Insol­venz­an­fech­tun­gen bei Schnee­ball­sys­te­men

Der aus der Anfech­tung der Aus­schüt­tung von Schein­ge­win­nen im Rah­men eines Schnee­ball­sys­tems resul­tie­ren­de Rück­ge­währ­an­spruch des Insol­venz­ver­wal­ters erstreckt sich man­gels Unent­gelt­lich­keit nicht auf Aus­zah­lun­gen, mit denen – etwa nach einer Kün­di­gung der Mit­glied­schaft in der Anle­ger­ge­mein­schaft – vom Anle­ger erbrach­te Ein­la­gen zurück­ge­währt wor­den sind [1].

Insol­venz­an­fech­tun­gen bei Schnee­ball­sys­te­men

Der Insol­venz­ver­wal­ter kann die Aus­zah­lung von in „Schnee­ball­sys­te­men“ erziel­ten Schein­ge­win­nen durch den spä­te­ren Insol­venz­schuld­ner als objek­tiv unent­gelt­li­che Leis­tung nach § 134 Abs. 1 InsO anfech­ten. Dies ent­sprach schon der Recht­spre­chung unter Gel­tung der Kon­kurs­ord­nung (BGHZ 113, 98, 101 ff; BGH, Urt. v. 29. Novem­ber 1990 – IX ZR 55/​90, WM 1991, 331, 332 f), die der Bun­des­ge­richts­hof im Anwen­dungs­be­reich der Insol­venz­ord­nung fort­ge­führt hat [2]. Soweit die Aus­zah­lun­gen auf Schein­ge­win­ne und nicht auf einen Scha­dens­er­satz­an­spruch des Teil­neh­mers oder einen Berei­che­rungs­an­spruch erfolgt sind, füh­ren sie des­halb nicht zur Ent­rei­che­rung des Teil­neh­mers. Eine Auf­rech­nung mit einem Scha­dens­er­satz­an­spruch aus § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. § 263 StGB ist aus­ge­schlos­sen.

Unzu­tref­fend ist dem­ge­gen­über die Annah­me, nach der Sal­do­theo­rie sei die Ein­la­ge des Teil­neh­mers dem Anfech­tungs­an­spruch des Insol­venz­ver­wal­ters ent­ge­gen­zu­set­zen; des­sen Rück­zah­lungs­an­spruch sei auf die Dif­fe­renz zwi­schen den Aus­zah­lun­gen und den Ein­la­ge­zah­lun­gen ohne Anrech­nung des Agi­os begrenzt. Der Bun­des­ge­richts­hof hat hier­zu ent­schie­den, dass eine Sal­die­rung von Aus­zah­lun­gen auf Schein­ge­win­ne mit der vom Anle­ger erbrach­ten Ein­la­ge – unab­hän­gig von der Fra­ge, wie die fik­ti­ven Schein­ge­win­ne berech­net wer­den – nicht in Betracht kommt [3].

Eine unent­gelt­li­che Ver­fü­gung liegt vor, wenn ein Ver­mö­gens­wert des Schuld­ners zuguns­ten einer ande­ren Per­son auf­ge­ge­ben wird, ohne dass dem Schuld­ner ein ent­spre­chen­der Gegen­wert zuflie­ßen soll. Ent­gelt­lich ist dage­gen eine Ver­fü­gung, wenn der Schuld­ner für sei­ne Leis­tung etwas erhal­ten hat, was objek­tiv ein Aus­gleich für sei­ne Leis­tung war oder jeden­falls sub­jek­tiv nach dem Wil­len der Betei­lig­ten sein soll­te [4].

Erhält der Anle­ger, der sich an einem nach dem Schnee­ball­sys­tem kon­zi­pier­ten betrü­ge­ri­schen Kapi­tal­an­la­ge­mo­dell betei­ligt hat, Aus­zah­lun­gen, die sowohl auf Schein­ge­win­ne als auch auf die Ein­la­ge erfol­gen, so sind die­se nur gemäß § 134 Abs. 1 InsO anfecht­bar, soweit es um Aus­zah­lun­gen auf Schein­ge­win­ne geht. Aus­zah­lun­gen auf die Ein­la­ge – etwa nach einer Kün­di­gung der Betei­li­gung – sind man­gels unent­gelt­li­cher Leis­tung nicht anfecht­bar. Die Rück­zah­lung der Ein­la­ge stellt in die­sen Fäl­len den Gegen­wert für die vom Anle­ger erbrach­te Ein­la­ge dar.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te in sei­nen bis­he­ri­gen Ent­schei­dun­gen [5] nur über Fäl­le zu befin­den, in denen die Aus­zah­lun­gen der Schuld­ne­rin aus­schließ­lich auf Schein­ge­win­ne erfolgt waren. In die­sen Fäl­len gilt der Grund­satz, dass der Anfech­tungs­an­spruch alle Aus­schüt­tun­gen erfasst, wel­che die Schuld­ne­rin in der anfecht­ba­ren Zeit auf die ver­meint­li­chen Gewinn­an­sprü­che geleis­tet und damit dem (fik­ti­ven) Schuld­ver­hält­nis zuge­ord­net hat [6]. Nicht ent­schie­den wor­den ist die Fra­ge, was gilt, wenn die Aus­zah­lung auf die Ein­la­ge des Anle­gers erbracht wor­den ist. In die­sem Fall kann nicht von Unent­gelt­lich­keit aus­ge­gan­gen wer­den. Durch die Aus­zah­lung ver­liert der Anle­ger sei­nen Anspruch auf Rück­zah­lung der (noch vor­han­de­nen) Ein­la­ge; dar­in liegt sei­ne Gegen­leis­tung.

Bun­des­ge­richts­hof, Ver­säum­nis­ur­teil vom 22. April 2010 – IX ZR 225/​09

  1. Fort­füh­rung von BGHZ 179, 137[]
  2. BGHZ 179, 137, 140 Rn. 6; BGH, Urtei­le vom 13.03.2008 – IX ZR 117/​07, ZIP 2008, 975 f.; vom 25.06.2009 – IX ZR 157/​08[]
  3. BGH, Urteil vom 22.04.2010 – IX ZR 163/​09[]
  4. BGHZ 113, 98, 101 f; BGH, Urteil vom 18.03.2010 – IX ZR 57/​09, ZIn­sO 2010, 807 f.[]
  5. BGHZ 179, 137, 140; BGH, Urtei­le vom 13.03.2008, aaO; vom 25.06.2009 aaO; vom 22.04.2010 – IX ZR 160/​09; und vom 22.04.2010 – IX ZR 163/​09[]
  6. BGHZ 113, 98, 104 f.; 179, 137, 145[]