Kauf­preis­min­de­rung vs. Scha­dens­er­satz beim Sach­man­gel

Schlägt der Anspruch des Käu­fers auf Her­ab­set­zung des Kauf­prei­ses wegen eines Man­gels der Kauf­sa­che fehl, weil der Betrag der Min­de­rung in Anwen­dung der in § 441 Abs. 3 Satz 1 BGB bestimm­ten Berech­nungs­me­tho­de nicht ermit­telt wer­den kann, kann der Käu­fer – auch wenn er gegen­über dem Ver­käu­fer die Min­de­rung erklärt hat – den ihm durch den Man­gel ent­stan­de­nen Ver­mö­gens­scha­den als Scha­dens­er­satz nach § 437 Nr. 3 i.V.m. § 281 Abs. 1 BGB gel­tend machen.

Kauf­preis­min­de­rung vs. Scha­dens­er­satz beim Sach­man­gel

Eine Min­de­rung des Kauf­prei­ses nach § 441 Abs. 3 Satz 1 BGB eine Dif­fe­renz zwi­schen dem Wert der Sache in man­gel­frei­em Zustand und ihrem tat­säch­li­chen Wert vor­aus und daher ent­fällt, wenn sich die bei­den Wer­te decken 1.

Ein hilfs­wei­se gel­tend gemach­te Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 437 Nr. 3 i.V.m. § 311a Abs. 2 Satz 1 BGB kann dann aber nicht mit der Begrün­dung ver­neint wer­den, dass der Käu­fer – wenn ein Min­der­wert der Sache wegen des Man­gels nach § 441 Abs. 3 Satz 1 BGB nicht fest­zu­stel­len ist – auch kei­nen Scha­den erlit­ten habe. Eine sol­che Argu­men­ta­ti­on wäre bereits im Aus­gangs­punkt nicht rich­tig, weil der nach § 311a Abs. 2 BGB von dem Ver­käu­fer zu erset­zen­de Scha­den – im Unter­schied zu § 441 BGB – nicht in dem Min­der­wert der ver­kauf­ten Sache besteht, son­dern durch die Wert­dif­fe­renz im Ver­mö­gen des Käu­fers zwi­schen dem hypo­thet-schen Ver­mö­gens­stand, wenn die Sache bei Gefahr­über­gang man­gel­frei gewe­sen wäre, und dem Ver­mö­gens­stand, wie er sich infol­ge des Sach­man­gels tat­säch­lich dar­stellt, bestimmt wird 2.

Der Käu­fer kann ver­lan­gen, so gestellt zu wer­den, wie er stün­de, wenn der Ver­käu­fer ord­nungs­ge­mäß erfüllt hät­te und die Sache man­gel­frei gewe­sen wäre 3. Besteht der Man­gel dar­in, dass die Erträ­ge gerin­ger und die Betriebs­kos­ten einer ver­mie­te­ten Sache höher als im Kauf­ver­trag ver­ein­bart sind, kann der Käu­fer die ihm dadurch ent­ste­hen­den Mehr­kos­ten von dem Ver­käu­fer als Scha­dens­er­satz auch dann bean­spru­chen, wenn die Vor­aus­set­zun­gen für eine Min­de­rung nach § 441 Abs. 3 Satz 1 BGB nicht veri­fi­ziert wer­den kön­nen.

Ein Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 437 Nr. 3, § 311a Abs. 2 Satz 1 BGB wäre auch nicht des­halb aus­ge­schlos­sen, weil der Käu­fer vom Ver­käu­fer die Min­de­rung des Kauf­prei­ses ver­langt hat.

Aller­dings ist strei­tig, ob die Min­de­rung nach § 441 Abs. 1 Satz 1 BGB, die abwei­chend von dem frü­he­ren Recht ein Gestal­tungs­recht des Käu­fers ist 4, für die­sen in dem Sin­ne bin­dend ist, dass er – wenn er ein­mal die Min­de­rung des Prei­ses erklärt hat – wegen des Man­gels von dem Ver­käu­fer nicht mehr Scha­dens­er­satz­an­spruch statt der Leis­tung gemäß § 281 BGB ver­lan­gen kann 5.

Die­se Rechts­fra­ge brauch­te vom Bun­des­ge­richts­hof jedoch nicht gene­rell ent­schie­den zu wer­den. Jeden­falls dann, wenn die Min­de­rung fehl­schlägt, weil der Betrag der Min­de­rung in Anwen­dung der in § 441 Abs. 3 Satz 1 BGB bestimm­ten Berech­nungs­me­tho­de nicht ermit­telt wer­den kann, ist der Käu­fer, der infol­ge des Man­gels tat­säch­lich einen Ver­mö­gens­scha­den erlit­ten hat, berech­tigt, sei­nen Scha­den im Wege des klei­nen Scha­dens­er­sat­zes gel­tend zu machen, auch wenn er bereits die Min­de­rung erklärt hat. Andern­falls wür­de näm­lich der Zweck der Vor­schrif­ten über die Gewähr­leis­tung des Ver­käu­fers bei einem Man­gel ins­ge­samt ver­fehlt, weil der Ver­käu­fer den vol­len Kauf­preis behiel­te, obwohl er sei­ne Ver­pflich­tung zur man­gel­frei­en Leis­tung nach § 433 Abs. 1 Satz 2 BGB nicht erfüllt hat, der Käu­fer dage­gen kei­nen Aus­gleich bekä­me, obwohl er durch den Man­gel eine Ver­mö­gens­ein­bu­ße erlit­ten hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 5. Novem­ber 2010 – V ZR 228/​09

  1. Jauernig/​Chr. Ber­ger, BGB, 13. Aufl., § 441 Rn. 6; Münch-Komm-BGB/H.P. Wes­ter­mann, BGB, 5. Aufl., § 441 Rn. 13[]
  2. BGH, Urteil vom 19.05.1993 – VIII ZR 155/​92, NJW 1993, 2103, 2104[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 28.11.2007 – VIII ZR 16/​07, BGHZ 174, 290, 293[]
  4. BT-Drs. 14/​6040, S. 234, 235[]
  5. so Palandt/​Weidenkaff, BGB, 69. Aufl., § 441 Rn. 8; PWW/​D. Schmidt, BGB, 5. Aufl., § 441 Rn. 6; Stau­din­ger/­Ma­tusch­ke-Beck­mann, BGB [2004], § 441 Rn. 1; Löge­ring, MDR 2009, 664, 666; a.A. für die Zuläs­sig­keit eines Wech­sels zum Scha­dens­er­satz­an­spruch: MünchKomm-BGB/H.P. Wes­ter­mann, 5. Aufl., § 437 Rn. 51; OLG Stutt­gart, ZGS 2008, 479, 480; Ber­scheid, ZGS 2009, 17, 18; Der­le­der, NJW 2003, 998, 1002; Wer­ten­bruch, JZ 2002, 862, 863; für eine gleich­zei­ti­ge Gel­tend­ma­chung von Min­de­rung und sog. klei­nem Scha­dens­er­satz: Bam­ber­ger-Roth/­Faust, BGB, 2. Aufl., § 437 Rn. 164; Erman/​Grunewald, BGB, 12. Aufl., § 437 Rn. 48; Althammer/​Löhnig, AcP 202 [2002], 520, 540[]