Insol­venz­frei­ga­be und Voll­stre­ckungs­ver­bot

Gibt ein Insol­venz­ver­wal­ter oder Treu­hän­der einen dem Schuld­ner gehö­ren­den Gegen­stand aus der Insol­venz­mas­se frei, unter­liegt die­ser als sons­ti­ges Ver­mö­gen des Schuld­ners dem Voll­stre­ckungs­ver­bot des § 89 Abs. 1 InsO.

Insol­venz­frei­ga­be und Voll­stre­ckungs­ver­bot

Das Voll­stre­ckungs­ver­bot des § 89 Abs. 1 InsO gilt für Zwangs­voll­stre­ckun­gen in die Insol­venz­mas­se und in das sons­ti­ge Ver­mö­gen des Schuld­ners. Nach­dem der Treu­hän­der einen Ver­mö­gens­ge­gen­stand frei­ge­ge­ben hat, ist die­ser aus der Insol­venz­mas­se aus­ge­schie­den und in die Ver­wal­tungs- und Ver­fü­gungs­be­fug­nis des Schuld­ners zurück­ge­langt 1. Es ist damit Teil des sons­ti­gen Ver­mö­gens des Schuld­ners im Sin­ne von § 89 Abs. 1 InsO. Der Wort­laut der Norm schränkt den Begriff des sons­ti­gen Ver­mö­gens nicht ein. Frei­ge­ge­be­ne Gegen­stän­de im Eigen­tum des Schuld­ners gehö­ren begriff­lich zwei­fels­frei zu sei­nem sons­ti­gen Ver­mö­gen.

Die Sys­te­ma­tik der §§ 35 bis 37 InsO recht­fer­tigt kei­ne ande­re Beur­tei­lung. Die­se Bestim­mun­gen regeln, was zur Insol­venz­mas­se gehört. Sie beschrei­ben nicht abschlie­ßend, was – da nicht zur Insol­venz­mas­se gehö­rend – das sons­ti­ge Ver­mö­gen des Schuld­ners bil­det. Als auf den Zeit­punkt der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens bezo­ge­ne Rege­lung sagen sie nichts über die Zuord­nung von Gegen­stän­den aus, die wie im Fal­le der Frei­ga­be zu einem spä­te­ren Zeit­punkt aus der Insol­venz­mas­se aus­schei­den.

Auch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des § 89 Abs. 1 InsO spricht nicht gegen eine Zuord­nung frei­ge­ge­be­ner Gegen­stän­de zum sons­ti­gen Ver­mö­gen des Schuld­ners. Vor­läu­fer von § 89 Abs. 1 InsO war § 14 Abs. 1 KO. Das bereits in die­ser Norm ent­hal­te­ne Ver­bot der Zwangs­voll­stre­ckung ein­zel­ner Kon­kurs­gläu­bi­ger auch in das nicht zur Kon­kurs­mas­se gehö­ri­ge, sons­ti­ge Ver­mö­gen des Schuld­ners soll­te es dem Schuld­ner ermög­li­chen, bereits wäh­rend des Kon­kurs­ver­fah­rens eine neue wirt­schaft­li­che Exis­tenz zu begrün­den 2. Die­sem Gesichts­punkt kommt unter der Gel­tung der Insol­venz­ord­nung, die anders als die Kon­kurs­ord­nung (§ 1 Abs. 1 KO) auch den Neu­erwerb der Insol­venz­mas­se zuord­net (§ 35 Abs. 1 InsO), nur noch eine gerin­ge­re Bedeu­tung zu. In Kennt­nis die­ses Umstands hat der Gesetz­ge­ber das sons­ti­ge Ver­mö­gen des Schuld­ners auch in § 89 Abs. 1 InsO für die Dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens dem Zugriff der Insol­venz­gläu­bi­ger ent­zo­gen 3. Das gerin­ge­re Gewicht des Zwecks, dem Schuld­ner durch den Schutz des sons­ti­gen Ver­mö­gens einen Neu­an­fang zu ermög­li­chen, ist ange­sichts die­ses gesetz­ge­be­ri­schen Wil­lens kein Argu­ment dafür, frei­ge­ge­be­ne Gegen­stän­de vom Voll­stre­ckungs­ver­bot des § 89 Abs. 1 InsO aus­zu­neh­men.

Es ist daher in Recht­spre­chung und Schrift­tum fast ein­hel­li­ge Mei­nung, dass das Voll­stre­ckungs­ver­bot des § 89 Abs. 1 InsO auch für vom Insol­venz­ver­wal­ter oder Treu­hän­der aus der Insol­venz­mas­se frei­ge­ge­be­ne Gegen­stän­de gilt, weil sie zum sons­ti­gen Ver­mö­gen des Schuld­ners gehö­ren 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Febru­ar 2009 – IX ZB 112/​06

  1. vgl. zur Frei­ga­be BGHZ 35, 180, 181; 148, 252, 258 f; 163, 32, 34 f; Pape ZIn­sO 2008, 465, 470 f[]
  2. Moti­ve II S. 51 f; Jaeger/​Henckel, KO 9. Aufl. § 14 Rn. 2[]
  3. Begrün­dung zum Regie­rungs­ent­wurf einer Insol­venz­ord­nung, BT-Drucks. 12/​2443, S. 137[]
  4. BGHZ 166, 74, 83, Rn. 26; LG Ber­lin ZMR 2005, 910; OLG Hamm Rpfle­ger 1971, 109 [zu § 14 KO]; Jaeger/​Eckardt, InsO § 89 Rn. 29 und 7; Münch­Komm-InsO/Breu­er, aaO § 89 Rn. 18; HK-InsO/­Kay­ser, aaO § 89 Rn. 16; Uhlen­bruck, aaO § 89 Rn. 15; Lüke in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO § 89 Rn. 14; Hmb­Komm-InsO/Ku­lei­sa 2. Aufl. § 89 Rn. 9; Ger­hardt in Gott­wald, Insol­venz­rechts-Hand­buch 3. Aufl. § 33 Rn. 12; BK-InsO/Bler­sch/v. Ols­hau­sen, § 89 Rn. 12; Nerlich/​Römermann/​Witt­kow­ski, InsO § 89 Rn. 4; a.A. Schmid­ber­ger Rpfle­ger 2006, 431 f[]