt.

Denn in die­sem Fall, muss die in ers­ter Instanz erfolg­rei­che Par­tei von vorn­her­ein damit rech­nen, dass das Beru­fungs­ge­richt ande­rer Auf­fas­sung ist; sei­ne dem­entspre­chen­de Ent­schei­dung kann im Grund­satz nicht über­ra­schend sein. Das Beru­fungs­ge­richt hat regel­mä­ßig kei­nen Anlass zu der Annah­me, trotz der in der Beru­fung zen­tral geführ­ten Aus­ein­an­der­set­zung über den Streit­punkt bestehe noch Auf­klä­rungs­be­darf und müs­se der Par­tei Gele­gen­heit zu wei­te­rem Vor­trag und Beweis­an­tritt gege­ben wer­den 2. Etwas ande­res kann nicht der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 28. Sep­tem­ber 2008 3 ent­nom­men wer­den. In dem die­ser Ent­schei­dung zugrun­de lie­gen­den Fall war die Hin­weis­pflicht des­halb ver­letzt, weil die unter­le­ge­ne Par­tei trotz des in bei­den Instan­zen geführ­ten Strei­tes über die Prüf­bar­keit einer Schluss­rech­nung nicht hat erken­nen kön­nen, wel­che Anfor­de­run­gen das Gericht letzt­lich an die Prüf­bar­keit stell­te, und das Gericht auf den des­halb zutref­fend erteil­ten Hin­weis die münd­li­che Ver­hand­lung sofort geschlos­sen und deren Wie­der­eröff­nung ver­fah­rens­wid­rig abge­lehnt hat­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. August 2010 – VII ZR 113/​09

  1. BGH, Beschluss vom 15.03.2006 – IV ZR 32/​05, NJW-RR 2006, 937; Urteil vom 16.05.2002 – VII ZR 197/​01, BauR 2002, 1432 = ZfBR 2002, 678; Urteil vom 27.04.1994 – XII ZR 16/​93, WM 1994, 1823, 1824[]
  2. vgl. auch BGH, Urteil vom 21.10.2005 – V ZR 169/​04, NJW-RR 2006, 235; Beschluss vom 20.12.2007 – IX ZR 207/​05, NJW-RR 2008, 581[]
  3. BGH, Beschluss vom 28.09.2008 – VII ZR 103/​05, BauR 2007, 110, 111[]