Iso­lier­te Auf­ent­halts­er­mitt­lungauf­trä­ge an den Gerichts­voll­zie­her

Vor­aus­set­zung für die Auf­ent­halts­er­mitt­lung des Schuld­ners nach § 755 ZPO ist ein zugrun­de­lie­gen­der Voll­stre­ckungs­auf­trag, der den Anfor­de­run­gen des § 802a Abs. 2 ZPO genü­gen muss. Iso­lier­te Auf­ent­halts­er­mitt­lungs­auf­trä­ge sind unzu­läs­sig 1.

Iso­lier­te Auf­ent­halts­er­mitt­lungauf­trä­ge an den Gerichts­voll­zie­her

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall erteil­te die Gläu­bi­ge­rin dem Gerichts­voll­zie­her unter Über­rei­chung eines voll­streck­ba­ren Titels einen "Auf­trag zur Voll­stre­ckung und Ermitt­lung des Auf­ent­halts­or­tes des Schuld­ners gemäß § 755 ZPO", da die­ser nach einer Aus­kunft des Ein­woh­ner­mel­de­amts unbe­kannt ver­zo­gen war. Der Gerichts­voll­zie­her ersuch­te die Gläu­bi­ge­rin, auch einen Auf­trag zur Ein­ho­lung der Ver­mö­gens­aus­kunft zu ertei­len, weil eine Auf­ent­halts­er­mitt­lung nur zusam­men mit einer kon­kre­ten Voll­stre­ckungs­maß­nah­me zuläs­sig sei. Die Gläu­bi­ge­rin lehn­te dies ab. Ihre Erin­ne­rung gegen die Untä­tig­keit des Gerichts­voll­zie­hers hat das Amts­ge­richt Leip­zig zurück­ge­wie­sen 2. Die dage­gen gerich­te­te sofor­ti­ge Beschwer­de der Gläu­bi­ge­rin hat vor dem Land­ge­richt Leip­zig eben­falls kei­nen Erfolg gehabt 3. Und der Bun­des­ge­richts­hof wies nun auch die vom Land­ge­richt in sei­ner Beschwer­de­ent­schei­dung zuge­las­se­nen Rechts­be­schwer­de der Gläu­bi­ge­rin zurück

Das Land­ge­richt Leip­zig hält für die Durch­füh­rung einer Auf­ent­halts­er­mitt­lung nach § 755 ZPO einen kon­kre­ten Voll­stre­ckungs­auf­trag für erfor­der­lich. Unter Voll­stre­ckungs­auf­trag im Sin­ne des § 755 ZPO sei nichts ande­res als in § 754 Abs. 1 ZPO zu ver­ste­hen. Hier­mit sei ein ein­deu­ti­ger und bestimm­ter Antrag gemeint, der genaue Anga­ben zu den Per­so­nen, der Voll­stre­ckungs­for­de­rung und der bean­trag­ten Voll­stre­ckungs­hand­lung ent­hal­ten müs­se. Im glei­chen Sin­ne sei der Begriff in § 802a Abs. 2 Satz 1 ZPO zu ver­ste­hen. Der Auf­trag zur Ermitt­lung des Auf­ent­halts­or­tes des Schuld­ners selbst stel­le kei­ne Voll­stre­ckungs­hand­lung dar, son­dern sol­le eine sol­che ledig­lich vor­be­rei­ten. Aus der Sys­te­ma­tik des Geset­zes und der Ent­ste­hungs­ge­schich­te des zum 1.01.2013 neu gefass­ten § 755 ZPO erge­be sich nichts ande­res. Der von der Gläu­bi­ge­rin erteil­te Auf­trag zur Voll­stre­ckung und Ermitt­lung des Auf­ent­halts­orts sei nach die­sen Maß­stä­ben unzu­rei­chend, weil er zu unbe­stimmt sei.

Das hält der recht­li­chen Nach­prü­fung stand.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits zum Aus­druck gebracht, dass er die vom Beschwer­de­ge­richt ver­tre­te­ne Rechts­auf­fas­sung, die unter ande­rem der­je­ni­gen des Land­ge­richts Hei­del­berg 4 ent­spricht, teilt 5. Dar­an hält der Bun­des­ge­richts­hof fest.

Vor­aus­set­zung für die Auf­ent­halts­er­mitt­lung des Schuld­ners nach § 755 ZPO ist ein zugrun­de­lie­gen­der Voll­stre­ckungs­auf­trag, der den Anfor­de­run­gen des § 802a Abs. 2 ZPO genü­gen muss. Iso­lier­te Auf­ent­halts­er­mitt­lungs­auf­trä­ge sind unzu­läs­sig 6.

Für die­ses Ver­ständ­nis spricht die dem Wort­laut in §§ 753, 754 ZPO ent­spre­chen­de For­mu­lie­rung in § 755 Abs. 1 ZPO, wonach der Gerichts­voll­zie­her "auf Grund des Voll­stre­ckungs­auf­trags" und unter "Über­ga­be der voll­streck­ba­ren Aus­fer­ti­gung" Ermitt­lun­gen des Auf­ent­halts­orts des Schuld­ners vor­neh­men darf. Es han­delt sich danach nicht um ein sepa­ra­tes und eigen­stän­di­ges Ver­fah­ren, son­dern steht im Zusam­men­hang mit der Zwangs­voll­stre­ckung im Sin­ne der §§ 802a ff. ZPO. Die Auf­ent­halts­er­mitt­lung ist kei­ne selbst­stän­di­ge Maß­nah­me der Zwangs­voll­stre­ckung, son­dern nur eine den Gerichts­voll­zie­her bei den ihm zuge­wie­se­nen Voll­stre­ckungs­maß­nah­men unter­stüt­zen­de Hilfs­be­fug­nis 7.

Die Sys­te­ma­tik des Geset­zes, ins­be­son­de­re die erst nach­fol­gen­de Beschrei­bung eines kon­kre­ten Voll­stre­ckungs­auf­trags in § 802a Abs. 2 ZPO, spricht ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de nicht gegen die­ses Ver­ständ­nis. Der Abschnitt 1 des Buchs 8 der Zivil­pro­zess­ord­nung regelt im Rah­men der all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten der Zwangs­voll­stre­ckung auch all­ge­mein bestimm­te Befug­nis­se des Gerichts­voll­zie­hers (vgl. § 754 ZPO), setzt aber jeweils den in den spe­zi­el­le­ren Vor­schrif­ten näher bezeich­ne­ten Voll­stre­ckungs­auf­trag vor­aus.

Bei der Aus­le­gung des Geset­zes ist schließ­lich zu berück­sich­ti­gen, dass die Maß­nah­men des § 755 ZPO das Grund­recht des Schuld­ners auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung berüh­ren 8. Des­halb ist für die Ver­fas­sungs­ge­mäß­heit der Vor­schrift eine Recht­fer­ti­gung not­wen­dig. Hier­für kom­men ins­be­son­de­re die Grund­rech­te des Gläu­bi­gers auf Schutz des Eigen­tums (Art. 14 GG) und effek­ti­ven Rechts­schutz (Art.19 Abs. 4 GG) in Betracht, die den Staat ver­pflich­ten, effek­ti­ve Mit­tel zur Durch­set­zung titu­lier­ter For­de­run­gen bereit­zu­stel­len 9. Es spricht daher alles dafür, dass die Durch­set­zung einer sol­chen For­de­rung und nicht schon die blo­ße Inne­ha­bung eines ent­spre­chen­den Titels die mate­ri­el­le Vor­aus­set­zung für die Maß­nah­men des Gerichts­voll­zie­hers nach § 755 ZPO ist. Dem ent­spricht die Geset­zes­be­grün­dung, nach der sie der Zeit­er­spar­nis die­nen 10, mit­hin die Zwangs­voll­stre­ckung beschleu­ni­gen sol­len, indem ver­mie­den wird, dass der Gerichts­voll­zie­her abwar­ten muss, bis der Gläu­bi­ger den Auf­ent­halts­ort ermit­telt und mit­ge­teilt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Juni 2017 – VII ZB 5/​14

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Beschluss vom 14.08.2014 – VII ZB 4/​14[]
  2. AG Leip­zig, Beschluss vom 09.12.2013 – 433 M 15111/​13[]
  3. LG Leip­zig, Beschluss vom 30.01.2014 – 7 T 822/​13[]
  4. LG Hei­del­berg, DGVZ 2014, 93[]
  5. BGH, Beschluss vom 14.08.2014 – VII ZB 4/​14 Rn. 3[]
  6. vgl. LG Hei­del­berg, DGVZ 2014, 93, 94, Rn. 9 – 15; zustim­mend Beck­OK ZPO/​Ulrici, Stand: 1.03.2017, § 755 Rn. 2, 4; Bütt­ner, DGVZ 2014, 188; Hint­zen in Heussen/​Hamm, Beck'sches Rechts­an­walts-Hand­buch, 11. Aufl., § 5 Rn. 55; Musielak/​Voit/​Lackmann, ZPO, 14. Aufl., § 755 Rn. 3; Hk-ZPO/Kindl, 7. Aufl., § 755 Rn. 2; Zöller/​Stöber, ZPO, 31. Aufl., § 755 Rn. 2[]
  7. vgl. LG Hei­del­berg, DGVZ 2014, 93, 94 12 m.w.N.[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 22.01.2015 – I ZB 77/​14, NJW 2015, 2509 Rn. 26 ff. zu § 802l ZPO[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 22.01.2015 – I ZB 77/​14, aaO Rn. 23 m.w.N.[]
  10. BT-Drs. 16/​10069, S. 23[]