Höchstbetragsbürgschaften und die krasse finanzielle Überforderung des Bürgen

Bei Höchstbetragsbürgschaften, bei denen sich die Haftung für Nebenforderungen lediglich nach der Bürgschaftssumme und nicht nach der höheren Hauptschuld richtet, ist Maßstab der krassen finanziellen Überforderung des dem Hauptschuldner persönlich besonders nahe stehenden Bürgen die vertragliche Zinslast aus der Bürgschaftssumme und nicht aus der höheren Hauptschuld1.

Höchstbetragsbürgschaften und die krasse finanzielle Überforderung des Bürgen

Nach gefestigter Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs liegt eine krasse finanzielle Überforderung eines Bürgen bei nicht ganz geringen Bankschulden grundsätzlich vor, wenn der Bürge voraussichtlich nicht einmal die von den Darlehensvertragsparteien festgelegte Zinslast aus dem pfändbaren Teil seines laufenden Einkommens und Vermögens bei Eintritt des Sicherungsfalles dauerhaft allein tragen kann oder – anders gewendet – wenn eine auf den Zeitpunkt der Abgabe der Bürgschaftserklärung bezogene Prognose ergibt, dass der Bürge allein voraussichtlich nicht in der Lage sein wird, auf Dauer die laufenden Zinsen der gesicherten Forderung mit Hilfe des pfändbaren Teils seines Einkommens und Vermögens aufzubringen.

In diesem Fall ist nach der allgemeinen Lebenserfahrung ohne Hinzutreten weiterer Umstände widerleglich zu vermuten, dass der dem Hauptschuldner persönlich besonders nahe stehende Bürge die ihn vielleicht bis an das Lebensende übermäßig finanziell belastende Personalsicherheit allein aus emotionaler Verbundenheit mit dem Hauptschuldner gestellt und der Kreditgeber dies in sittlich anstößiger Weise ausgenutzt hat2.

Diese Grundsätze gelten bei Höchstbetragsbürgschaften allerdings mit der Einschränkung, dass sich die krasse finanzielle Überforderung aus dem Verhältnis des pfändbaren Teils des laufenden Einkommens zur Zinslast nur aus der Bürgschaftssumme und nicht aus der gesamten Hauptschuld ergeben muss. Der Bundesgerichtshof hat die Frage, ob insoweit auf die Zinslast nur aus der Bürgschaftssumme oder aber aus einer je nach Einzelfall höheren Hauptschuld abzustellen ist, bislang nicht ausdrücklich entscheiden müssen, weil sie in den von ihm zu beurteilenden Sachverhalten – anders als hier – nicht entscheidungserheblich war3. Sie ist im ersten Sinne zu beantworten4.

Die auch absolut auf den Höchstbetrag begrenzte5 Haftung für Nebenforderungen richtet sich nach der Bürgschaftssumme und nicht nach der höheren Hauptschuld. Eine andere als diese Auslegung ist mit dem Sinn der Höchstbetragsbürgschaft, die das Risiko für den Bürgen in überschaubaren Grenzen halten soll, und damit mit den wohlverstandenen Interessen beider Parteien nicht zu vereinbaren. Der Bürge hat bei Übernahme einer Höchstbetragsbürgschaft die berechtigte Erwartung, dass sich nicht nur seine Haftung für die Hauptforderung, sondern auch seine Haftung für die Nebenforderungen wie insbesondere für Zinsen nach der Bürgschaftssumme und nicht nach der möglicherweise wesentlich höheren Hauptschuld richtet. Dem stehen schutzwürdige Interessen des Gläubigers nicht entgegen.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 19. Februar 2013 – XI ZR 82/11

  1. Fortführung von BGH, Urteile vom 14.05.2002 – XI ZR 50/01, BGHZ 151, 34, 38; vom 28.05.2002 – XI ZR 199/01, WM 2002, 1647, 1648; vom 03.12.2002 – XI ZR 311/01, BKR 2003, 157, 158; vom 25.01.2005 – XI ZR 28/04, WM 2005, 421, 422 f.; und vom 24.11.2009 – XI ZR 332/08, WM 2010, 32 Rn. 13[]
  2. BGH, Urteile vom 14.10.2003 – XI ZR 121/02, BGHZ 156, 302, 306, vom 28.05.2002 – XI ZR 205/01, WM 2002, 1649, 1651, vom 25.04.2006 – XI ZR 330/05, FamRZ 2006, 1024, 1025, vom 16.06.2009 – XI ZR 539/07, WM 2009, 1460 Rn. 18 und vom 24.11.2009 – XI ZR 332/08, WM 2010, 32 Rn. 11 mwN[]
  3. BGH, Urteile vom 14.05.2002 – XI ZR 50/01, BGHZ 151, 34, 38, vom 28.05.2002 – XI ZR 199/01, WM 2002, 1647, 1648, vom 03.12.2002 – XI ZR 311/01, BKR 2003, 157, 158, vom 25.01.2005 – XI ZR 28/04, WM 2005, 421, 422 f. und vom 24.11.2009 – XI ZR 332/08, WM 2010, 32 Rn. 13[]
  4. so ohne weitere Begründung auch Nobbe in Schimansky/Bunte/Lwowski, BankrechtsHandbuch, 4. Aufl., § 91 Rn. 93; Nobbe, Kommentar zum Kreditrecht, 2. Aufl., § 765 Rn. 82; Staudinger/Horn, BGB, Neubearb.2013, § 765 Rn. 41[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 18.07.2002 – IX ZR 294/00, BGHZ 151, 374, 383[]