Josch­ka hat ein Haus

Wo beginnt die Pri­vat­sphä­re eines Pro­mi­nen­ten, oder: wor­über darf die Pres­se alles berich­ten? Die­se Fra­ge stell­te sich jetzt wie­der ein­mal den Gerich­ten, wobei dies­mal Anlass zum Streit ein Bericht in der Zeit­schrift "BUNTE" war, in dem über einen Haus­kauf des ehe­ma­li­gen Aus­sen­mi­nis­ters Josch­ka Fischer berich­tet wur­de. Nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs war die­se Bericht­erstat­tung noch zuläs­sig.

Josch­ka hat ein Haus

Nach­dem der Klä­ger, ehe­ma­li­ger Außen­mi­nis­ter und Vize­kanz­ler der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, im Juni 2006 letzt­mals an einer Sit­zung sei­ner Bun­des­tags­frak­ti­on teil­ge­nom­men hat­te, ver­öf­fent­lich­te die von der Beklag­ten ver­leg­te Zeit­schrift "BUNTE" einen Arti­kel, der die Über­schrift trug: "Nobel lässt sich der Pro­fes­sor nie­der". In dem Arti­kel wer­den Ein­zel­hei­ten über ein vom Klä­ger erwor­be­nes Wohn­haus mit­ge­teilt und wird die Fra­ge gestellt, wovon der Klä­ger dies bezahlt habe; fer­ner ist ein Foto des Hau­ses abge­druckt. Der Klä­ger sieht sich durch die Ver­öf­fent­li­chung in sei­nem Per­sön­lich­keits­recht ver­letzt. Er hat des­halb Kla­ge erho­ben mit dem Antrag, der Beklag­ten die Ver­öf­fent­li­chung und Ver­brei­tung der Äuße­run­gen und von Fotos des Wohn­hau­ses zu unter­sa­gen. Das Land­ge­richt Ber­lin hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben, das Kam­mer­ge­richt hat sie auf die Beru­fung der Beklag­ten abge­wie­sen. Und auch der Bun­des­ge­richts­hof hielt jetzt wie bereits das Kam­mer­ge­richt die Bericht­erstat­tung für zuläs­sig und wies die vom Klä­ger gegen das Urteil des Kam­mer­ge­richts ein­ge­leg­te Revi­si­on zurück.

Zwar kann die Ver­öf­fent­li­chung und Ver­brei­tung des Fotos eines Wohn­hau­ses eben­so wie die Wort­be­richt­erstat­tung dar­über einen Ein­griff in das Per­sön­lich­keits­recht dar­stel­len, wenn sie unter Nen­nung des Namens einer Per­son und gegen deren Wil­len erfolgt, so dass die Anony­mi­tät der Pri­vat­sphä­re und damit das Recht auf Selbst­be­stim­mung bei der Offen­ba­rung der per­sön­li­chen Lebens­um­stän­de beein­träch­tigt wer­den. Das Beru­fungs­ge­richt hat den Ein­griff in das Per­sön­lich­keits­recht des Klä­gers durch die Bericht­erstat­tung der Beklag­ten aber ohne Rechts­feh­ler als nicht schwer­wie­gend beur­teilt. Es hat fest­ge­stellt, dass eine genaue Iden­ti­fi­zie­rung des vom Klä­ger erwor­be­nen Hau­ses auf­grund der Bericht­erstat­tung nicht ohne wei­te­res mög­lich war. Es hat des­halb im Rah­men der gebo­te­nen Abwä­gung zutref­fend dem berech­tig­ten Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se an der Bericht­erstat­tung eine über­wie­gen­de Bedeu­tung zuge­mes­sen. Die Beklag­te berich­te­te aus aktu­el­lem Anlass, näm­lich dem Abschied des Klä­gers von der Grü­nen – Bun­des­tags­frak­ti­on, dar­über, wie sich sei­ne Lebens­ver­hält­nis­se nach dem Aus­schei­den aus der Poli­tik gestal­te­ten. Der Klä­ger hat­te als lang­jäh­ri­ger Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter und Vize­kanz­ler, als Mit­glied des Bun­des­ta­ges, als Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der der Grü­nen sowie als Mit­glied des Par­tei­ra­tes der Grü­nen eine her­aus­ra­gen­de Stel­lung im poli­ti­schen Leben der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein­ge­nom­men. Die­se Stel­lung ver­lor er nicht bereits mit dem Ende sei­ner Amts­zeit als Außen­mi­nis­ter und Vize­kanz­ler im Jahr 2005. Auch soweit in dem Arti­kel die Wand­lung ange­spro­chen wird, die der Klä­ger seit Beginn der 1970er Jah­re durch­lebt hat, und die Fra­ge auf­ge­wor­fen wird, wovon der Klä­ger den Kauf­preis für das Haus bezahlt hat, ist ein Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se zu beja­hen, zumal der Arti­kel geeig­net ist, gesell­schafts- und sozi­al­kri­ti­sche Über­le­gun­gen der Leser anzu­re­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Mai 2009 – VI ZR 160/​08