In der irri­gen Annah­me, die Frist sei noch nicht abge­lau­fen

Ein still­schwei­gen­der Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand kann dann nicht ange­nom­men wer­den, wenn die frist­ge­bun­de­ne Pro­zess­hand­lung in der irri­gen Annah­me erbracht wird, die Frist sei noch nicht abge­lau­fen.

In der irri­gen Annah­me, die Frist sei noch nicht abge­lau­fen

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall ist für den BGH ent­schei­dend, dass der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin jeden­falls die notier­te Frist auf ihre Rich­tig­keit nicht über­prüft hat, als ihm die Akte im Hin­blick auf den bevor­ste­hen­den Ablauf der notier­ten Frist vor­ge­legt wor­den ist. Dabei kann offen blei­ben, ob nach der Büro­or­ga­ni­sa­ti­on – wie es einer sorg­fäl­ti­gen Fris­ten­kon­trol­le ent­spricht – eine Vor­frist notiert wor­den ist. Jeden­falls hat der Anwalt infol­ge der unter­las­se­nen Prü­fung der Frist nicht bemerkt, dass zwar die Frist zur Ein­le­gung der Beru­fung erst am Mon­tag, dem 16.05.2011, die Frist zur Beru­fungs­be­grün­dung gemäß § 520 Abs. 2 Satz 1 ZPO jedoch am Mitt­woch, dem 15.06.2011, abge­lau­fen ist. Er hat in der Fol­ge auch nicht den Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand inner­halb der Monats­frist gemäß § 234 Abs. 1 Satz 2 ZPO bis Mon­tag, den 18.07.2011, gestellt.

Die Frist­ver­säum­nis beruht allein auf dem Ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin, auch wenn das Beru­fungs­ge­richt mit der Gewäh­rung der bean­trag­ten Ver­län­ge­rung den Anschein erweckt hat, der Rechts­streit wer­de dem­nächst mate­ri­ell­recht­lich ent­schie­den. Selbst wenn anzu­neh­men wäre, dass ein Wie­der­ein­set­zungs­an­trag auch still­schwei­gend gestellt wer­den kann, las­sen sich im vor­lie­gen­den Fall weder die Gesu­che des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin um Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist noch die Ein­rei­chung der Beru­fungs­be­grün­dung als still­schwei­gen­de Anträ­ge auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gegen die Ver­säu­mung der Begrün­dungs­frist ver­ste­hen. Ein still­schwei­gen­der Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand kann dann nicht ange­nom­men wer­den, wenn die frist­ge­bun­de­ne Pro­zess­hand­lung in der irri­gen Annah­me erbracht wird, die Frist sei noch nicht abge­lau­fen 1. So liegt der Fall hier. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin ging irri­ger­wei­se davon aus, dass die bei Stel­lung des Antrags auf Frist­ver­län­ge­rung am 16.06.2011 bereits abge­lau­fe­ne Beru­fungs­be­grün­dungs­frist noch lau­fe. Er begehr­te des­halb gera­de nicht die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Juni 2012 – VI ZB 76/​11

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 24.09.1952 – III ZB 13/​52, BGHZ 7, 194, 197 f.[]