Insol­venz­an­fech­tung und die Abtre­tung des Rück­ge­währ­an­spruchs

Der aus Insol­venz­an­fech­tung fol­gen­de Rück­ge­währ­an­spruch kann abge­tre­ten wer­den.

Insol­venz­an­fech­tung und die Abtre­tung des Rück­ge­währ­an­spruchs

Der insol­venz­recht­li­che Anfech­tungs­an­spruch ist als schuld­recht­li­cher Anspruch auf Rück­füh­rung des anfecht­bar weg­ge­ge­be­nen Ver­mö­gens­ge­gen­stan­des zur Insol­venz­mas­se aus­ge­stal­tet [1]. Gemäß § 143 Abs. 1 InsO ist das­je­ni­ge, was durch eine anfecht­ba­re Hand­lung aus dem Ver­mö­gen des Schuld­ners ver­äu­ßert, weg­ge­ge­ben oder auf­ge­ge­ben ist, zur Insol­venz­mas­se zurück­zu­ge­wäh­ren. Der Anfech­tungs­an­spruch unter­liegt dem Ver­fü­gungs­recht des Insol­venz­ver­wal­ters (§ 80 InsO). Die­ser kann den Anfech­tungs­geg­ner nach den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs in Ver­zug set­zen (§§ 286 ff BGB), die geschul­de­te Leis­tung als Erfül­lung (§ 362 Abs. 1 BGB) oder eine ande­re als die geschul­de­te Leis­tung an Erfül­lungs statt oder erfül­lungs­hal­ber (§ 364 BGB) ent­ge­gen­neh­men, einen Ver- gleich über den Anfech­tungs­an­spruch schlie­ßen [2] oder ihn erlas­sen (§ 397 BGB). Er kann ihn durch Kla­ge oder im Wege der Ein­re­de gel­tend machen oder den Schuld­ner ermäch­ti­gen, ihn als Pro­zesstand­schaf­ter ein­zu­kla­gen [3].

Eine For­de­rung kann von dem Gläu­bi­ger durch Ver­trag mit einem ande­ren auf die­sen über­tra­gen wer­den. Mit dem Abschluss des Ver­tra­ges tritt der neue Gläu­bi­ger an die Stel­le des bis­he­ri­gen Gläu­bi­gers (§ 398 BGB). Ent­ge­gen der Ansicht des Beru­fungs­ge­richts [4] ist die Abtre­tung des Anfech­tungs­an­spruchs nicht gemäß § 399 Halb­satz 1 BGB aus­ge­schlos­sen [5]. Die Rück­ge­währ eines anfecht­bar aus dem Ver­mö­gen des Schuld­ners weg­ge­ge­be­nen Ver­mö­gens­ge­gen­stan­des durch des­sen Über­tra­gung an einen ande­ren Gläu­bi­ger als die Insol­venz­mas­se (vgl. § 143 InsO) kann ohne Ver­än­de­rung des Anspruchs­in­halts erfol­gen.

Die Rück­ge­währ des Ver­mö­gens­ge­gen­stan­des an einen Drit­ten wider­spricht nicht dem Zweck des Anfech­tungs­rechts. Auf­ga­be der Insol­venz­an­fech­tung ist, den Bestand des den Gläu­bi­gern haf­ten­den Schuld­ner­ver­mö­gens dadurch wie­der­her­zu­stel­len, dass bestimm­te Ver­mö­gens­ver­schie­bun­gen rück­gän­gig gemacht wer­den [6]. Die­ser Zweck kann auch dann erreicht wer­den, wenn der Insol­venz­ver­wal­ter nicht den anfecht­bar weg­ge­ge­be­nen Ver­mö­gens­ge­gen­stand zurück­er­hält, son­dern den Rück­ge­währ­an­spruch ver­wer­tet. Vor­aus­set­zung ist nur, dass eine gleich­wer­ti­ge Gegen­leis­tung zur Mas­se gelangt. Die dem Insol­venz­ver­wal­ter oblie­gen­de Ver­wer­tung der Mas­se (§ 159 InsO) kann – etwa dann, wenn die Mas­se die Pro­zess­kos­ten nicht auf­brin­gen kann, die Gläu­bi­ger kei­nen Pro­zess­kos­ten­vor­schuss leis­ten oder der Anfech­tungs­pro­zess schwie­rig und lang­wie­rig zu wer­den ver­spricht – durch die Abtre­tung des Anfech­tungs­an­spruchs sogar erleich­tert und beschleu­nigt wer­den.

Das Reichs­ge­richt [7] hat die Abtre­tung (auch) des­halb für unzu­läs­sig gehal­ten, weil „die Valu­ta der Abtre­tung“, die zur Mas­se zu zah­len­de Gegen­leis­tung also, regel­mä­ßig hin­ter dem Wert des Anspruchs zurück­blei­ben müs­se. Die­ses Argu­ment spricht jedoch nicht gegen eine Abtre­tung schlecht­hin, son­dern nur gegen eine Abtre­tung ohne hin­rei­chen­de Gegen­leis­tung [8]. Der Schutz der Mas­se kann inso­weit durch die all­ge­mei­nen Regeln bewirkt wer­den. Eine Abtre­tung ohne Gegen­leis­tung wird in der Regel insol­venz­zweck­wid­rig und damit nich­tig sein; eine „Ver­schleu­de­rung“ zu einem in Anbe­tracht aller Umstän­de (Kos­ten der Rechts­ver­fol­gung; Pro­zess­ri­si­ko) unan­ge­mes­sen nied­ri­gen Preis eröff­net den Anwen­dungs­be­reich des § 60 InsO.

Die Rech­te des Anfech­tungs­schuld­ners wer­den durch die Abtre­tung nicht beein­träch­tigt. Gemäß § 404 BGB kann er dem neu­en Gläu­bi­ger die­je­ni­gen Ein­wen­dun­gen ent­ge­gen­set­zen, die zur Zeit der Abtre­tung der For­de­rung gegen den bis­he­ri­gen Gläu­bi­ger begrün­det waren. Sei­ne Ansprü­che aus § 144 InsO blei­ben dem Anfech­tungs­geg­ner eben­falls erhal­ten. Er kann sie auch nach der Abtre­tung gegen den Insol­venz­ver­wal­ter gel­tend machen.

Das Anfech­tungs­recht des Insol­venz­ver­wal­ters erlischt mit der vor­be­halt­lo­sen Auf­he­bung oder Ein­stel­lung des Insol­venz­ver­fah­rens (§§ 200, 207 ff, 258 ff InsO) [9]. Ob dies auch nach einer Abtre­tung gilt, wird unter­schied­lich beur­teilt. Teil­wei­se wird ange­nom­men, jeden­falls dann, wenn eine voll­wer­ti­ge Gegen­leis­tung in die Mas­se gelangt sei, erlö­sche das auf den Zes­sio­nar über­ge­gan­ge­ne Anfech­tungs­recht durch die Ver­fah­rens­be­en­di­gung nicht [10]. Nach ande­rer Ansicht ist die Rechts­stel­lung des Abtre­tungs­emp­fän­gers eben­so wie die­je­ni­ge des Insol­venz­ver­wal­ters an die Dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens geknüpft [11].

Im vor­lie­gen­den Fall bedarf die­se Fra­ge kei­ner Ent­schei­dung. Es ist weder fest­ge­stellt noch von den Par­tei­en vor­ge­tra­gen wor­den, dass das Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen der Gesell­schaf­te­rin auf­ge­ho­ben wor­den ist. Auch wenn man jedoch grund­sätz­lich an der Vor­aus­set­zung des eröff­ne­ten Insol­venz­ver­fah­rens fest­hal­ten möch­te, spricht dies nicht ent­schei­dend gegen die Abtret­bar­keit des Anspruchs aus der Insol­venz­an­fech­tung. Gemäß § 259 Abs. 3 InsO kann der Insol­venz­ver­wal­ter nach rechts­kräf­ti­ger Bestä­ti­gung eines Insol­venz­plans und Auf­he­bung des Ver­fah­rens einen anhän­gi­gen Anfech­tungs­rechts­streit fort­füh­ren, wenn dies im gestal­ten­den Teil des Plans vor­ge­se­hen ist [12]. In ent­spre­chen­der Anwen­dung die­ser Vor­schrift könn­te in einen Insol­venz­plan auf­ge­nom­men wer­den, dass ein von einem Zes­sio­nar geführ­ter Anfech­tungs­pro­zess nach Ver­fah­rens­auf­he­bung fort­ge­setzt wer­den darf. In den ande­ren Fäl­len der Auf­he­bung eines Insol­venz­ver­fah­rens bleibt der Insol­venz­ver­wal­ter dann befugt, anhän­gi­ge (Anfechtungs-)Prozesse fort­zu­set­zen und neue ein­zu­lei­ten, wenn inso­weit eine Nach­trags­ver­tei­lung ange­ord­net wird (§ 203 Abs. 1, 2 InsO) [13]. Eine ent­spre­chen­de Anord­nung könn­te zuguns­ten des Zes­sio­nars getrof­fen wer­den [14].

Die Abtre­tung des Anfech­tungs­an­spruchs steht schließ­lich nicht im Wider­spruch zu § 18 AnfG. Nach § 18 AnfG kön­nen Anfech­tungs­an­sprü­che nach dem Anfech­tungs­ge­setz, die wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens vom Insol­venz­ver­wal­ter gel­tend gemacht wer­den konn­ten, nach der Been­di­gung des Insol­venz­ver­fah­rens von den ein­zel­nen Gläu­bi­gern gel­tend gemacht wer­den. Wird der Anspruch abge­tre­ten, stellt dies jedoch nicht, wie das Beru­fungs­ge­richt meint, eine Ver­fü­gung über auf­schie­bend beding­te Rech­te Drit­ter dar. Wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens ver­drän­gen die Rech­te der Gläu­bi­ger­ge­samt­heit, die vom Ver­wal­ter gel­tend gemacht wer­den, die Ansprü­che ein­zel­ner Gläu­bi­ger nach dem Anfech­tungs­ge­setz. Der Insol­venz­ver­wal­ter hat die Ansprü­che gemäß §§ 129 ff, 143 InsO durch­zu­set­zen. Auf Ansprü­che ein­zel­ner Gläu­bi­ger nach dem Anfech­tungs­ge­setz, die nach Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens von die­sen gel­tend gemacht wer­den könn­ten, kann und darf er hier­bei kei­ne Rück­sicht neh­men. Mit der Rück­ge­währ des frag­li­chen Ver­mö­gens­ge­gen­stan­des zur Insol­venz­mas­se (§ 143 Abs. 1 InsO) erlischt zugleich jeder Ein­zel­an­fech­tungs­an­spruch. Der Insol­venz­ver­wal­ter hat in die­sem Fall über ein eige­nes Recht der Mas­se ver­fügt, nicht über ein frem­des Recht des zur Ein­zel­an­fech­tung berech­tig­ten Gläu­bi­gers. Für die Abtre­tung der Ansprü­che gilt nichts ande­res als für ihre Ein­zie­hung. Wie gezeigt, kann auch durch sie der Wert des anfecht­bar weg­ge­ge­be­nen Ver­mö­gens­ge­gen­stan­des zur Mas­se gezo­gen und für die Befrie­di­gung der Gläu­bi­ger­ge­samt­heit ver­wandt wer­den.

Ob der Gläu­bi­ger­an­fech­tungs­an­spruch bereits mit der Abtre­tung des Insol­venz­an­fech­tungs­an­spruchs erlischt, mit der (vor­be­halts­lo­sen) Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens oder erst mit der Ein­zie­hung des Anspruchs durch den Zes­sio­nar, bedarf im vor­lie­gen­den Fall kei­ner Ent­schei­dung.

Bun­des­ge­richts­hof, Ver­säum­nis­ur­teil vom 17. Febru­ar 2011 – IX ZR 91/​10

  1. BGH, Urteil vom 21.09. 2006 – IX ZR 235/​04, ZIP 2006, 2176 Rn. 10, 14 ff; BT-Drucks. 12/​2443, S. 168 f[]
  2. vgl. hier­zu Kreft, FS K. Schmidt S. 965 mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 19.03.1987 – III ZR 2/​86, BGHZ 100, 217, 218[]
  4. eben­so aber RGZ 30, 71, 76; BGH, Urteil vom 10.02.1982 – VIII ZR 158/​80, BGHZ 83, 102, 105; Jaeger/​Henckel, KO 09. Aufl. § 37 Rn. 83; Kilger/K.Schmidt, Insol­venz­ge­set­ze 17. Aufl. § 36 KO Anm. 2; FKInsO/​Dauernheim, 06. Aufl. § 143 Rn. 33; Häse­mey­er, Insol­venz­recht 04. Aufl. Rn. 21.108 mit Fn. 513; wei­te­re Nach­wei­se der älte­ren Recht­spre­chung und Lite­ra­tur bei Jaeger/​Henckel, InsO § 143 Rn. 101 Fn. 240[]
  5. Jaeger/​Henckel, InsO § 143 Rn. 102; Münch­Komm-InsO/ Kirch­hof, 02. Aufl. § 129 Rn. 214 ff; HK-InsO/K­reft, aaO § 129 Rn. 91; GrafSchlicker/​Huber, InsO 2. Aufl. § 129 Rn. 29; Uhlenbruck/​Hirte, InsO 13. Aufl. § 129 Rn. 18; Jaco­by in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO § 143 Rn. 8; HmbKommInsO/​Rogge, 3. Aufl. § 143 Rn. 92 f; Eckardt, KTS 54 (1993), 585, 608 f.[]
  6. BT-Drucks. 12/​2443, S. 156[]
  7. RGZ 30, 71, 76[]
  8. Jaeger/​Henckel, KO 9. Aufl. § 37 Rn. 83[]
  9. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 02.04.2009 – IX ZB 182/​08, ZIP 2009, 825 Rn. 22[]
  10. Jaeger/​Henckel, aaO § 143 Rn. 102; wohl auch Eckardt, aaO S. 606 f; Uhlenbruck/​Hir­te, aaO § 129 Rn. 24[]
  11. Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof, aaO § 129 Rn. 221[]
  12. vgl. hier­zu BT-Drucks. 12/​2443, S. 214; BGH, Urteil vom 06.10.2005 – IX ZR 36/​02, ZIP 2006, 39 Rn. 10[]
  13. vgl. BGH, Urteil vom 10.12. 2009 – IX ZR 206/​08, NZI 2010, 99 Rn. 8[]
  14. HK-InsO/K­reft, aaO § 129 Rn. 91; Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof, aaO § 129 Rn. 221[]