Kau­ti­on bei der Kin­der­krip­pe

Gemäß § 307 BGB unwirk­sam sind for­mu­lar­ver­trag­li­che Bestim­mun­gen in Ver­trä­gen über die Betreu­ung eines Kin­des in einer Kin­der­krip­pe, die

Kau­ti­on bei der Kin­der­krip­pe
  1. fest­le­gen, dass eine Kau­ti­on in erheb­li­cher Höhe (hier: 1.000 €) als "Dar­le­hen" an den Betrei­ber der Kin­der­krip­pe zu leis­ten ist;
  2. die Mög­lich­keit eines Abzugs nach § 615 Satz 2 BGB voll­stän­dig abbe­din­gen, wobei es aller­dings kei­nen Beden­ken begeg­net, wenn ver­ein­bar­te Fest- und Pau­schal­be­trä­ge stets für vol­le Mona­te zu ent­rich­ten sind;
  3. den Eltern eine – zumal: scha­dens­er­satz­be­wehr­te – Pflicht auf­er­le­gen, ihr Kind regel­mä­ßig in die Kin­der­krip­pe zu brin­gen und dort betreu­en zu las­sen.

Die Unwirk­sam­keit einer sol­chen AGBmä­ßi­gen Kau­ti­ons­re­ge­lung folgt aus § 307 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 BGB.

Eine unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung des Ver­trags­part­ners des Ver­wen­ders im Sin­ne von § 307 Abs. 1 BGB ist gege­ben, wenn der Ver­wen­der durch eine ein­sei­ti­ge Ver­trags­ge­stal­tung miss­bräuch­lich eige­ne Inter­es­sen auf Kos­ten sei­nes Ver­trags­part­ners durch­zu­set­zen ver­sucht, ohne von vorn­her­ein auch des­sen Belan­ge hin­rei­chend zu berück­sich­ti­gen und ihm einen ange­mes­se­nen Aus­gleich zuzu­ge­ste­hen1. So liegt es hier.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs sind Klau­seln, wel­che die Gestel­lung von Sicher­hei­ten für For­de­run­gen des Ver­wen­ders beinhal­ten, zwar nicht von vorn­her­ein zu bean­stan­den2. In Kin­der­krip­pen-Betreu­ungs­ver­trä­gen stellt es aber eine unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung des Ver­trags­part­ners des Ver­wen­ders dar, wenn eine Kau­ti­on in erheb­li­cher Höhe – hier: 1.000 € – als "Dar­le­hen" geleis­tet wer­den soll.

Wird eine Kau­ti­on in Form eines Dar­le­hens geleis­tet, so steht es dem Kau­ti­ons­neh­mer – als Dar­le­hens­neh­mer – frei, mit dem Betrag nach sei­nem Belie­ben zu ver­fah­ren. Er ist ledig­lich gehal­ten, die Sum­me bei Fäl­lig­keit (hier: "bei Aus­tritt aus der Ein­rich­tung") zurück­zu­zah­len (vgl. § 488 Abs. 1 Satz 2 BGB). Auf die­se Wei­se ist jedoch nicht gewähr­leis­tet, dass der über­las­se­ne Geld­be­trag allein zum Zweck der Siche­rung etwai­ger aus­ste­hen­der For­de­run­gen des Kau­ti­ons­neh­mers ver­wen­det und die­sem Zweck ent­spre­chend treu­hän­de­risch ver­wahrt wird. Damit geht ein­her, dass der Kau­ti­ons­ge­ber bei Leis­tung der Sicher­heit als Dar­le­hen – anders als bei der Ver­wah­rung des Gel­des auf einem Treu­hand­kon­to (s. § 551 Abs. 3 Satz 3 BGB, § 47 InsO) – das vol­le Insol­venz­ri­si­ko des Kau­ti­ons­neh­mers trägt3.

Hier­in liegt eine unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung des Ver­trags­part­ners des Ver­wen­ders.

Ob die Rege­lung in § 8 Abs. 2 der AGB im Hin­blick auf § 307 BGB auch des­halb zu bean­stan­den ist, weil die Sicher­heit "zins­los" geleis­tet wer­den soll4, bedarf daher kei­ner Ent­schei­dung.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Febru­ar 2016 – III ZR 126/​15

  1. st. Rspr.; s. etwa BGH, Urtei­le vom 17.01.2008 – III ZR 74/​07, BGHZ 175, 102, 107 Rn.19; vom 04.03.2010 – III ZR 79/​09, BGHZ 184, 345, 355 f Rn. 31; vom 13.01.2011 – III ZR 78/​10, NJW 2011, 1726, 1728 Rn. 24; und vom 21.02.2013 – III ZR 266/​12, NJW-RR 2013, 910 Rn. 11 []
  2. BGH, Urteil vom 09.10.2014 – III ZR 32/​14, NJW 2015, 328, 329 Rn.19 mwN []
  3. vgl. dazu etwa BGH, Urteil vom 20.12 2007 – IX ZR 132/​06, NJW 2008, 1152 Rn. 6 ff; Hin­weis­be­schluss vom 09.06.2015 – VIII ZR 324/​14, NJW-RR 2015, 1289 Rn. 3 []
  4. s. dazu Nie­b­ling, MDR 2009, 1022, 1023 []